Palästina
18.06.2015

"Wann endlich fällt unsere Mauer?"

Faten Mukarker aus Bethlehem berichtet vom Leben unter der Besatzung

Faten Mukarker"In 70 Jahren hat man nicht gelernt, was der Unterschied ist zwischen legitimer Kritik an der israelischen Besatzungspolitik und Antisemitismus." Faten Mukarker spricht leise, nachdenklich, ohne Verbitterung, aber mit raumfüllender Trauer. Seit 40 Jahren erlebt sie den Israel-Palästina-Konflikt - als christliche Palästinenserin in Bait Dschalah nahe Bethlehem und Jerusalem. "Wie fühlt sich Frieden an? Das weiß bei uns niemand, wir kennen keinen Frieden. Wir Palästinenser kennen nur Krieg und die Phasen zwischen zwei Kriegen. Aber keinen Frieden. Und unseren Nachbarn in Israel geht es genauso." Und deshalb verläuft die Konfliktlinie auch nicht zwischen Palästinensern und Israelis, sagt Faten Mukarker, sondern zwischen Extremisten beider Völker.

Die Mauer mitten im Garten der FamilieUnd solange diese Extremisten die Politik prägen, die Hardliner, die dem anderen keine Krume Boden gönnen, wird es keinen gerechten Frieden im Nahen Osten geben. "Und ich möchte nicht unter die Erde, bevor wir diesen gerechten Frieden haben." Schließlich glaubte schon ihr Großvater, der Irrsinn werde bald ein Ende haben - und verstarb. Ebenso ihr Vater.

Faten Mukarker, die in Deutschland aufgewachsen ist aber seit 40 Jahren wieder in Palästina lebt, als Reiseleiterin und Friedensaktivistin, kommt oft nach Deutschland, um für den gerechten Frieden im Nahen Osten zu werben. Derzeit ist sie im Dekanat Alsfeld unterwegs, am Mittwoch sprach sie vor der Pfarrkonferenz, die so gebannt zuhörte, dass man in Mukarkers Sprechpausen die fallende Stecknadel gehört hätte.

Denn die knapp 60-Jährige verwebt persönliche Geschichten und politische Geschichte so gut, dass man als Zuhörer mitfühlen kann, wie es sich in den palästinensischen Autonomiegebieten lebt. Wie es sich lebt in einem Land, in das willkürlich Grenzen gezogen wurden und werden - und zwar nicht nur auf Landkarten, sondern mit zehnt Meter hohen Betonmauern, mit Nato-Draht, Wachtürmen und Elektrozäunen. In einem Land, das Trinkwasser nach Gusto einer Besatzungsmacht bekommt, mal alle paar Tage, mal über Wochen nicht. "Es gibt keine humane Militärbesatzung", sagt Mukarker lakonisch.

Sie, die bei der Ankunft in Deutschland schon am Frankfurter Flughafen die Freiheit riecht, ist unendlich enttäuscht von der deutschen Politik, die vor den Augen der Palästinenser die Augen verschließt. "Wenn Bundeskanzlerin Merkel nach China reist, spricht sie mutig die Menschenrechte an und alle Medien berichten darüber. Wenn sie in Israel zu Gast ist, verliert sie kein Wort darüber."

Als Familie Mukarker in Bait Dschalah bei Bethlehem vor 25 Jahren im Fernsehen sah, wie die deutsche Mauer fiel und Menschen aus Ost und West auf ihr tanzten, fragte eine Tochter: "Unsere Mauer ist viel höher, wer soll mich da hinaufziehen, und sie ist auch viel schmaler, wie soll ich auf ihr tanzen, wenn unser Tag gekommen ist?"

Mukarker kann fesselnd erzählen, ohne dass es eine Powerpoint-Unterstützung bräuchte. Aber sie hat doch einige Bilder dabei, und auch diese fesseln, weil es ihre Bilder sind: aus ihrer Heimat, Blicke aus  ihrer Wohnung, Dokumente von ihren Begegnungen mit Soldaten und Räumfahrzeugen, Zeichnungen ihrer eigenen Kinder.  

Faten Mukarker wirbt für den gerechten Frieden, und der erste, einfache aber unendlich wichtige Schritt dahin scheint zu sein, dass die Welt hinsieht, was in Israel und Palästina geschieht. Etwa, dass Früchte aus illegal auf palästinensischem Gebiet errichteten Siedlungen auf dem Weltmarkt als "Made in Israel" erscheinen - "obwohl sie doch gar nicht aus Israel stammen, sondern von den Feldern, die man uns weggenommen hat", sagt Mukarker. Eine Pflicht zur korrekten Deklaration, die dem deutschen Verbraucher eine Entscheidungsmöglichkeit geben würde, wurde verhindert, vor allem von Politikern aus Deutschland.

Bildhinweise: Foto oben (Faten Mukarker vor der Pfarrkonferenz Alsfeld) von Redaktion Alsfeld-evangelisch.de; Foto Olivenhain und Kinderzeichnung "Intifada - Steinewerfer gegen Polizisten" von Mukarker.