Kirchenpolitik
28.04.2017

Wie arbeitet die Kirchensynode?

Eindrücke aus sechs Jahren journalistischer Begleitung

Unser kleines Magazin hat sechs Jahre lang die öffentlichen Sitzungen der EKHN-Kirchensynode journalistisch begleitet und per "Live-Blogging" so umfangreich wie sonst kein Medium aus den Debatten berichtet. Denn während die Ergebnisse in Form von Gesetzen und anderen Beschlüssen amtlich publiziert werden, wird über die Entstehungsgeschichte neuer Kirchengesetze kaum irgendwo berichtet.
Das Resümee aus der Beobachtung der letzten Jahre in einigen Stichwörtern:

Die Arbeit im Plenum
Den ungeübten Beobachter einer Tagung der Kirchensynode wird verwundern, wie weit öffentliche Diskussion und zugehörige Abstimmung in vielen Fällen auseinanderliegen. Vermittelte die Aussprache zu einem Gesetzentwurf etwa, dass der größte Teil der Redner diesem nicht zustimmen wird, bekommt er in der Abstimmung dann doch eine satte Mehrheit. Woran liegt`s?
Die einflussreichen Strippenzieher der Synode schwingen meist keine großen Reden, zumindest keine engagiert für irgendetwas werbenden. Denn sie wissen, dass die Inhalte nicht im Plenum gemacht werden, sondern in den Ausschüssen. Denen gehören sie entweder an oder sie haben ihre Kontakte. Entsprechend wird gerade in der ersten Lesung eines Gesetzes, die der grundsätzlichen Diskussion dienen soll, gar nicht alles an Argumenten vorgetragen, vor allem wird auf Kritik, Bedenken und große Änderungsideen kaum eingegangen, ein Dialog kommt nur selten zustande.
Was ungeübten Beobachtern ebenso wie Journalisten, die sonst aus staatlichen Parlamenten berichten, ferner auffällt: Reden in der Kirchensynode werden meist nur mit wenig oder gar keinem Applaus bedacht. In Kreis- und Landtagen und im Bundestag können Redner sicher sein, wenigstens (bzw. meist ausschließlich) von den Angehörigen ihrer eigenen Partei oder Fraktion akustische Unterstützung zu bekommen, schon während ihrer Rede. Da es in der Kirchensynode der EKHN keine Parteien oder Fraktionen gibt, fehlt eine entsprechende "Fangruppe". Manchmal klatschen einige Mitglieder des Ausschusses, dem ein Redner angehört, mal andere Mitglieder derselben Propsteigruppe, aber "Lager" wie in der Politik gibt es nicht. Das zeugt einerseits von Aufgeschlossenheit anderen Meinungen gegenüber, wirkt aber oft auch desinteressiert.
Und wenigstens eine Gepflogenheit aus der politischen Parlamentsarbeit könnten die Kirchensynodalen durchaus übernehmen (viel eher jedenfalls als den schwülstigen Beginn jeder noch so kurzen Rede mit "sehr geehrte/r Herr/ Frau Präses, verehrte Synodale"...): nämlich die erste Rede eines neuen Mitglieds der Synode ungeachtet ihres Inhalts und der Redner-Zugehörigkeit mit Beifall zu goutieren. So bekommt im Bundestag derjenige, der das erste Mal am Rednerpult steht, normalerweise auch Applaus von den politischen Kontrahenten - ein kleines Zeichen der Wertschätzung, denn: parlamentarische Demokratie verlangt stets auch Opposition.

Zum Procedere sei noch darauf hingewiesen, dass die Kirchensynode in der ersten Lesung eines Gesetzentwurfs (also bei seiner Einbringung) keine inhaltlichen Entscheidungen trifft (siehe § 19 der Geschäftsordnung). Liegen bereits Dekanatsanträge vor, werden die in die folgenden Beratungen der Ausschüsse einbezogen.

Über Anträge der Dekanatssynoden entscheidet die Kirchensynode nur in Ausnahmefällen. Meist reicht sie das Anliegen einfach kommentarlos weiter - an die Kirchenleitung, an den Kirchensynodalvorstand (das Präsidium des Kirchenparlaments) oder an thematisch passende Ausschüsse.


Arbeit der Ausschüsse

Die wesentliche Gesetzgebungsarbeit der Kirchensynode findet in ihren Ausschüssen statt.
Auch an staatlichen Parlamenten wird kritisiert, dass die Gesetzgebung sehr stark in solche Ausschüsse verlagert ist, die teilweise - bei der EKHN hingegen stets (§33 GO) -
nicht öffentlich tagen und sich damit der demokratischen Debatte entziehen. In der kirchlichen Struktur kommt hinzu, dass die Dekanatssynoden als antragsberechtigte Gremien nur auf das reagieren können, was in den öffentlichen Verhandlungen  der Kirchensynode geschieht. Wollen sie sich mit ihren Ideen, Erfahrungen, Wünschen einbringen, äußern sie sich regelmäßig zu einem Gesetzentwurf, der zu dem Zeitpunkt, da ihr Anliegen in der Kirchensynode vorgetragen wird (meist ein halbes Jahr nach der ersten Lesung eines Gesetzes, eben bei der nächsten Synodaltagung), zu einer Fassung, die dann schon veraltet ist, weil die Ausschüsse der Kirchensynode daran gearbeitet haben und der federführende Ausschuss eine (leicht) überarbeitete Fassung zur zweiten Lesung einbringt.
Als Beispiel sei aus dem Live-Blog zur Synodaltagung im November 2013 zitiert, als die Dekanatssynodalwahlordnung beraten wurde, Eintrag Nr. 83: "Diethelm Harder, Hochtaunus, Vors. Rechtsausschuss: Spannende Diskussion, ist aber schwierig, weil wir das alles in den letzten Monaten schon im Ausschuss diskutiert haben, ich nehme daher auch nicht zu allem Stellung."

