22.05.2015

Kirche und Sex - der Dauerabtörner

Grundlegende Fragen zur "kirchlichen Sexualmoral"

Die katholische "Laienorganisation" hat gefordert, auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu segnen. Den "Fehdehandschuh" griff ausgerechnet der jüngste katholische Bischof in Deutschland auf, der sich dabei als sehr alt, konservativ und klerikal präsentierte. Doch die Debatte ist viel grundsätzlicher, eine echte "Gretchenfrage": Warum nur beschäftigt sich das organisierte Christentum so leidenschaftlich mit Vorgaben, Verboten und Leitlinien für die menschliche Sexualität? Religiös wirken die Statements nie - sie haben alle ihre Entsprechung in der ganz profanen Gesellschaft, auch ohne Gottesglauben.

Der smarte "Jung"-Bischof und sein Applaus von den "Konservativen" - der PR-Erfolg war Stefan Oster  mit seiner Kritik am Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZDK) und dem Pochen auf ein "biblisches Familienbild" sicher. Das ZDK hatte gefordert, Formen der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und Partnerschaften von Geschiedenen zu entwickeln. Es brauche eine „vorbehaltlose Akzeptanz des Zusammenlebens in festen gleichgeschlechtlichen Partnerschaften“. In dem einstimmigen Beschluss des ZDK heißt es etwa:

"Auch in anderen Formen gemeinschaftlichen Lebens werden Werte gelebt, welche die Ehe als Bild für den Bund zwischen Gott und Menschen auszeichnen: das unverbrüchliche Ja zu der anderen Person, die stete Bereitschaft zur Versöhnung sowie die Aussicht auf eine fruchtbare Beziehung im Austausch der Gaben der Personen. Diese Lebens- und Familienformen gilt es ausdrücklich wertzuschätzen, auch wenn sie nicht der Form einer sakramentalen Ehe entsprechen. Wir denken hier an auf Dauer angelegte Partnerschaften, an standesamtlich geschlossene Ehen sowie an eingetragene Lebenspartnerschaften."

In einem ausführlichen Kommentar auf Facebook hatte der katholische Bischof Stefan Oster (Jahrgang 1965) zwei Tage später seine Kritik an dem ZDK-Beschluss formuliert. Oster, einige Zeit Dogmatik-Professor, schreibt darin u.a.:

"Wenn wir den bislang gelebten und geteilten kirchlichen Glauben zu diesen Themen betrachten, basierend auf der Hl. Schrift, der Überlieferung und dem Lehramt, dann würde ein positives Eingehen auf diese Forderungen des ZDK eine dramatische Veränderung von Vielem bisher Gültigen im Blick auf die Themen Ehe und Sexualität bedeuten. Die Kirche glaubt nämlich aufgrund der ihr geschenkten Offenbarung, dass ausgelebte sexuelle Praxis ihren genuinen und letztlich einzig legitimen Ort in einer Ehe zwischen genau einem Mann und einer Frau hat, die beide offen sind für die Weitergabe des Lebens und die bis zum Tod eines der Partner einen unauflöslichen Bund geschlossen haben. Der Kirche ist dabei völlig bewusst, dass dies ein hoher Anspruch ist; sie glaubt aber ohnehin, dass diesen Anspruch kein Mensch und kein Paar aus eigenen Kräften einlösen kann. Daher heißt dieser Bund auch Sakrament und wird im Glauben durch die ausdrückliche Zusage Gottes bestärkt und bekräftigt, der Dritte im Bund zwischen Zweien zu sein; derjenige, der diese Beziehung verbindet, heiligt, unauflöslich macht und auch immer wieder Quelle des Heils für sie ist."

Jede andere Form "vollständig vollzogener sexueller Praxis außerhalb der Ehe"  sei nach biblischem Verständnis Unzucht oder Ehebruch und sei mit "zum Teil sehr dramatischen" Sanktionen belegt. Oster: "Die kirchliche Tradition hat dieses Urteil der Schrift insgesamt immer geteilt und übernommen; wenn auch nicht einfach undifferenziert."

Das Besondere an der Ehe sei die gemeinsam gelebte Sexualität - sie unterscheide diese Partnerschaft von einer Freundschaft. "Das ZdK möge doch zunächst ehrlich sein und jenseits der Frage nach solchen „Werten“, die man immer und in beinahe jeder Hinsicht gutheißen (=benedicere, segnen) kann, auch die offene Forderung einschließen, dass man damit auch die praktizierte Sexualität in nicht ehelichen Beziehungen endlich gutheißen, also segnen möge. Alle Rede um Werte darum scheint mir eine gut gemeinte aber letztlich kaschierende Verpackung, denn sie verfehlt argumentativ das Wesentliche des Anliegens."

