Kirchensteuer
23.07.2015

Verantwortung für Kirchenaustritte übernehmen

Soviele Mitglieder wie lange nicht sind 2014 aus der evangelischen Kirche ausgetreten - Zeit, über das Wesentliche zu reden

Schon wieder ein Rekord bei den Kirchenaustritten, und dieses Mal ist er heftig: 410.000 Mitglieder haben die evangelischen Landeskirchen in Deutschland 2014 verloren, so viel wie seit Anfang der 1990er Jahre nicht mehr. Wie groß daran der Anteil an Austritten Lebender und wie groß der Anteil an Sterbefällen ist, hat die EKD noch nicht veröffentlicht. Einen ähnlich starken Rückgang hat es jedenfalls in den letzten Jahren nicht gegeben.
410.000 Menschen, das entspricht fast 14 Mal dem Evangelischen Dekanat Alsfeld - oder einem Viertel der EKHN. In der EKHN alleine sind  im vergangenen Jahr 19.703 Menschen ausgetreten (zum Vergleich: fünf Jahre zuvor waren es nur 11.330, im Jahr 2013 waren es 13.702), zusammen mit den Sterbefällen und unter Berücksichtigung von Eintritten und Taufen hat die EKHN innerhalb eines Jahres unterm Strich 31.985 Mitglieder verloren.
Doch worin gründet sich die neue Austrittswelle? In der Vergangenheit wurde mit "der Krise um den Limburger Bischof Tebartz van-Elst" argumentiert, mit dem "Missbrauchs-Skandal", ja sogar einen "Drewermann-Effekt" hatten wir schon.

Der Pressesprecher der EKHN, Pfarrer Volker Rahn, betitelt seine Meldung dazu jedenfalls: "Zahlen zwischen 'Spar-Schock' und 'Tebartz-Effekt'".

Die EKD hat für 2014 zwar noch nicht verraten, wie sich der Mitgliederschwund genau zusammensetzt, aber aus den Zahlen der vielen Vorjahre ergibt sich deutlich:

1.) Es gibt weit mehr Austritte als Eintritte. Auch wenn es im Detail natürlich für jede einzelne Kündigung der Mitgliedschaft ganz persönliche Gründe geben kann, es ist ein Abwenden von der Institution Kirche, der oft eine lange Phase der Entfremdung oder der Glaubenszweifel vorangegangen ist.

2) Die Zahl der Taufen ist gering. Längst wird nicht mehr jedes Kind evangelischer Eltern auch evangelisch getauft. Selbst wenn man die Kircheneintritte einschließlich der Erwachsenentaufen nimmt, von denen inzwischen viele im Konfirmandenalter erfolgen, verliert die Kirche hier. Freunde der Parole vom "Gesundschrumpfen" weisen an dieser Stelle darauf hin, dass die früher übliche Neumitgliedschaft aller Kleinkinder eine mindestens komfortable Situation war: bekanntlich haben über den Eintritt in die Kirche die Eltern entschieden, den Austritt muss der damals Nichtgefragte dann ggf. später auf dem Amtsgericht selbst erledigen.
Wie komfortabel die Lage früher war wird auch daran deutlich, dass wohl alle leitenden Pfarrer der Landeskirchen sagen, die Idee von einer werbenden Kirche sei zwar richtig, aber ein "Wachsen gegen den Trend" sei denn doch bei aller Macht des Heiligen Geistes illusorisch. 

3.) Der "demografische Effekt", die derzeitige Veränderung der Bevölkerungsstruktur, ist nicht so bedeutsam, wie das oft dargestellt wird. Ja, es gibt weniger Geburten als Sterbefälle, die Geburtenrate liegt aktuell bei 1,4 Kindern pro Frau (für eine konstante Population bräuchte es, ohne Kindstod und andere Unglücke, rechnerisch natürlich 2 Kinder pro Frau). In der Gesamtbevölkerungszahl wird die geringe Geburtenrate derzeit durch Migration kompensiert (das Statistische Bundesamt geht aber auch hier in Zukunft von einer Schrumpfung aus). Doch die Veränderungen der Kirchenmitgliederzahl verhält sich nicht analog zur Bevölkerungsentwicklung. So gab es in der Bevölkerung 2013 etwa 24% weniger Geburten als Sterbefälle, in der EKHN gab es aber 41% weniger Taufen als Mitgliederbestattungen.
2013 lag EKD-weit das Verhältnis von Mitglieder-Bestattungen zu Austritten  bei 60 zu 40 Prozent.