Die Ausschüsse stehen auch für Fragen der Presse und sogar der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit nicht zur Verfügung. So antwortete der zuständige Referent für das Projekt "Neuordnung der Dekanatsgebiete" auf einen Informationswunsch nach einigem Hin und Her: "Nach Abklärung Ihres Anliegens hier im Haus darf ich Sie darauf hinweisen, dass die synodalen Ausschüsse nicht öffentlich beraten und Herr X als Ausschussvorsitzender nicht auskunftsberechtigt ist."

Informationsfluss, öffentliche Debatte, Transparenz

Die Tagungen der Kirchensynode werden journalistisch kaum bearbeitet. Obwohl die Plenarsitzungen öffentlich sind, interessieren sich die kommerziellen bzw. weltlichen Medien nicht dafür, sie begnügen sich - wenn sie überhaupt Notiz davon nehmen - mit den Pressemitteilungen über die Ergebnisse oder einer Pressekonferenz - wobei die Öffentlichkeitsarbeit der Synode vom Pressesprecher der Kirchenleitung gemacht wird, eine in der Politik völlig undenkbare Vermischung der "Gewalten".
Die synodalen Debatten selbst sind nur ganz selten Thema in der Presse, selbst die kirchlichen Medien "Evangelische Sonntagszeitung" und "Evangelischer Pressedienst" schaffen kaum Transparenz.
Dabei wird ein Grundproblem evangelischer Kirchen deutlich: sie spielen im öffentlichen Leben eben doch nur eine sehr kleine Rolle. Jeder Kreisverband einer kleinen Partei bekommt mehr mediale Aufmerksamkeit und wird kritischer begleitet als die Kirchensynode der EKHN, die immerhin für 1,6 Millionen Mitglieder Entscheidungen trifft.

Ein kleines Informationsangebot für besonders Interessierte war daher das Live-Blogging von den Tagungen der Kirchensynode,  bei dem nicht das jeweilige Ergebnis, sondern der Beratungsverlauf im Vordergrund stand, um Prozesse und letztlich auch Entscheidungen nachvollziehbarer zu machen und eine sachliche Debatte zu fördern.
Die Synodalen selbst - obwohl sie dabei nicht die Maßschnur sein sollten - befürworteten eine solche "Live-Berichterstattung" in der Mehrheit, nur ein Fünftel sprach sich in einer Befragung dagegen aus (siehe Grafik).
Die Kritik einiger weniger Synodaler (bekannt sind genau vier!) sorgte jedoch zunächst dafür, dass die Nachbearbeitung des Synodenbloggings mehr Zeit in Anspruch nahm als die Berichterstattung selbst, und die Beschwerden von nur zwei in der Berichterstattung vorkommenden Personen führte zu einem einjährigen Verbot dieser Berichterstattungsform, obwohl sie in allen Dekanaten genutzt worden war! Erst auf Beschluss der Alsfelder Dekanatssynode sollte das Live-Blogging wieder aufgenommen werden, was jedoch aufgrund der Zwangspause nicht mehr annähernd so erfolgreich sein konnte wie zuvor. Da sich der Präses der Kirchensynode vehement gegen diese Form von Transparenz ausgesprochen hatte, war das Projekt damit de facto beendet.
Regelmäßig begrüßt werden in der Kirchensynode die Schulklassen des Laubach Kollegs, die für eine halbe Stunde auf der Zuschauertribüne Platz nehmen. Die Kirchenmitarbeiter, die über Jahre von dort aus gebloggt haben, wurden kein einziges Mal begrüßt und es gab auch keinen einzigen persönlichen Kontakt zwischen dem KVS und den Berichterstattern - sie wurden nach besten Kräften scheinbar ignoriert, während ihre Arbeit tatsächlich behindert wurde.

Eine Hilfe wäre immerhin, wenn die Synode die Wortprotokolle ihrer Verhandlungen zeitnah veröffentlichen würde. Doch dies hat sie explizit abgelehnt. So dauert es weiterhin rund fünf Monate, bis man nachlesen kann, was wer zu einem Tagesordnungspunkt gesagt hat, und das ist auch noch redigiert und nur Insidern zugänglich (denn veröffentlicht werden die Protokolle digital nur im Intranet der EKHN, nicht im Internet, das für alle offen ist).
 
Die notwendige Transparenz der Beratungen der Kirchensynode könnten damit weiterhin nur die kommerziellen, freien Medien schaffen. Doch diese werden niemals den  Aufwand betreiben und die Sitzungen des Kirchenparlaments komplett begleiten. So gibt es derzeit wieder keine zeitnahe Transparenz des wichtigen Synodengeschehens. Gelegentlich wurde schon vorgeschlagen, die Beratungen als Live-Stream im Internet zu senden, was technisch und finanziell kein großer Aufwand wäre. Dies würde allerdings nur eine Pseudo-Öffentlichkeit schaffen, denn es entfiele die komplette journalistische Leistung, auf das Wesentliche hinzuweisen und offene Fragen durch Recherche zu klären, Ergebnisse einzuordnen etc.