Bischof Oster sieht das ZDK als sog. katholische Laienorganisation, die "die Kräfte des Laienapostolats koordiniert", auf Abwegen: "Das Zentralkomitee ist aus meiner Sicht dabei, mit dieser Erklärung sehr wesentliche Aspekte des biblischen Menschenbildes und des biblischen Offenbarungsverständnisses hinter sich zu lassen. Und tatsächlich beunruhigend ist für mich, dass es diesen Weg offenbar mit der größtmöglichen Mehrheit seiner Repräsentanten geht."

Und nun tobt eine alte Diskussion, die sich mühelos vorhersagen ließ - mit allen einzelnen Argumenten, Verletzungen, Protesten, Medienreaktionen... Da uns alle das Thema sicherlich noch lange begleiten wird, und zwar zwangsläufig in allen Kirchen, alleine schon, weil in der Öffentlichkeit ggf. nicht genau differenziert wird, einige Anmerkungen für die Debatten dazu:

* Das biblische Bild oder Verständnis von Ehe und Familie ist nicht nur Gottes Wort, es entspricht zufällig auch den gesellschaftlichen Vorstellungen seinerzeit (das bis weit in die Neuzeit hinein galt). 

* Und was die Bibel als richtig vorgibt, entspricht ebenso zufällig dem biologischen Ziel von Sexualität: nämlich erfolgreich Nachwuchs zu schaffen (was weit mehr als den Koitus erfordert). Die Organisationsformen dafür sind vielfältig, selbst beim Menschen gibt es in Abhängigkeit von den Umweltbedingungen mehrere Familienkonstruktionen.

* Das Problem seit Anbeginn unserer Spezies: der Mensch kann sich besonders gut und einfach von seinen biologischen Bestimmungen lösen. Das liegt nicht nur an seinem freien Willen (mit dem er in der Natur keineswegs alleine ist). Im wichtigen Bereich der Sexualität etwa ist er sehr primitiv erregbar, da genügt bekanntlich schon ein Anflug von Phantasie; in allen möglichen und unmöglichen Naturbildern, Bauwerken oder Landschaftsformationen sehen Menschen primäre Geschlechtsmerkmale. Ums kurz zu machen: der Mensch ist tendenziell sexuell immer erregbar (eben bewusst nicht nur in einer speziellen "Fortpflanzungsphase") und er kann sexuelle Befriedigung auf sehr vielfältige Weise erlangen, - da wäre nur verwunderlich, wenn er die Vielfalt nicht nutzen würde.

* Religion, Philosophie, Ethik, die gesamte Politik mit Rechtsetzung, "Daseinsfürsorge" und finanzieller Umverteilung ziehen in dieser Vielfalt des menschlichen (Sexual-)Lebens Grenzen, Mauern, "rote Linien", die erlaubtes Verhalten von unerlaubtem oder wenigstens unerwünschtem scheiden. Diese Grenzen werden ständig diskutiert, neu vermessen, verändert, - und natürlich vielfach ignoriert. So war, zur Erinnerung, bis 1969 männliche Homosexualität in Deutschland grundsätzlich mit Gefängnisstrafe bewehrt (und bis 1994 noch für Sexualität zwischen Über- und Unter-18-Jährigen).

* Das eine immer größere Vielfalt sexueller Lebensformen offen praktiziert und von der Gesellschaft akzeptiert wird liegt schlicht daran, dass das klassische Ehemodell mit dem Ziel der gemeinsamen Fortpflanzung und Überlebenssicherung nicht mehr notwendig ist. Familienbanden sind keine Voraussetzung mehr fürs Überleben in schlechten Zeiten, in Krankheit und Alter, Kinder sind längst keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern "Projekte", zu denen man sich aus Lust und Laune irgendwann und unter völlig anderen Rahmenbedingungen als noch vor wenigen Jahrzehnten entschließen kann.

* Wie andere Glaubensgemeinschaften auch stehen die christlichen Kirchen vor der Herausforderung, dass sie einerseits gerne dem Mainstream folgen  wollen, um nicht noch mehr Mitglieder zu verlieren und öffentlich angefeindet zu werden, bzw. dem Mainstream folgen müssen, weil sie sich demokratisch organisiert verstehen wollen, andererseits aber dem Zeitgeist ein biblisches Offenbarungswissen entgegenstellen, um sich von der profanen Welt zu unterscheiden.