Für die neuen Rekordwerte bei den Kirchenaustritten machen Thomas Begrich (EKD), Erzbischof Stephan Burger (Freiburg) und viele andere in der Öffentlichkeit das geänderte Einzugsverfahren auf Kapitalerträge verantwortlich. So groß der Einfluss dieser rein formalen, aber schlecht vermittelten Änderung im Kirchensteuereinzug auch sein mag - die Verantwortung auf Staat und Banken zu schieben ist aus mindestens fünf Gründen unangemessen:

1. Die Vertreter von EKD und Deutscher Bischofskonferenz selbst haben das neue automatische Einzugesverfahren gefordert, wohingegen die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft genau dieses abgelehnt haben (nachzulesen in den Protokollen des Bundestags-Finanzausschusses und der entsprechenden Stellungnahmen der Lobbygruppen im Anhörungsverfahren). Begründet haben die Kirchenvertreter ihre Forderung mit Gerechtigkeit: es sollte sich kein Reicher durchs Unterlassen einer separaten Meldung der Kapitalerträge von dem darauf entfallenden Anteil der Kirchensteuer freimogeln können (was natürlicih Unehrlichkeit unterstellt!).

2. Das Kirchenamt der EKD hat  keine Fachleute für Öffentlichkeitsarbeit zu Rate gezogen, die das Desaster leichterdings prognostiziert hätten. Es gab nichteinmal den Versuch einer ökonomischen Abschätzung des Verhältnisses "Mehreinnahmen durch Gerechtigkeit" versus "Verluste durch Kirchenaustritte".

3. Dass die evangelischen Landeskirchen und die katholischen Bistümer ihren Mitgliedsbeitrag vom Einkommen abhängig machen, ist eine faire, ja geradezu vorbildliche Staffelung. Dass sie fürs Inkasso die Finanzämter nutzen, ist ökonomisch sinnvoll und vom Datenschutz her wiederum vorbildlich. Das alles entbindet die Kirchenparlamente aber nicht von ihrer Verantwortung für die Höhe der Kirchensteuer und ihr Zustandekommen. Wer sich vom staatlichen Steuereinzug abhängig macht, also von den fiskalpolitischen Launen der Parteien, muss die Auswirkungen auf die eigenen Mitglieder dennoch selbst verantworten, steuern und kommunizieren. (So ist gerade unter dem Gesichtspunkt der "Gerechtigkeit" eine Kapitalertragssteuer von pauschal 25% äußerst fragwürdig.)

4. Entsprechend hätten die Kirchen, nachdem sie schon auf dem automatischen Beitragseinzug über Banken und Versicherungen bestanden haben, den Mitgliedern das neue Verfahren hinreichend erklären müssen. Diverse Recherchen in den Jahren 2013 und 2014 zeigen jedoch, dass dies nicht geschehen ist - und dass es gleichwohl von vielen Gemeinden angemahnt wurde.

5. Trotz stetem Mitgliederschwund brechen bislang die Kirchensteuereinnahmen nicht weg, erreichen zum Teil sogar Rekordwerte. Da wäre es zumindest mal eine Diskussion wert, über eine Senkung der Kirchensteuer nachzudenken und dies mit den Mitgliedern zu besprechen bzw. diese entscheiden zu lassen. Doch stattdessen erklärt Thomas Begrich schlicht, das Geld werde gebraucht (und man fragt sich, was die Kirchen machen würden, wenn der Bundestag tatsächlich mal eine Steuererleichterung für die Bürger beschließen würde).

Aber auf einen Tag, da eine evangelische Kirchenleitung Fehler eingesteht und sich in Demut entschuldigt hat das schrumpfende Kirchenvolk bisher noch immer vergebens gewartet.

Auch der Verweis von evangelischer Seite auf angebliche oder tatsächliche Missetaten der katholischen Geschwistern, für die man quasi ungerechtfertigt seit Jahren und Jahrzehnten in Sippenhaft genommen werde, ist höchst bedenklich: schließlich liegt der aktuelle Mitgliederrückgang bei den Katholiken um fast die Hälfte niedriger (allerdings profitieren sie wohl etwas mehr als die Evangelischen von der Migration). Echte Fans jedenfalls lassen sich weder von einer vermeintlichen (!) Preiserhöhung noch von einem einmaligen Missgeschick des Vereinsmanagements vergraulen ("Wie ein Felsen stehen wir zu dir ... Welche Liga es auch ist, unser Herz dich nie vergisst...").