Das Mandat des Kirchensynodalen

Ein demokratisches Problem der Kirchensynode ist wie bei anderen Parlamenten die Freiheit des Mandats. Die Abgeordneten sind an Weisungen und Aufträge nicht gebunden, sie können entscheiden, wie es ihnen beliebt. Der Verzicht auf ein sogenanntes "imperatives Mandat" hat natürlich seine Berechtigung: die Abgeordneten bzw. Synodalen sollen verhandeln können, Kompromisse schließen, offen für Neues sein - sonst müsste man ja nicht miteinander sprechen. Doch wenn Vertreter eines Dekanats von vornherein nicht die Anliegen ihrer Dekanatssynode vertreten, wird das ganze zu einer Farce. Leider ist jedoch genau dieses immer wieder zu beobachten: Synodale votieren gegen Anträge ihres eigenen Dekanats oder sprechen sich zumindest nicht aktiv dafür aus. Damit fehlt den entsprechenden Dekanaten dann jegliche Vertretung in der Kirchensynode. Dekanatssynoden können sich nicht darauf verlassen, dass ihre mehrheitlich beschlossenen Interessen überhaupt in der Synode vertreten werden. All ihre Arbeit wird zunichtegemacht. Synodale orientieren sich eher an ihren Ausschüssen und Propsteigruppen (in denen unter Mitwirkung des zuständigen Propstes = Mitglied der Kirchenleitung schon vor der Tagung die Themen durchgesprochen werden).
Kirchensynodale können übrigens von der sie entsendenden Dekanatssynode nicht abgewählt werden - einmal mandatiert, dürfen sie sechs Jahre lang tun und lassen, was sie wollen, ohne dass ihr Mandatsgeber darauf Einfluss nehmen könnte, - die Wahl in weitere Gremien wie den Rat der EKD eingeschlossen. Die Dekanatssynoden sind somit für Kirchenkarrieren unverzichtbar, inhaltlich zu sagen haben sie allerdings nichts.

Pfarrer in der Synode

Die Kirchensynode wird von ihren Pfarrern dominiert. Sie haben einen weit überproportionalen Redeanteil im Plenum (siehe dazu eine kleine Auswertung). Die Gründe sind recht einfach zu verstehen, in erster Linie sind die Theologen eben in ihrem Beruf tätig, während die "Laien" Kirchenpolitik als Freizeitspaß betreiben und dafür Urlaub nehmen müssen.
Zudem sind die zwei Drittel Ehrenamtlichen weder eine repräsentative Auswahl der Kirchenmitglieder noch eine Elitenauslese, oder wie es kürzlich der FAZ-Redakteur Reinhard Bingener feststellte: "dass in den Kirchenparlamenten nur selten einfache Kirchenmitglieder sitzen".

Wie jede Gruppe und Institution hat die Synode ihre eigenen Abläufe und Regeln und ein sehr spezielles "Flair", mit dem man wenigstens klarkommen muss, wenn man es dort aushalten will. Wegen der Dominanz der Pfarrer bedeutet das u.a., diese Dominanz zu akzeptieren und den Pfarrern auf keinen Fall ihre Rolle streitig zu machen. Auffällig viele ehrenamtliche Synodale sind Lektoren oder Prädikanten, haben sich also in ihrer Freizeit so dicht wie möglich ans Pfarramt herangearbeitet, mit einem oft devoten Rollenverständnis, Helferlein der Pfarrerin oder des Pfarrers zu sein.
Die Sonderrolle der Pfarrer im Kirchenparlament wird nur ganz vereinzelt und stets sehr vorsichtig infrage gestellt, ganz überwiegend gilt ihre feste Drittel-Quote als biblisches Grundgesetz, das keiner Begründung bedarf.

Aus sechsjähriger Beobachtung lässt sich jedenfalls sagen, dass der theologische Input marginal ist: Haushalt, Kindergärten, Studienurlaub für Kirchenmusiker oder eine neue Kirchengemeindewahlordnung haben eben mit Theologie nichts zu tun und rudimentäre Hebräischkenntnisse sind den Beratungen nicht dienlich. Gelegentlich wird zwar bei großen Themen eine Grundsatzdebatte gewünscht, in der es dann möglicherweise auch theologisch fundiert zugehen könnte, doch in der letzten sechsjährigen Amtsperiode gab es keine solche Debatte.
Dem sinnvollen Anliegen, Kirche sollte bei ihren Entscheidungen stets auch die mögliche theologische Dimension bedenken, wäre mit einer eigenen theologischen Kammer hinreichend gedient (die es in Form eines theologischen Ausschusses auch schon gibt, dort gilt übrigens ein Verhältnis von 8 zu 4 für Pfarrer zu Nicht-Pfarrern). Es würde auch weit reformierter wirken, wenn Theologen Kirchenmitglieder überzeugen müssten anstatt mit Quote und Dauerpräsenz Diskussionen und Abstimmungen zu prägen.
Dies gilt umso mehr, als durch die Verbannung aller anderen hauptberuflichen Mitarbeiter der Kirche andere Kompetenzen fehlen und der Blickwinkel der Kirchensynode an Einseitigkeit kaum noch zu überbieten ist.
Besonders kurios wird es übrigens, wenn Synodale im Hauptberuf Dekane sind, die sich (m.E. unzutreffend, aber faktisch) als "Kirchenleitung vor Ort" verstehen. Einerseits "informieren und beraten [Dekane] die Kirchenleitung in wichtigen Angelegenheiten des Dekanats und unterstützen sie bei der Durchführung gesamtkirchlicher Aufgaben" (Art. 27 KO), sind also Kontakt- und Vollzugsbeamte in der Region, andererseits machen sie als Synodale der Kirchenleitung Vorschriften - oder sorgen eben dafür, dass die Vorschriften im Sinne der Kirchenleitung ausfallen.

