Kommentar
23.04.2015

Keine Demokratie in Glaubensfragen? Was dann?

In der Mitgliederorganisation Kirche ist für Theokratie kein Platz

Wie demokratisch die evangelische Kirche ist, sein kann und sein muss wird schon lange diskutiert. Älteren Synodendokumenten ist zu entnehmen, dass etwa Ende der 1960er Jahre im Zuge einer Überarbeitung der Kirchenordnung die Demokratie-Frage deutlich im Raum stand, ebenso bei der späteren Revision, die 2010 zur im Wesentlichen heute noch gültigen  Fassung führte. Damals gab das scheidende Präsidium der Kirchensynode, der sog. "Kirchensynodalvorstand" (KSV), in einer Bilanzierung seiner Arbeit der EKHN auf, eine "Debatte über Demokratie in der EKHN" zu führen, "da man für die Menschen in einer parlamentarischen Demokratie nur dann glaubwürdig Kirche sein könne, wenn man deren Prinzipien beachte", wie es in einer Pressemitteilung vom 5. Mai 2010 heißt.
In Diskussionen wird als Grenze innerkirchlicher Demokratie regelmäßig "der Glaube" oder "die Theologie" genannt, - so auch beim ersten "Dekanats-Talk" in Alsfeld, wo Prof. Thomas Noetzel ausführte, über Offenbarungswissen könne man nicht demokratisch abstimmen. Immer wieder heißt es, über das Glaubensbekenntnis könne man nicht demokratisch abstimmen, schließlich sei Jesus Christus selbst der Herr der Kirche.

Das klingt beim ersten und zweiten Hören logisch - aber ist es richtig? Das Problem wird deutlicher, wenn man die Gegenfrage formuliert: Wie sollte in der Kirche entschieden werden  wenn nicht demokratisch?   
Ein göttliches Orakel, das wir befragen könnten, ist nicht bekannt. Gibt es oder soll es geben den Alleinentscheider, eine in Glaubensfragen unfehlbare Person, die ewige Wahrheit spricht? Da werden Protestanten kollektiv energisch den Kopf schütteln. Aber wie soll es sonst laufen?
Sollen - um das Kind beim Namen zu nennen - in Glaubenssachen nur die Theologen als Experten entscheiden, ohne das gemeine Kirchenvolk? Das wäre dann in diesem Bereich eine Theokratie! Und wie sollen die Theologen, wenn sie uneins sind, entscheiden? Doch mit schlichter Mehrheitsabstimmung wie in einer Demokratie? Oder nach Hierarchie (der oberste Theologe entscheidet - aber das haben wir Protestanten ja soeben schon abgelehnt)?

Man könnte jetzt lange und vielleicht sogar spannende (in jedem Fall aber nicht neue) Debatten zur Theologie führen: ob Gott für seine Offenbarung ordinierte Theologen benötigt z.B. (und was er in all den Jahrtausenden ohne sie gemacht hat).
Aber für die Frage nach nötigen und möglichen Demokratiestrukturen innerhalb evangelischer Kirche ist das gar nicht von Belang. Denn die Zeiten, dass Kirche etwas vorgibt und alle Einwohner ihres (Landeskirchen-) Gebiets dies zu glauben haben, sind längst vorbei - und geklappt hat das auch anno dazumal nicht.
Heute jedenfalls ist unbestritten: "Kirche" wirbt für den Glauben ihrer Mitglieder, wirbt um weitere Mitglieder, um Aufmerksamkeit und Anerkennung, um Partnerschaften und Zusammenarbeit, um Berücksichtigung im politischen und gesellschaftlichen Leben. Dafür werden u.a. inzwischen regelmäßig ganz profane Werbebotschaften  unters Volk gebracht, Banner an Kirchtürme und Gemeindehäuser gehängt, Impulsbriefe verschickt; seit langem gibt es das Privileg der Verkündigung im Rundfunk und Dank guter Zusammenarbeit und kirchlicher Verwurzelung in der Region auch in vielen Lokalzeitungen. Überall wird für den Glauben geworben, es werden Lebensperspektiven angeboten, es gibt Appelle zur Umkehr, zur Einkehr, zur Buße, zur Veränderung. Wer auf der Suche ist, findet täglich Dutzende evangelischer Angebote, allein beim Nachrichtendistribuent Facebook kann ich mir aus Hunderten von Angeboten einen nie versiegenden Impulsstro(h)m zusammenklicken.

Aber letztlich bleibt es die Sache eines jeden Einzelnen, was er glaubt - und wie viel das mit der öffentlichen (und ja keineswegs homogenen) Verkündigung ordinierter Theologen zu tun hat. Deswegen wird ein Glaubensbekenntnis, das von möglichst vielen Menschen gesprochen werden soll, sinnvollerweise auch mit (diesen) vielen Menschen gemeinsam entwickelt. (Das dürfte - in einer von tausend Spielarten - ein Projekt in fast jeder Konfirmandengruppe sein: ein eigenes Glaubensbekenntnis zu formulieren.)

Über das Glaubensbekenntnis kann man nicht demokratisch abstimmen? Ja wie denn sonst? Demokratischer, als dass es nur derjenige mitspricht, der es mitsprechen mag, geht es doch gar nicht mehr. Hier ist jeder im Kirchenvolk seines eigenen Glaubens Schmied. Wem das "ich glaube an Gott, den Vater..." zu chauvinistisch ist, die spricht - zumindest leise im Kopf - an dieser Stelle von Göttin und Mutter, ganz gleich, was irgendwo geschrieben und begründet und hergeleitet ist.

Was sollte es in der Kirche geben, das nicht demokratisch entschieden werden darf oder kann, also von den Kirchenmitgliedern?

Die Kirchenordnung der EKHN wie alle nachfolgenden Gesetze gehen da einen merkwürdigen Mischweg: einerseits hat man sich augenscheinlich demokratische Strukturen gegeben, bei Personalwahlen und Gesetzgebung gibt es profane, also ganz weltliche Abstimmungen mit "Ja" und "Nein" und "Enthaltung", mal offen, mal geheim, und es gibt kein irgendwie sakrales Korrektiv dazu, es entscheidet schlicht die Mehrheit; aber andererseits hat man in alle Gremien, die etwas abzustimmen haben, Theologen gemischt, und zwar oft so viele wie möglich (wie nur unter anderen die  neue Dekanatssynodalwahlordnung offenbart, die den Fall regelt, dass gar nicht so viele Pfarrer zur Verfügung stehen, wie man ordnungsmäßig gerne in der Dekanatssynode hätte). In der Kirchensynode (dem "Kirchenparlament") nehmen die Pfarrerinnen und Pfarrer ein Drittel der Stimmplätze ein (und etwa die Hälfte der Redebeiträge), ebenso (wenn genügend da sind) in der Dekanatssynode. In Kirchenvorständen und Gemeindeausschüssen hat man so viele Pfarrer nicht, aber jeder verfügbare ist Mitglied in den Abstimmgremien.

Es liegt nahe (und ist in der Kirchensynode immer wieder zu beobachten), dass in vielen  Debatten unter dem Rubrum "Kirchendemokratie" in Wahrheit schlicht der Einfluss der Pfarrerschaft gemeint ist. Dies sollte mal ausführlich diskutiert werden, und zwar nicht unter der Frage, wie demokratisch die evangelische Kirche ist, sein kann und sein muss; sondern klarer formuliert: "Wie viele Pfarrer braucht, wie viele Pfarrer verträgt die Entscheidungsstruktur einer sich aus freiwilligen Mitgliedern bildenden Kirche?"

Herzliche Einladung zur Diskussion. (Tg)