Es wäre daher weit näherliegend, die Gründe im eigenen Haus zu suchen und die Verantwortung zu übernehmen.

Mit der Veröffentlichung der aktuellen Mitgliedschaftszahlen gab es eine ganze Reihe lesenswerter, weit divergierender Kommentierungen in der weltlichen Presse. So kritisiert etwa Alexander Kissler im Cicero:
>>>Wenn Sprachlosigkeit auf eine in Jahrhunderten gebrannte Sprachform trifft, wie sie der Begriff des Fastens darstellt, kann es nur komisch werden: Die evangelische Fastenaktion des Jahres 2015 stand unter dem Motto „Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen“. Die evangelischen Christinnen sollen zur Vorbereitung auf Leiden, Tod und Auferstehung Christi „innehalten, wenn Sie am eigenen Körper mal wieder Abweichungen von der Traumfigur feststellen“. Der Sinn des Fastens, sich eines Genusses zu enthalten, auf eine leibliche Bequemlichkeit zu verzichten, wurde aus Sprachlosigkeit in sein Gegenteil umgemünzt. Nun lautet die Anweisung, sich wohl zu fühlen, Ja zu sich zu sagen, eine gute Zeit im eigenen Körper zu haben: Exakt dasselbe sagen uns die zahllosen Lebensratgeber und Glücksfibeln ganz diesseitiger Provenienz: Wozu dann noch Kirche?<<<

Umgekehrt fordert Matthias Kamann in der Welt:
>>>Gemeinden wachsen, wenn sie schauen, was die Leute brauchen und machen können, vom Kinderabholen nach der Schule über Eigenbau bei der Quartiersverbesserung bis zur
Pflegeberatung. [...] Flächendeckend gibt es nutzenorientierte Aktivitätsnetzwerke bislang nur beim Singen, bei den Kirchenchören. Warum aber nicht bei Hausaufgabenhilfe oder Fahrgemeinschaften? Warum nicht auch dort, wo es um das Interesse an religiösen Themen geht? In den Kirchen gibt es Heerscharen kluger Theologen, aber wenn die Leute etwas über die Entstehung des Christentums aus dem Judentum lernen wollen, nutzen sie Fernsehen oder Internet statt ihrer Ortsgemeinden. Weil es dort solche Angebote nicht gibt?"<<<

Dass die Kirchen schrumpfen gilt als unabänderlich, alle internen Berechnungen kalkulieren damit. Dass es damit nicht getan ist, zeigen die aktuellen Zahlen: der Mitgliederverlust kann nämlich weit schneller voranschreiten, als das die - so gesehen dann bislang sehr optimistischen - Prognosen unterstellen. (Zur Auswirkung siehe Informationen in der rechten Spalte.)

Die Institutionen Kirchen wurschteln derweil weiter vor sich hin, ihre Leitungsgremien sind überwiegend mit sich selbst beschäftigt. Wer die Berichterstattung aus der Kirchensynode der EKHN in den letzten Jahren verfolgt hat, dürfte sich darüber schon des öfteren gewundert haben. Nonstop wird an den Strukturen herumgedoktert, man nimmt sich viel Zeit, eine Verordnung über die korrekte Dienstbezeichnung der stellvertretenden Kirchenpräsidentin zu diskutieren und sich mit dem schweren Schicksal von Dekanen zu befassen, die Dank der beschlossenen Dekanatsfusionen nicht mehr Dekan sein können (die hoch-theologische Lösung für dieses Problem: man zahlt ihnen einfach weiter ihre Zulage, auch wenn sie ihr Dekaneamt fusionsbedingt nicht mehr ausüben können).
In der ersten Generalaussprache zu fast jedem dieser Intern-Themen fordern ein, zwei, drei Kirchenparlamentarier, doch zunächst einmal das Grundsätzliche zu klären, den Auftrag von Kirche, das Besondere des Pfarramtes, die Bedeutung dieser oder jener Berufsgruppe und Tätigkeit, die Wirkung des Verkündigungsdienstes.... Gemacht wird es nie.