Macht der Kirchenleitung

Die Macht bzw. der faktische Einfluss der Kirchenleitung auf die Gesetzgebung der Kirchensynode ist enorm, für den Beobachter geradezu erdrückend. Praktisch jede Gesetzesinitiative geht von der Kirchenleitung aus, und sie bekommt fast jedes Gesetz durch, wenn es auch im Beratungsprozess moderate Änderungen erfährt. Ein jeder kann das selbst anhand der Gesetzentwürfe und der beschlossenen Gesetze nachvollziehen. Das eindrücklichste Beispiel jüngerer Zeit ist die "Neuordnung der Dekanatsgebiete": die Zwangsfusionen waren kein Wunsch der Gemeinden und Dekanate, es gab im Gegenteil viel Widerstand, doch das beschlossene Gesetz weicht nur marginal vom ersten Entwurf der Kirchenleitung ab.
Ein wesentlicher Grund für die geringe Gestaltungskraft der Kirchensynode liegt schon in den Ressourcen: Die Synode besteht zu einem Drittel aus Pfarrern, die im Rahmen ihres Berufes in der Kirchensynode mitarbeiten, und zu zwei Dritteln aus "Ehrenamtlichen", also unbezahlten Synodalen. Die Synodalen haben keine Infrastruktur, wie man es von Abgeordneten in den staatlichen Parlamenten kennt (Büro, Sekretärin, Referenten). Praktisch alle Informationen erhalten sie daher von der Kirchenverwaltung und kirchlichen Einrichtungen, die alle der Kirchenleitung unterstehen.   
Die Kirchenleitung bzw. ihre Verwaltung ist am gesamten Gesetzgebungsprozess beteiligt, da sie das Recht hat, an allen Sitzungen der Ausschüsse teilzunehmen (dies ist in der Politik übrigens auch so).
Dass die Kirchenleitung dennoch so oft öffentlich erklärt, nicht sie sei für Gesetze verantwortlich, sondern die Synode, liegt zum einen daran, dass es formal eben stimmt (die Kirchenleitung sorgt zwar für die "richtigen" Vorlagen, aber sie kann sie nicht beschließen), zum anderen an dem kosmetischen Trick, dass die Synode regelmäßig per Beschluss "die Kirchenleitung bittet", einen Gesetzentwurf zu diesem oder jenem vorzulegen.

Fachberatung / komplexe Themen

Was der Kirchensynode durchgängig fehlt ist externe, unabhängige Fachberatung. Zu fast jedem Thema kommt die Expertise aus der Kirchenverwaltung. Und wenn einmal außerkirchliche Fachleute in der Synode sprechen dürfen, sind sie Auftragnehmer und damit finanziell von der Kirchenverwaltung abhängig, beispielsweise bei der Entwicklung eines neuen Medien-Kommunikations-Konzeptes oder inzwischen bei der Implementierung der Doppik. Im Gegenteil, externer Kompetenz steht man sogar grundsätzlich skeptisch bis ablehnend gegenüber. Als es um die Möglichkeit ging, Jugendliche in die Kirchenvorstände wählen zu können, reagierten einige Synodale geradezu empört darauf, dass sich die Jugendvertreter außerhalb der Kirchenverwaltung juristisch schlau gemacht hatten und über das Gutachten eines Rechtsanwalts verfügten.
Selbst Betroffene bzw. deren Vertreter kommen nur ganz ausnahmsweise mal zu Wort. Bei der Beratung über die Fusion der beiden diakonischen Werke Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck wurde der Mitarbeitervertretung nur einmal Gehör geschenkt, bei einer zweiten Verhandlung ließ man sie nicht ans Rednerpult (wie grundsätzlich niemand der EKHN-Gesamtmitarbeitervertretung oder gar der Mitarbeitergewerkschaft (VKM) ein Rederecht in der Kirchensynode hat).
Ebenso erging es einem ehrenamtlichen Posaunenchorleiter, der zur Kürzung der Landesposaunenwartstellen sprechen wollte (Blog Nov 2013, Eintrag 31; Artikel)
Oft genug kommen in den öffentlichen Beratungen Fragen auf, die zunächst fachlich geklärt werden sollten, die eine Unterbrechung und ggf. externe, unabhängige Klärung notwendig machen - beobachten konnte man eine solche Sachlichkeit nicht.

Demokratisch?

Demokratie verlangt, dass das Volk/ die Bürger (Demos) gemeinsam der Souverän sind, im Grundgesetz mit dem Satz "Alle Macht geht vom Volke aus" formuliert. Das ist in der EKHN nicht der Fall: das Kirchenmitglied kann sein Kirchenparlament nicht wählen, nichtmals indirekt. Es kann auch keine Eingaben machen (Petitionen). Und es gibt keine "direktdemokratischen" Mitgliederrechte. Demokratisch ist die EKHN aus vielerlei Gründen jedenfalls nicht.
Das gilt es zunächst festzustellen, weil allenthalben andere Behauptungen grassieren (die insbesondere als Abgrenzung zu einem autoritären Katholizismus herhalten sollen) - aber es ist zunächst auch wertfrei. Denn es ist eine ganz andere Frage, ob man den Status quo - aus welchen Gründen auch immer - für  gut oder änderungsbedürftig hält. Das wäre eine dringend notwendige Debatte, zumal man aus gutem Grunde auch gegen die Direktwahl von Abgeordneten sein kann.

Unterhaltungswert

Mit Amüsement hält sich die Kirchensynode kräftig zurück. (Der Versuch, der ein oder anderen Debatte etwas Unterhaltsames abzugewinnen, wurde schon als Geringschätzung des Hohen Hauses gewertet.)
Da es keine Fraktionen oder sonstige "Lager" gibt, entfallen neben dem Applaus (s.o.) die aus den politischen Parlamenten bekannten und gelegentlich nicht unoriginellen Zwischenrufe.
Spannend wäre sicherlich mal eine unterhaltsame Außenbetrachtung - wie sie etwa der Kabarettist Matthias Deutschmann auf Bestellung liefert. Oder ein paar Karikaturen. Denn dafür, dass die Kirchensynode letztlich ja nichts anderes tut, als an der Verkündigung der  Frohen Botschaft zu arbeiten, gibt und nimmt sie sich allzu ernst. Der Spaß ist aufs Abendprogramm im geschlossenen Kreis beschränkt - die Synodalen mögen sich dort regenerieren, den Beobachtern des Synodalgeschehens hingegen fehlt eine solche Entspannungspause.

Timo Rieg
Redakteur

Kommentare:Kommentare:

Carola
web:
03.05.2017
Ach, Herr Rieg.
Langsam aber sicher wird es ermüdend, in Ihren Beiträgen immer wieder Seitenhiebe auf die Pfarrerschaft lesen zu müssen. In den letzten 20 Minuten hab ich mal 5-6 Artikel von Ihnen überflogen und in ALLEN gelesenen fanden sich solche.

