Auf ein Wort
09.05.2015

Leitbild "gerechter Frieden"

Am 9. Mai 1955 trat Deutschland der NATO bei

Heute vor 60 Jahren trat Deutschland der NATO bei. Hat dies dem Frieden gedient? Einerseits erlebt Deutschland den längsten Zeitraum ohne Krieg auf eigenem Boden. Andererseits waren bisher über 200000 deutsche Soldaten bei vielen Auslandseinsätzen beteiligt. Über 80% der Bevölkerung wünschen sich laut Umfragen weniger Militäreinsätze der Bundeswehr.
Biblisch-christliche Ethik betont den Vorrang friedlicher Konfliktlösung und die Wertschätzung der Friedensstifter. Gleichzeitig erleben wohl alle Menschen, dass die Sehnsucht nach Frieden einhergeht mit der – auch eigenen – Aggressivität und Bereitschaft, gewaltsam seine Bedürfnisse durchzusetzen.
Hoffnung und Realität geraten oft in Widerspruch. Aber wie kann man Frieden stiften und finden?
Für ChristInnen ist spätestens seit Ende der 1980er Jahre nicht länger der „gerechte Krieg“ Leitbild, sondern ein „gerechter Frieden“, der allen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht und keinen faulen und aufgezwungenen Frieden meint (vgl. Jeremia 6,14: „Sie sagen: »Friede! Friede!«, und ist doch nicht Friede“). „Wer Frieden will, muss den Frieden vorbereiten“, heißt es in der Friedensdenkschrift der EKD „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“ von 2007.
Verschiedene internationale Institutionen versuchen, dem Frieden zu dienen.
Die NATO gewinnt dabei immer mehr an Gewicht. Ehemalige Mitglieder des aufgelösten Warschauer Pakts und bisher neutrale Staaten erwägen den Beitritt. Durch die Osterweiterung der NATO und den seitens der USA erklärten Krieg gegen den internationalen Terrorismus wird der ursprüngliche Verteidigungsauftrag der NATO zunehmend undeutlicher. Gegen Terrorismus sollte aber nicht mit militärischen, sondern mit polizeilichen Mitteln vorgegangen werden. Die UNO dagegen zielt nicht auf die Verteidigung gegen einen Angreifer von außen, sondern will ihre 193 Mitglieder davor bewahren, einen der ihren anzugreifen. Mit der UNO und der OSZE, Entwicklungshilfe- und internationalen (christlichen und humanitären) Friedensdiensten gibt es eine Vielzahl von Alternativen. Doch müssten deren Budgets wesentlich erhöht werden, um gerechten Frieden wachsen zu lassen. Es fällt uns oft leichter, einen Konflikt durch Gewalt(androhung) zu „lösen“, aber nachhaltig ist nur eine Lösung, bei der es keine Verlierer gibt – das gilt in der Familie, in der Schule und für Völker.

Pfarrer Schulze-Gockel, Lehrbach und Erbenhausen.