* In ihrer Geschichte haben die Kirchen schon immer bestimmte Aussagen der Bibel relativiert, "aktualisiert" oder schlicht ignoriert, andere aber als unumstößliches Wort Gottes hochgehalten. Wie es zu diesen unterschiedlichen Bewertungen kommt, ist - für das normale Kirchenmitglied - keineswegs immer nachvollziehbar. So sei etwa an das wunderbare Zinsverbot erinnert (u.a. 2. Mose 22,24; 3. Mose 25,36-37; 5. Mose 23,20-21; Ezechiel 18,5-17), das heute zwar viele neue Anhänger findet, darunter aber kaum Kirchenleitende, die stattdessen schauen, wir sie das Kirchenvermögen möglichst zinsbringend anlegen können.

* Das muss zwangsläufig zu Spannungen, Merkwürdigkeiten, Verrenkungen führen, die jetzt hier gar nicht aufgelistet werden  sollen - wer die Diskussionen ein wenig verfolgt, kennt genügend davon. Eine auch für den Protestantismus sehr kniffelige Situation benennt Bischof Oster: warum sollte die Öffnung von kirchlich akzeptierten Partnerschaften sich zwar auf die Geschlechterkonstellation, nicht aber auf die Zahl der Beteiligten beziehen (zumal es dafür auch beim Menschen biologische Vorbilder gibt)? (Bischof Stefan Oster dazu wörtlich: "Wenn also auf der Basis von „Werten“ liturgische Segnungsfeiern für Beziehungen aller Art gestaltet werden sollen, die keine sakramentale Ehe sind, stellt sich mir die Frage: Warum eigentlich nur für zwei? Wenn etwa drei oder mehr Leute desselben oder auch unterschiedlichen Geschlechts einerseits das Bett teilen und andererseits z.B. miteinander einen verlässlichen und fürsorglichen Rahmen für Kinder bilden wollten, warum sollte man diese Verbindung nicht auch segnen? Es würden doch „Werte“ in ihr gelebt? Und wie begründet sich auf der Basis von Werten, dass der "geschützte Rahmen", in den gelebte Sexualität nach Meinung des ZdK eingebettet sein soll, eben nur von genau zwei Leuten, egal welchen Geschlechts, geschützt sein soll und nicht von mehreren auch geschützt werden könnte, wenn sie sich sexuell und auch sonst gut verstehen?")

* Die Kirchen haben sich mit den vielen Stellungnahmen ihres Klerus bzw. ihrer Gremien zu Fragen der Sexualität längst selbst eingesponnen. Dass hier das normale, pralle Leben im Jahre 2015 nach Christus, kirchliche Dogmatik und Bibel irgendwie in Einklang zu bringen sind, kann ausgeschlossen werden.

* Es bleibt die entscheidende Frage, warum überhaupt sich Kirchenvertreter meinen zu Fragen der Sexualität äußern zu müssen  und verbindliche Vorgaben formulieren wollen - ob nun par ordre du mufti oder durch ein mehr oder weniger partizipatorisch begründetes Votum kirchlicher Eliten. Allein innerhalb des Protestantismus ist hier kein Ende erbitterter Abgrenzungsdebatten zu sehen, die letztlich alle den Eindruck erwecken, es gehe weniger um ein Gott gefälliges Leben und die Sorge um Mitmenschen als um schlichte Deutungshoheit und damit irgendwie geartete Macht.

* In der Öffentlichkeit spielt die "kirchliche Sexualmoral" eine erhebliche Rolle - ohne, dass es diese "kirchliche Sexualmoral" überhaupt gibt, jedenfalls im protestantischen Bereich. Allein die Erwartung, "die Kirche" sage wohl etwas zu den Spielarten menschlicher Sexualität und Partnerschaft, sorgt für erhebliche Abwehrhaltungen - und zwar von allen Seiten (dem einen ist es eben alles viel zu lasch, dem anderen viel zu konservativ - und das jeweils auf der Basis eigener Annahmen, nur selten auf der Basis echter Vorgaben, Beschlüsse, Kirchengesetze, Dogmen).

* Zu allem Verdruss machen auch noch die meisten  Theologen in den Debatten eine schlechte Figur. (Ob Bischof Oster da eine Ausnahme ist, bleibt abzuwarten.)

Ein aktuelles Beispiel für die schlechte PR durch christliche Sexdebatten liefert gerade der Spiegel (21/2015) mit seinem sogar auf dem Cover angekündigten Beitrag "Evangelikale: Konservative Christen erobern Deutschland" ("Böse Geister sind Realitäten", S. 30-32). Obwohl es in den meisten Sonntagsgottesdiensten und Gemeinden kam je eine Rolle spielen dürfte, wird hier wir üblich die "kirchliche Sexualmoral" breitgetreten - und recht machen kann man es den Damen und Herren Journalisten in diesem Punkt natürlich nie.

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