Da heißt es, Pfarrer_Innen lernten schon im Vikariat "Chef" zu sein und kirchliche Mitarbeiter_Innen zu unterdrücken, dort schwänzten sie unabgemeldet den Gottesdienst am Ende einer Dekanatssynode (die in Alsfeld ganze Samstage einzunehmen scheinen) und werden öffentlich gemaßregelt, im vorstehenden Artikel heißt es letztlich, die synodalen Pfarrer_Innen drängten sich bei der Landessynode in den Vordergrund und das obwohl sie nur "rudimentäre Hebräischkenntnisse" vorzuweisen hätten (was eine Unterstellung ist).
Ich will nun nicht mutmaßen, woher Ihre Aversion gegen Pfarrer_Innen kommt, allerdings finde ich es doch sehr unfair, dieses Medium "Dekanats-Homepage", - das immerhin ein gesamtes Dekanat repräsentiert, inklusive einer sehr engagierten Pfarrerschaft, - zum Abarbeiten eines scheinbar tiefsitzenden Minderwertigkeitsgefühls als nicht-ordinierter kirchlicher Mitarbeiter zu missbrauchen.

Sie echauffieren sich an einer Stelle darüber, dass Ihre Arbeitszeit um eine Stunde gekürzt wurde, ohne Kürzung des Arbeitsumfangs oder Entlastung. Haben Sie sich Ähnliches schon mal bzgl. der Reduzierungen der Pfarrstellen gefragt? Wie viele der Pfarrer_Innen im Dekanat Alsfeld hatten und haben denn psychosomatische oder psychische Erkrankungen, die aus der Arbeitsüberlastung in vergrößerten Gemeinden resultieren.
Muss der Öffentlichkeitsreferent (dessen Stelle meiner Erinnerung nach immerhin eine halbe Pfarrstelle gekostet hat) auch noch vor einer Weltöffentlichkeit auf die Ordinierten eindreschen?

Ganz ehrlich, wäre es umgedreht und ein Pfarrer würde auf einer Gemeinde-Homepage über nicht-ordinierte kirchliche Mitarbeiter_Innen in dieser Art herziehen, wäre die MAV längst tätig geworden.

Vielleicht reflektieren Sie mal Ihre Positionen.

Am Ende der kirchlichen Nahrungskette stehen übrigens Leute wie ich - Ehrenamtliche. Die sich beim Erstellen des Gemeindebriefes oft genug von der Dekanats-Öffentlichkeitsarbeit im Stich gelassen und arrogant abgebügelt fühlen. Dabei haben die Hauptamtlichen doch meist auch nur rudimentäre Englisch-Kenntnisse...
Sie sind allerdings nicht für mich zuständig, also fühlen Sie sich nicht angesprochen.
Timo Rieg
web:
04.05.2017
Huiuiui, Carola,
da ist aber einiges durcheinandergeraten vor lauter aufgestautem und nicht gerade erst beim spontanen Vorbeisausen entstandenem Ärger. Wo soll man da nur anfangen?
Am besten bei der von Ihnen gar nicht gestellten Frage, warum ich Ihren Kommentar überhaupt freigeschaltet habe: weil er so großartig zusammenwürfelt, was ich seit Jahren an Verdrehungen, Fehlinterpretationen und Erfindungen aus einer ganz bestimmten, kleinen Ecke vernehme und was nie mit offenem Visier vorgetragen wird.
Und unter anderem deshalb schätze ich, ganz anders als Sie behaupten, Pfarrerinnen und Pfarrer. Denn diese müssen sich über viele Jahre eine weit überdurchschnittliche Sprachkompetenz aneignen. Sie können Texte richtig lesen und korrekt zitieren, sie verstehen Sprachspiele und -bilder, erkennen Textgenres, lesen das zwischen den Zeilen Gesagte, kurz: haben hermeneutische Kompetenz. Weil sie aber wissen, dass deren Förderung in der Schule zu kurz kommt, nehmen sie sich in ihren Predigten 20 Minuten Zeit, zwei Sätze der Bibel so ausführlich zu erläutern, dass jedem klar werden sollte, was mit ihnen gesagt ist. Journalisten geben sich da nicht so viel Mühe und setzen meist zu stark allein auf die Bereitschaft der Rezipienten, verstehen zu wollen, was gesagt wird, anstatt zu lesen, was man lesen will.

1. Das Thema des von Ihnen kommentierten Textes ist ein Rückblick auf sechs Jahre Berichterstattung aus der Kirchensynode der EKHN. Darauf gehen Sie mit keinem Wort ein. Stattdessen sind Sie hängengeblieben an meinem Running Gag, dass rudimentäre Hebräischkenntnisse für dieses und jenes nicht hilfreich sind. Der Gag muss Ihnen nicht gefallen (gefällt aber vielen Pfarrern), im Kontext meines Beitrags haben aber auch Sie nichts gegen ihn einzuwenden. Denn ich schrieb ja eine Binse: "rudimentäre Hebräischkenntnisse sind den Beratungen" über "Haushalt, Kindergärten, Studienurlaub für Kirchenmusiker oder eine neue Kirchengemeindewahlordnung [...] nicht dienlich". Ein Prediger würde vielleicht verdeutlichen: selbst professorale Hebräischkenntnisse helfen der Debatte nicht.
Das ist keine Unterstellung (wem soll ich was unterstellt haben?), sondern ein Faktum, ein sehr banales freilich.

