Kommentar
29.05.2016

"Warum lassen wir Christen das zu?"

Papier der Kirchenleitung zu Flucht und Migration stellt "Gretchenfrage"

Zu Flucht und Migration hat die Leitung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gerade einen "Impuls zur evangelischen Orientierung" veröffentlicht, ein knapp fünf Seiten umfassendes Papier unter dem Titel "Noch Raum in der Herberge?" Die Kirchenleitung reagiert damit offenbar auf gesellschaftliche wie auch innerkirchliche Diskussionen und steuert dazu ihre Überlegungen bei. Es ist kein "Basta"-Papier, mit dem eine - in Teilen verworrene und verwirrende - Debatte beendet werden soll, sondern eben ein Impuls für das weitere Denken und Reden - ein Impuls, der große Veränderungen andeutet.
Adressiert ist der Impulstext an die "engagierten Ehren- und Hauptamtlichen in der EKHN" - aber diese Gruppe ist reichlich groß und uneinheitlich. Das dürfte den Redaktionsprozess schwierig gemacht haben, wie auch umgekehrt die (kleine) Vielfalt in der Kirchenleitung im Text leieder keinen Ausdruck mehr findet: das Ergebnis liest sich, wie sich eben kirchliche Verlautbarungen lesen. Insbesondere lässt sich nicht erahnen, welche Gedanken die fünf ehrenamtlichen Mitglieder der Kirchenleitung eingebracht haben und was sie anders sehen als etwa der Kirchenpräsident oder die sechs Pröpste - schließlich sind in der Flüchtlingsarbeit überwiegend Ehrenamtliche aktiv (und haben Fragen).

Zur "theologischen Vergewisserung" bräuchte es z.B. dringend Antworten auf die Frage nach der Heilsnotwendigkeit des Christentums. Dass jeder Mensch seine Religion bekennen und ausüben darf, wie es die Kirchenleitung proklamiert, ist eine rechtsstaatliche Selbstverständlichkeit. Das friedliche Nebeneinander, ja gar das konstruktive Miteinander verschiedener Religionen ist ein zivilisatorischer Fortschritt. Aber je weniger brachial eine Religion verbreitet wird, um so mehr steht die Frage im Raum, wie wichtig sie für Leben und Tod überhaupt ist. Während noch vor wenigen Jahrzehnten quasi eine "Mission um jeden Preis" betrieben oder wenigstens akzeptiert wurde, wird derzeit diskutiert, wann Flüchtlingen die Taufe verwehrt werden sollte, weil in einem Asylverfahren als „selbstgeschaffener Nachfluchtgrund“ angesehen werden kann (ausführlich als pdf, oder als html-Seite).

Im europäischen Diesseits spielt es ganz offensichtlich keine Rolle mehr, welcher Religion man angehört und ob man überhaupt an etwas Göttliches glaubt: alle können gute oder schlechte Menschen sein, alle müssen ganz selbstverständlich miteinander umgehen; in Ehen, Familien, Vereinen, Parteien kann eine große Bandbreite an Bekenntnissen koexistieren, und das christliche Tagesgeschäft läuft sehr weltlich ab, ganz ohne Ansehen der Konfessionen und Bekenntnisse.
Und im Jenseits? Hier gehen die Meinungen im religiösen Spektrum weit auseinander, - um so wichtiger wären eine offene und öffentliche Debatte - und theologische Impulse. (Auf dem Jugendkirchentag in Offenbach hat sich Kirchenpräsident Volker Jung dazu gerade sehr deutlich geäußert.)

Sich stärker mit Glaubensfragen zu befassen ist ein Gebot der Stunde. "Gott neu entdecken" heißt ein Claim zum Reformationsjubiläum. Dekan Stefan Klaffehn hat dazu aufgerufen, sich in den Gemeindeleitungen in jeder Sitzung mit der Suche nach Gott zu beschäftigen. Das dürfte dann auch für die Flüchtlingsarbeit hilfreich sein.

Denn vom Theologischen her gibt es für uns Kirchenmitglieder viele Fragen zu Asyl und Migration zu diskutieren - und wir sollten vorschnelle Vergewisserungen meiden. Die Kirchenleitung schreibt, um ein Beispiel zu nennen, zu den ethischen Pflichten eines Christenmenschen:
"Das Kriterium für diese Identifikation [mit den Errungenschaften einer Zivilisation], ist das 'Wohl' aller Erdenbürgerinnen und -bürger, ja sogar aller Kreatur dieser gesamten Ökosphäre, deren Teil wir sind. [... Das] Gastrecht [aller Erdenbürger] enthält die Verpflichtung, im Rahmen des 'Wohls' der jeweiligen Gesellschaft auch für das 'Wohl' der Schutzsuchenden zu sorgen. Mehr noch, dies impliziert die Verpflichtung, für Lebensverhältnisse zu sorgen, bei denen allen Erdenbürgern – auch in ihren jeweiligen 'Heimaten'  – ein hinreichendes Maß an 'Wohl' zukommt."

Dem werden vermutlich die meisten Christen zustimmen, ganz gleich, wo sie parteipolitisch stehen. Denn was eine solche ethische Verpflichtung konkret bedeutet, ist damit noch überhaupt nicht gesagt. In vielen Regionen der Welt sind die Lebensverhältnisse der Menschen schon immer unzureichend, quälend, tödlich. Diese Situation hat aber immer nur einzelne Christen zu einer Veränderung ihres eigenen Lebens und zu bedingungsloser Solidarität mit den Leidenden gebracht. Ganz überwiegend nimmt das organisierte Christentum das Leid der Erde hin (was die Kirchenleitung selbst mit den Worten andeutet: " Nicht immer ist bewusst, dass der Wohlstand der einen auch mit der Not der anderen zusammenhängt.")
Im Blick sind derzeit fast nur diejenigen, die es über unsere Grenzen geschafft haben und ihre Not direkt vor unsere Haustüren tragen - oder die zumindest sichtbar kurz davor stehen. Das Leid derer, die nicht (bis zu uns) fliehen können, der Unterdrückten, der Kranken, der Hungernden, der Opfer des industriellen Klimawandels, ist kaum im Blick. Nicht warum Gott das alles zulässt ist die spannende Frage, sondern warum wir Christen es zulassen.

Die Kirchenleitung schreibt:
"Im besten Fall gelingt es im Raum der Bürgergesellschaft [...], durch inter-kulturelle und inter-religiöse Prozesse einen erweiterten Begriff des gemeinsamen 'Wohls' zu entdecken, der alle Erdenbürgerinnen und -bürger sowie die Ökosphäre im Blick hat."

Diese spannende Perspektive ist keine Vergewisserungen, sie lässt größte Verunsicherungen erwarten. Denn wenn wir tatsächlich das gemeinsame Wohl aller Kreatur anstreben wollen, wird sich das Leben bei uns radikal verändern müssen.