Migration
28.10.2015

Gefährden Flüchtlinge die Gesundheit?

Einig Mitbürger haben Angst vor Krankheiten, die Flüchtlinge einschleppen könnten

Malaria, Tuberkulose, Krätze, Borrelia recurrentis, Amöbenleberabszess, Meningitis, Leptospirose - die Liste möglicher Infektionskrankheiten, über die man sich lange Zeit in Deutschland keine Gedanken mehr gemacht hat, ist lang. In der aufgeheizten Diskussion um die Flüchtlingszuzüge nach Deutschland sind nun auch Gesundheitsmahner zu vernehmen: sie befürchten, die Asylsuchenden könnten gefährliche Krankheiten einschleppen. Doch das zuständige Bundesinstitut gibt Entwarnung: mit nennenswerten Ansteckungen sei nicht zu rechnen. Und diese Einschätzung ist auch gut nachvollziehbar.

Dazu muss man sich zunächst vergegenwärtigen, wie Infektionskrankheiten übertragen werden. Krankheiten wie Malaria oder Leptospirose können nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden. Malaria etwa, an der jährlich über 1 Million Menschen sterben, wird von Anopheles-Mücken übertragen, in denen sich der Erreger Plasmodium erst entwickeln muss und der es dabei durchgängig tropisch warm braucht. Nach derzeitigem Forschungsstand ist eine Malaria-Übertragung in Deutschland daher ausgeschlossen.
Krankheiten, die von Mensch zu Mensch übertragen werden, setzen immer einen nahen Kontakt voraus. Manche Erreger verbreiten sich über Husten oder Niesen des Infizierten, Typhus wird über Wasser oder Lebensmittel übertragen, die mit kontaminiertem Urin oder Kot verunreinigt sind.
Viele, für den bereits Infizierten durchaus gefährliche Krankheiten stellen daher für Außenstehende keinerlei Risiko dar. Dass auch schwere krankheiten bei richtigem Verhalten (Abstand halten, Händedesinfektion) für andere gar nicht so gefährlich sind, kann man sich an den Berufsgruppen klar machen, die täglich mit Kranken zu tun haben: Ärzte und Schwestern.

Gegen Krankheiten wie Diphterie oder Wundstarrkrampf (den man sich bei jeder offenen Verletzung holen kann!) gibt es Schutzimpfungen - die für jeden Bürger empfohlen sind, ganz unabhängig von Zuwanderung oder anderen gesellschaftlichen Veränderungen. Nur wer die entsprechenden Schutzimpfungen nicht hat, setzt sich im engen Kontakt mit Infizierten einer eigenen Ansteckungsgefahr aus.

Die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sind ganz überwiegend gesund. "Die meisten haben eine sehr lange und ansteckende Reise hinter sich, die man mit einer schweren Erkrankung gar nicht schaffen kann", erläutert auf Anfrage Dr. Robert Ruckelshausen, der an Erstuntersuchungen direkt nach Eintreffen von Flüchtlingsbussen im Vogelsberg beteiligt ist. Beim ersten Schnellcheck wird u.a. bei jedem Ankommenden Fieber gemessen, wer eine erhöhte Temperatur hat, kommt direkt zur Beobachtung auf die Krankenstation. "Krätze und Läuse gab es ein paar Mal, aber das habe ich in meinem normalen Praxisbetrieb auch", sagt Ruckelshausen und verweist darauf, dass ein solcher Parasitenbefall gut zu behandeln ist.

Impfungen

Das Robert Koch Institut (RKI) weist darauf hin, dass die völlig unabhängig von der Flüchtlingssituation empfohlenen Impfungen vor den wesentlichen Krankheiten schützen.
Die empfohlenen Impfungen:
+Tetanus (Wundstarrkrampf)
+Diphtherie 
+Kinderlähmung (Polio)
+Keuchhusten (Pertussis)
+Masern (für nach 1970 Geborene)
+Mumps (für nach 1970 Geborene)
+Röteln (für nach 1970 Geborene)
+Influenza (Virusgrippe; für Personen ab 60 Jahre; in der Saison)

Ferner werden für Mitarbeiter und ehrenamtliche Helfer in den Flüchtlingseinrichtungen folgende Impfungen empfohlen:
+Hepatitis A (Übertragung fäkal-oral)
+Hepatitis B (Übertragung durch Blut/ Körperflüssigkeiten)
+Auffrischimpfung gegen Polio, falls letzte Impfung vor mehr als 10 Jahren
+Influenza (in der Saison)

Die Grundimpfungen werden alle von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt, ebenso nötige Auffrichungen (Tetanus, Diphterie, Keuchhusten alle 10 Jahre). Impfungen gegen sog. Kinderkrankheiten werden allerdings bei Erwachsenen nicht mehr bezahlt - hier halten die meisten Ärzte auch eine späte Impfung nicht mehr für angebracht. Nicht von den Kassen übernommen wird die Hepatitis-Impfung, die etwa 50 EUR kostet (einmalige Impfung, Schutz für ein halbes Jahr; wer sich danach ein zweites mal impfen lässt, ist lebenslänglich immun).