Die starke Schrumpfung der evangelischen Kirche betrifft alle. Sie ist zurecht ein öffentliches Thema, sie wirkt sich spätestens über die Finanzzuweisungen an die Gemeinden auch vor Ort aus. Doch im Gegensatz zur EKD oder EKHN kennen unsere Kirchenvorstände jeden einzelnen Kirchenaustritt. Sie wissen auch oder können in Erfahrung bringen, was die Gründe dafür sind, sie sind für die Mitgliederbetreuung in der Parochie zuständig. Wir wissen, dass die Kirchenaustritte bei uns auf dem Land normalerweise deutlich unter dem Durchschnitt liegen. Aber auch hier gibt es sie, und sie müssen thematisiert werden. Z.B. die augenblickliche Zunahme von Austritten aufgrund des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge.

Es ist höchste Zeit, über das Wesentliche zu sprechen.

Kommentare:Kommentare:

Klaus-Dieter Welker
web: www.facebook.com/klausdieter.welker
25.07.2015
Und wieder wird alles zurückgeführt auf das "finanzielle". Nicht von dem Verfasser selber, er sieht es etwas kritischer. Aber zu "bieten" hat er auch wenig.
"Kirche" ist immer mehr zu einer Institution verkommen. Wo liegt denn der großartige Unterschied zu irgendeiner x-beliebigen Behörde? Schaut euch die Strukturen an, die Hierarchie, das "Machtgefüge". Es unterscheidet sich nicht um einen Deut vom bundesdeutschen Amtsschimmel.
"Brüderlichkeit", "Gleichheit", "Gerechtigkeit" und vieles mehr - es ist nicht mehr vorhanden. Klopft doch heute mal an ein Pfarramt und bittet um Hilfe. Wie oft werdet ihr abgewiesen, sei es unter Hinweis darauf, dass "man" nicht zuständig sei, unter Verweis auf irgendwelche Organisationen oder auf den hart verdienten "Feierabend". Wo ist der "Pfarrer" im täglichen Leben, wo sieht er seine Berufung, außer auf der Kanzel? Wie war das noch mal mit dem "Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben." ?
Die "Kirche" ist schon lange nicht mehr lebendig. Nicht mehr als jede Behörde, die für sich selber und in sich selber lebt. Sie ist nicht diskussionsbereit, sie besteht auf ihrer alten Meinung, sie beschränkt sich selber auf das "finanziell machbare". Sie sieht nicht mehr den Menschen sondern nur noch ihren Haushaltsplan.
Werden "Dienste" nach außen nicht hinreichend von Dritten finanziert, so sieht man sich mit Bedauern außerstande, im Sinne Christi zu wirken. Und drückt sich auch noch davor, die Missstände anzuprangern und Politik und Gesellschaft entsprechend in den Hintern zu treten. Der reinste Pragmatismus.
Mir selbst hat ein Landespfarrer für Diakonie einmal gesagt, als ich ihn aufforderte, mehr tätig zu werden, da dringende "Arbeit" an Menschen auch das entsprechende Personal benötigt: Da haben wir kein Geld für. Wir müssen eben "exemplarisch" arbeiten.
Wie arbeitet man "exemplarisch" mit und für Menschen, die "mühselig und beladen" sind? Wie denkt "Kirche" über Menschen und ihre Bedürfnisse, seien es materielle oder psychische? Meist nur im Rahmen des "finanziellen Rahmens".
Nein - mit Glauben und Liebe hat diese "Kirche" nicht mehr viel am Hut. Das merken die Menschen; und sie wenden sich ab.
Biele
web: www.zwischenrufe-diskussion.de/pages/ekd/kirche-vor-weiterem-umbruch.php
24.05.2016
Es ist sicherlich richtig, dass die Kirchensteuereinnahmen sinken werden, es werden eben weniger Mitglieder (und der Anteil der Kirchenmitglieder an der Bevölkerung sinkt drastisch). Ob die Spardebatten der letzten 20 Jahre so nötig gewesen sind, sei mal dahingestellt. Aber richtig ist, dass steigende Einnahmen bei schrumpfender Mitgliederzahl ethisch sehr bedenklich sind. Daher ist Pfarrer Volk zu widersprechen, der behauptet, auch in Zukunft würden die Kirchensteuereinnahmen steigen. Denn am Ende müsste dann das letzte verbliebene Mitglied 5 Milliarden (nach heutigem Wert) zahlen.
www.zwischenrufe-diskussion.de/pages/ekd/kirche-vor-weiterem-umbruch.php

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