2. Was Sie als angeblich in anderen Veröffentlichungen gefunden präsentieren, ist durchweg Schmarrn oder großartiger Unsinn (von "Fake-News" und "alternativen Fakten" will ich jetzt nicht sprechen). Nichts davon stimmt, und das kann jeder nachlesen, wer nur "überfliegen" will kann auch einfach die Suchfunktion unserer Website nutzen (funktioniert wie bei Google & Co).
Um unsere kleine Leserschaft nicht über Gebühr zu strapazieren, mache ich es beispielhaft an dem fest, was Sie angeblich oben gelesen haben wollen. Sie schreiben:
"Im vorstehenden Artikel heißt es letztlich, die synodalen Pfarrer_Innen drängten sich bei der Landessynode in den Vordergrund und das obwohl sie nur 'rudimentäre Hebräischkenntnisse' vorzuweisen hätten."
Tatsächlich aber habe ich nur auf einen früheren Artikel verwiesen, in dem die Redeanteile in der Synode analysiert wurden. Zur Begründung, warum Pfarrer in der Synode weit überdurchschnittlich sprechen, habe ich etwas ganz anderes angeführt: "In erster Linie sind die Theologen eben in ihrem Beruf tätig, während die 'Laien' Kirchenpolitik als Freizeitspaß betreiben und dafür Urlaub nehmen müssen." Pfarrer sind im Schnitt deutlich besser informiert, weil eben die Beschäftigung mit den Synodalthemen zu ihrem Beruf gehört, weil sie Dekanatskonferenzen besuchen müssen etc. Ist daran irgendetwas falsch? Es bestreiten zumindest die Ehrenamtlichen in der Synode selbst nicht.

3. Es wird mir auch bei längerem Sinnieren nicht klar, wo Sie eine "Aversion gegen Pfarrer_Innen" ausmachen können. Pfarrer*innen sind (die) wesentlichen Protagonisten der Kirche, wie nicht zuletzt in der Kirchensynode selbst ständig betont wird (u. a. mit Verweis auf die Mitgliedschaftsuntersuchungen). Also wird man über deren Arbeit auch öffentlich sprechen dürfen, nein, natürlich: sprechen müssen. Und das ist nicht mit den Veröffentlichungen der Pfarrerblättern abgehandelt.
Wer oben im Suchfeld mal das Stichwort "Publizistik" eingibt, bekommt dafür m. E. genügend Begründungen, ich kann und will das hier nicht alles wiederholen, zumal es fachlich völlig unstrittig ist.
Nur soviel dazu aus meiner ganz subjektiven Wahrnehmung: die Phrase "Pfarrer können eben alles" höre ich in vermutlich 90% der Fälle von? - Pfarrern. Und wenn mich mein rudimentäres Deutsch nicht ganz in die Irre führt, ist das stets ironisch konnotiert.
Aber das besprechen Sie besser mal mit Pfarrern.
Und noch ein Tipp fürs weitere Überfliegen der Welt: mit Journalisten setze ich mich weit intensiver publizistisch-kritisch auseinander als mit Pfarrern (um die es im Beitrag oben überhaupt nur ganz am Rande ging).

4. Über den Gesundheits- bzw. Krankheitszustand von egal wem werde ich im Gegensatz zu Ihnen niemals öffentlich spekulieren. Das schließt mein "scheinbar [gemeint haben Sie sicherlich "anscheinend"] tiefsitzendes Minderwertigkeitsgefühls als nicht-ordinierter kirchlicher Mitarbeiter" ein.

5. Und dann noch zu Ihrem Klassiker: "Allerdings finde ich es doch sehr unfair, dieses Medium 'Dekanats-Homepage', - das immerhin ein gesamtes Dekanat repräsentiert, inklusive einer sehr engagierten Pfarrerschaft, - [...] zu missbrauchen."
Ach, Frau Carola,
langsam aber sicher werde ich müde, auf die von der Alsfelder Dekanatssynode beschlossene und konkret im Zusammenhang mit dem Synodenblogging bestätigte Konzeption der Öffentlichkeitsarbeit in diesem Dekanat hinzuweisen. Selektive Wahrnehmung ist gut, ein Evolutionsprinzip, wird aber nicht in jedem Falle mit Erfolg belohnt - es gibt Ausnahmen -, und sie bildet in den meisten Fällen nicht die Wahrheit ab (soll sie - biologisch erfolgreich - auch gar nicht). Man kann natürich indische Inseln bei Amerika entdecken. Man sollte dann allerdings nicht erwarten, dass der Rest der Welt applaudiert: "Oh, wie schön ist Asien."
Wer hier gerade die "Dekanats-Homepage" missbraucht darf durchaus unterschiedlich gesehen werden. Das, worauf Sie geschrieben haben, ist Pixel für Pixel von mir gebaut, und was nicht von mir, sondern von kompetenten Dienstleistern geschaffen wurde, folgte immerhin meiner Architektur - eingeschlossen die Kommentarfunktion, die Sie genutzt haben, und die Sie so auf kaum einer "Dekanats-Homepage" finden.
Auch hier kann und mag ich nicht bei Adam und Eva anfangen. Eigentlich genügt ein Blick ins Impressum (dafür ist es jedenfalls da). Oder Sie tippen in das Suchfeld oben z. B. das Wort "Konzeption" ein. Mit "Überfliegen" ist es dann vielleicht nicht getan, wenn Sie verstehen wollten, was hier geschieht. Schließlich haben wir ein gutes Jahr daran gearbeitet, da stecken schon zwei, vielleicht gar drei Überlegungen drin. Unter anderem ganz am Rande, dass wir anonyme oder pseudonyme Kommentare akzeptieren, weil sie Meinungen ausdrücken können, mit denen sich die Öffentlichkeit auseinandersetzen soll. Sie können ja mal versuchen, auf einer nach dem EKHN-Muster gestrickten Website Ärger oder auch Lob kund zu tun. Ich bin auf Ihre Erfahrung sehr gespannt!
Nochmal ganz kurz, was zigfach auf dieser Website erklärt ist: Es gibt verschiedenen Bereiche mit verschiedenen Zuständigkeiten und Zielsetzungen. Jeder Bereich legt diese selbst fest. Die Jugendarbeit etwa kommt etwas anders daher als die Kirchenmusik. Eines der vielen Angebote ist das "Magazin", in dem wir uns gerade befinden.
Diese Trennung kann verstehen, wer sie verstehen will. Auf ekhn.de wurde das übrigens ähnlich organisiert (da waren wir allerdings schon längst am Start).
Auf Alsfeld-evangelisch.de gab es jedenfalls bisher niemals Pfarrer-Bashing, auch nicht im Magazin. Was es dort sehr wohl gab und gibt sind Artikel, die nicht verlautbaren, sondern berichten und kommentieren. Die Zugriffszahlen legen den Verdacht nahe, dass dies ein nicht uninteressanter Part des Angebots ist. Wenn Sie hier Fehler entdecken, dann benennen Sie diese doch. Das kann vorkommen, ist schon vorgekommen, dann korrigieren wir das transparent und bemühen uns natürlich, künftig besser zu sein. Nur: In Ihrem Kommentar benennen Sie nichts dergleichen.
Zu dem, was Sie dem Magazin an für Sie offenbar Neuem entnehmen könnten, gehört übrigens, dass die Pfarrerschaft insgesamt in der Kirchensynode trotz der Drittelquote an Amtsgeschwistern gerade nicht gut vertreten ist. Alles, worüber Gemeindepfarrer stöhnen, hat schließlich diese Kirchensynode zu verantworten, sie macht die Vorgaben, sie kann alles ändern.