Impfungen sind in vielen Fällen sinnvoll, weil nicht jeder Krankheitsausbruch behandeltbar ist. So können Antibiotika grundsätzlich nur bei Bakterien-Infektionen, nicht aber bei Viren-Infektionen helfen (von Viren ausgelöste Krankheiten sind z.B. die Röteln, Polio, Grippe). Die Tollwut lässt sich beispielsweise nicht behandeln und verläuft immer tödlich (in Deutschland und vielen anderen Ländern ausgerottet, weltweit aber noch verbreitet).

Medizinische Untersuchung der Flüchtlinge

Nach dem „Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen“ (Infektionsschutzgesetz - IfSG) sind Bewohner von „Altenheim, Altenwohnheim, Pflegeheim“ und in einer „Gemeinschaftsunterkunft für Obdachlose, Flüchtlinge, Asylbewerber oder in eine Erstaufnahmeeinrichtung des Bundes für Spätaussiedler“ verpflichtet, „ein ärztliches Zeugnis darüber vorzulegen, dass bei ihnen keine Anhaltspunkte für das Vorliegen einer ansteckungsfähigen Lungentuberkulose vorhanden sind.“ Flüchtlinge und Asylsuchende über 15 Jahre müssen dazu eine in Deutschland erstellte Röntgenaufnahme ihrer Lunge vorweisen, Schwangere ausgenommen (§ 36 Absatz 4 IfSG). Die entsprechenden Untersuchungen müssen sich die Menschen gefallen lassen, das Gesetz legt dazu explizit fest: „Das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Abs. 2 Satz 1 Grundgesetz) wird insoweit eingeschränkt.“
Ferner bestimmt das Asylgesetz (AsylG) in § 62: „Ausländer, die in einer Aufnahmeeinrichtung oder Gemeinschaftsunterkunft zu wohnen haben, sind verpflichtet, eine ärztliche Untersuchung auf übertragbare Krankheiten einschließlich einer Röntgenaufnahme der Atmungsorgane zu dulden. Die oberste Landesgesundheitsbehörde oder die von ihr bestimmte Stelle bestimmt den Umfang der Untersuchung und den Arzt, der die Untersuchung durchführt.“ (Im Jahr 2014 gab es in ganz Deutschland insgesamt 4.488 Tuberculose-Fälle.)

Zur Prävention empfiehlt das Robert Koch Institut, auch bei den hier ankommenden Flüchtlingen umgehend fehlende Impfungen nachzuholen. Liegen keine Impfdokumente vor, sei davon auszugehen, dass kein Schutz besteht und daher geimpft werden müsse.

Helmut Laschet, stellvertretender Chefredakteur der Ärzte Zeitung, warnt in einem Kommentar vor Panikmache:
„So wird nun der Zustrom an Flüchtlingen zum Risiko für die Volksgesundheit hochstilisiert: 'Unsere Gesundheit steht auf dem Spiel. Unter dem massenhaften Ansturm der Menschen aus dem Ausland ist eine ordentliche gesundheitliche Untersuchung nicht mehr möglich, und gefährliche Infektionskrankheiten können unbemerkt nach Deutschland eingeschleppt werden', heißt es in einer Pressemitteilung der AfD Bayern.“
Und Laschet stellt klar: „Das Infektionsrisiko trifft zuallererst die Flüchtlinge selbst. Sie sind diejenigen, die angesichts der beengten Verhältnisse in unzulänglichen Massenunterkünften gefährdet sind. Und hier ist mit Prävention anzusetzen.“

Einen wichtigen Infektionsschutz haben so viele Menschen in Deutschland nicht im Blick, dass die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eigene Kampagnen dazu macht, und zwar vom Kindergarten bis ins Büro: der Gesundheit sehr zuträglich ist nämlich das regelmäßige Händewaschen.