6. Ihre Metapher von der "Nahrungskette" erschließt sich mir nicht (und auch nicht dem sofort zur Hilfe gerufenenen Lieblings-Theologen). Wer soll da wen fressen? Am Ende der Nahrungskette steht jedenfalls der Spitzenpredator. Dass aber nun die ehrenamtliche Carola, die mit ihrem Gemeindebrief von einer arroganten Öffentlichkeitsarbeit alleingelassen wird, alle anderen Christen auffrisst, fürchte ich wahrlich nicht.
Ralf Müller
web:
05.05.2017
Lieber Timo,
er ehrt Dich, dass Du an Deiner Kirche leidest. Deswegen hast Du die letzten sechs Jahre immer wieder Deine Finger in die Wunden gelegt und auf Missstände hingewiesen. Auch in diesem Bericht wieder. Viele Deiner Einschätzungen teile ich - auch in diesem Artikel wieder.
Allein - Dein Resultat will mir nicht einleuchten: "Demokratisch ist die EKHN aus vielerlei Gründen jedenfalls nicht", behauptest Du.
2013 hast Du Dein Buch "Demokratie für Deutschland" veröffentlicht - Du hast mir damals ein Exemplar samt Widmung geschenkt. Du wirbst dort für ein "Bürgerparlament": "Losen wir also das Parlament aus, aber nicht einmal alle vier Jahre, sondern wöchentlich. Jede Woche 600 neue Volksvertreter in einem Parlament, für das Namen wie >House of Lots< oder >Loskammer< kursieren, das man aber auch >Bürgerparlament< nennen könnte." (Rieg, 2013, S.145)
Für diese Form der direkten Demokratie trittst Du ein. Auch unserem Bundesparlament und unseren Landesparlamenten streitest Du die Beschreibung "demokratisch" ab - und gibst dafür - wie immer! - gute und durchdachte Begründungen.
Da beruhigt mich bei Deiner Kirchenkritik die Feststellung, dass Du nicht nur für die EKHN, sondern für unser gesamtes deutsches Staatssystem die Beschreibung "demokratisch" als Schönfärberei darstellst.
Was mir in Deinen Artikeln seit Lektüre Deines Buches immer gefehlt hat, war die Transparenz in eigener Sache: Dass Du nämlich für dieses System einer direkten Demokratie eintrittst, das auf eine Kaste gewählter Vertreter - bezahlt oder unbezahlt - verzichtet. Alle anderen Formen sind in Deinen Augen der Bezeichnung "demokratisch" nicht würdig.
Habe ich diesen Ansatz verstanden, dann verstehe ich auch Deine fundamentale Kritik am synodalen System.
Weiter vorne schreibst Du: "Für den Moment wäre schon viel gewonnen zu akzeptieren, dass es sehr unterschiedliche Demokratieformen gibt." (Rieg, 2013, S. 58).
Richtig: So z.B. auch das synodale System, bei dem gewählte Kirchenvorsteherinnen und -vorsteher aus ihrer Mitte Vertreterinnen und Vertreter in eine Dekanatssynode entsenden, die wiederum aus ihrer Mitte Vertreterinnen und Vertreter in eine Landessynode entsendet, die wiederum über Kirchengesetze entscheidet.
Da teile ich Deine Einschätzung, dass die Machtverteilung zwischen Kirchenleitung (das geht schon auf Dekanatsebene, wenn nicht schon auf kirchengemeindlicher Ebene los) und Synodalen ungleich verteilt ist. Nur: Undemokratisch ist das System eben nicht. Weil es auf Wahlen beruht.
Deine Einschätzung, dass die EKHN nicht demokratisch sei, ist somit falsch. Sie ist zumindest nicht undemokratischer als unser Bundestag.
Es mag bessere Formen der Demokratie geben - aber es gibt eben "sehr unterschiedliche Demokratieformen."
Timo Rieg
web:
05.05.2017
Oh, eine grundsätzliche Demokratiedebatte wolllte ich hier gar nicht anstoßen. Daher nur kurz:
Losen in der u. a. von mir vorgeschlagenen Form ist in der Tat demokratischer als zu wählen, und zwar ganz einfach, weil sich der Wille des Souveräns so viel besser abbilden kann. David Van Reybrouck hat es mit seinem Buch dazu im letzten Sommer kurz auf die Bestsellerliste geschafft, die ZEIT hatte im Februar ihr Dossier dem Thema gewidmet, es ist kein Nischenthema mehr und vor allem keine spezielle Träumerei von mir. Daher brauchen wir das hier an dieser Stelle nicht diskutieren, so leidenschaftlich ich natürlich tatsächlich dafür werben möchte.

Es gibt nicht nur "die eine Demokratie", deshalb kann man mit vielen Umfragen wie der heute veröffentlichten zum Demokratievertrauen der Jugend in Europa so wenig anfangen. Parlamente mit parteizugehörigen Berufspolitikern sind jedenfalls nur eine Möglichkeit.
Natürlich spreche ich daher auch der Bundesrepublik Deutschland nicht wirklich ab, demokratisch zu sein - das wäre ja nur der Versuch, eine eigene Definition von Demokratie durchzusetzen - der Kommunikation nicht sehr hilfreich. Der Buchtitel ist klar als Provokation gedacht, und wer mag kann einfach ein "Bessere" davor setzen, dann wird’s brav-bürgerlich, hoffe ich.

Zur EKHN (wie allen Landeskirchen mit Ausnahme der württembergischen) habe ich die Demokratiedefizite im oben bereits verlinkten Artikel zur Diskussion gestellt www.alsfeld-evangelisch.de/aktuelles/kirche-und-demokratie-a-2229.html

Dort habe ich am Ende die wesentlichen Punkte nochmal als Stichworte notiert. So fordern alle gängigen Demokratietheorien für repräsentative Parlamente freie, gleiche und eben unmittelbare Wahlen (meist auch geheime, wogegen es allerdings gute Argumente gibt, was auch schon mal hier im Magazin Thema war www.alsfeld-evangelisch.de/aktuelles/oeffentliche-abstimmungen-sind-notwendig-a-2391.html ).
Das Delegationsprinzip und die feste Pfarrerquote verhindern, dass sich der Mitgliederwille angemessen ausdrücken kann.

Wahlen sind keineswegs per se demokratisch. Sie sind auch nicht als demokratisches Element eingeführt worden, sondern als aristokratisches. Der Historiker Van Reybrouck schreibt dazu in seinem Buch "Gegen Wahlen" nach ausführlicher Herleitung: "Wir Wahlfundamentalisten klammern uns schon seit Jahrzehnten an den Urnengang, als wäre es der Heilige Gral der Demokratie, und nun erkennen wir, dass wir uns an das Falsche gehängt haben, nicht an einen Gral, sondern an einen Schierlingsbecher, an ein Verfahren, das ausdrücklich als antidemokratisches Instrument in Stellung gebracht wurde." (2016: 99)

Wer kein ganzes Buch dazu lesen will und kostenlose Lektüre sucht, sei auf Alexander Guerrero verwiesen
ssrn.com/abstract=2488791

Eine kleine Sammlung aktueller Literatur zur aleatorischen Demokratie gibt es hier
citizensjury.wordpress.com/literatur/
Timo Rieg
web:
05.05.2017
Kleiner Korrekturhinweis noch: Synodale müssen nicht dem Wahlgremium angehören, sie müssen nur die wählbarkeit in den KV besitzen. Kirchenvorstände wie auch Dekanatssynoden müssen nicht aus ihrer Mitte heraus wählen, theoretisch stehen einer Dekanatssynode alle für die Kirchenvorstände wählbaren Gemeindemitglieder im Dekanatsgebiet zur Verfügung.
Das schafft einerseits erheblich mehr Spielraum (weil alle KV-Wählbaren delegierte werden können), sorgt andererseits aber für noch mehr demokratische Verzerrung, wenn z.B. gerade diejenigen in weitere Gremien delegiert werden, die nicht in ihren örtlichen Kirchenvorstand gewählt worden sind, die also die Wähler dort gerade nicht haben wollten. Dies Art von "Trostpflaster" ist weit verbreitet (natürlich auch in der Politik: da kommt man dann als Nicht-Gewählter in einen Sparkassen-Aufsichtsrat, in den Rundfunkrat oder ähnliche Gremien, und vertritt dort, ganz demokratisch...
Stefan
web:
07.05.2017
Den Vorschlag mit dem Losen hat er doch auch schon für die Kirche gemacht www.publik-forum.de/Religion-Kirchen/losen-statt-waehlen
Carola
web:
15.05.2017
Na, da haben Sie es mir aber gegeben, Herr Rieg. Und selbst die Fake-News und Populisten-Keule blieb mir nicht erspart. Dabei habe ich doch gar nicht, über DIE Journalisten hergezogen... In Ihren Vorstellungen hab ich aber sicher orange Haut und einen komischen Scheitel.
Ich entschuldige mich, Sie behelligt zu haben. Der feinsinnige Humor Ihrer Artikel, Ihr Insider-Wissen übersteigt leider meinen Horizont. Und dann war auch noch meine Metapher falsch.
Vielen Dank, dass Sie sich herabgelassen haben und mich so wahrhaft schulmeisterlich belehrt haben. Als Katholikin werde ich Dankgebete bei der Heiligen Arrogantia einlegen, dafür, dass Sie mich fast (mund-)tot getextet haben (3 A4-Seiten - Sie verstehen Ihr Handwerk).

Da Sie und Ihre Ausführungen mein simples Laien-Niveau und mein Zeitkontingent (denn überfliegen darf man Ihre großartigen Artikel natürlich nicht, das ist wahrlich Perlen vor die Säue...) übersteigen, werde ich künftig darauf verzichten hier zu lesen.

Trotzdem noch was zur Demokratisierung der Kirche: ein Anfang wäre es doch schon mal solche Portale so zu gestalten, dass einfach gestrickte Menschen und nicht-Insider wie ich, eine Chance haben, die Witze und Anspielungen in Ihren Artikeln auch zu verstehen. Wie wäre es denn mit einer Darstellung des Wesentlichen in "Leichter Sprache".

Sie brauchen nicht zu antworten. Ich lese hier nicht mehr. Vielen Dank.

Schreiben Sie einen Kommentar!