Debatte
10.06.2015

"Aktives Sterben" passt zum Zeitgeist

Evangelische Positionen zur Sterbehilfe und Sterbebegleitung (Teil 2)

Als  Seelsorger  ist die Diskussion um die aktive Sterbehilfe oder unterstützende Sterbehilfe natürlich eine brennende Frage, die mir unter die Haut geht.
Da ich viele Gespräche mit Sterbenskranken geführt habe, weiß ich, dass sich die Frage am Tisch des akademischen Theologengesprächs allein nicht lösen lässt. Ärzte und theologische und psychologische Seelsorger sind mit betroffen, wenn sie vor die Frage nach der Beendigung eines Lebens gestellt werden. Aber niemals werden sie  die ganze Last der Entscheidung treffen wollen, geschweige tragen wollen.
Der Kranke selbst hat die Entscheidung zu treffen.

Für diese Entscheidung stehen den Erkrankten rechtlich die Möglichkeit der Patientenverfügung zu Verfügung. Darin kann festgehalten werden – wenn auch nicht jede Situation vorausgesehen werden kann - wie und ob der Erkrankte medizinisch behandelt und pflegerisch betreut werden will.
Leider hat diese rechtliche Form den Nachteil, dass man als Gesunder mit allen Möglichkeiten des selbstbestimmten Lebens darüber entscheidet, wie man als eingeschränkter kranke Mensch  sein Leben beurteilt. Halte ich es als chronisch Erkrankter für lebenswert, ‚ans Bett gefesselt zu sein‘ oder  gar nach einem Unfall nur mit Maschinen am Leben gehalten zu werden, ist als Gesunder kaum zu entscheiden.

Das Leben als lebenswert zu beurteilen, wird nicht nur  nach moralischen und ethischen Grundsätzen  entschieden, sondern auch durch die zu ertragenden Lebenssituation. Entscheidend sind Momente des Abschiednehmens von den Liebsten, Ehepartner, Kindern, Enkel, Geschwister. Ebenso gewichtig ist die Regelung des Auskommens dieser Angehörigen und auch die gerechte Vererbung von Haus und Hof, Vermögen und Erspartem.  Die Entscheidung wird auch beeinflusst, wie ich selbst  einen Pflegefall  erlebt habe. Und schließlich wie die Familie eine Krankheit und ihren Verlauf bis in die Sterbephase hinein kommunikativ begleiten kann.
Es ist schon maßlos überheblich zu glauben, dass Lebenssituationen sich ändern, aber die Denkweise und ihre Entscheidungen blieben ohne Veränderungen und Korrekturen erhalten.

Eine Untersuchung zur aktiven Sterbebegleitung stellte nun fest, dass die Befürworter mehrheitlich zwei Gründe für ihre Zustimmung nannten:
a. Ich will meinen Nächsten nicht zur Last fallen. Und
b. Schmerz, Leid und Elend möchte ich von mir fern halten.
In unserer mobilen Gesellschaft sind diese Äußerungen nicht überraschend, eher selbstverständlich und erlebenskonform. Die Kinder sind aus dem Haus, haben einen Beruf gelernt und innerhalb Deutschlands eine Arbeitsstelle angetreten. Ihre PartnerIn geht es nicht anders – auch sie sind von den Eltern getrennt. Wie kann ich realistisch annehmen, dass ich von meinen Kindern gepflegt werde oder gar mein Grab gepflegt wird?  Ruheforst und baldiger Tod gehören dann wohl eher zu meinen Träumen des Endes, als von meinen Kindern und Enkeln erinnert zu werden. Unabhängig bleiben auch gegenüber dem Tod. Selbstbestimmt als Erwachsener das Leben gemeistert zu haben, und im Tod unabhängig bleiben, sogar über ihn hinaus. Auch ältere Menschen, die in zweiter Ehe leben, ziehen häufiger in Erwägung, ganz ohne familiäre Bindung beerdigt zu sein - ganz für sich allein im Wald. 

Aktiv Sterben  ist ein Lebensziel, dass durchaus in unsere gesellschaftliche Ordnung und Zeitgeist passt. Wer will seine Verwandtschaft mit Kosten der Pflege, der Krankheit und auch noch der Sterbekosten belasten? Dann lieber frühzeitig selbstbestimmt sterben als ein Zeichen des freien Willens. Oder doch nur der Unterwerfung des Sparzwangs gegenüber nutzlosen Mitmenschen.

Ich spüre die Gefahr, jenen sterbenskranken Menschen den Vorwurf zu machen, sich auf Kosten der Gesunden ein verlängertes Leben zu erschwindeln. Willensschwach wie sie nun einmal sind, ersparen sie sich die Entscheidung und ‚lassen sterben‘.
Aus geschenktem Leben bei der Geburt wird im Laufe eines Menschenlebens ein Rechtfertigungs-zwang‘ leben zu dürfen‘. Nur wenn der Mensch noch nützlich, arbeitsfähig, gesund und unabhängig ist, keinem zur Last fällt und dem Staat nicht auf der Tasche liegt, kann weiter leben.

Sein aktives, schwer erkranktes Lebens beenden zu wollen, darf niemals die Suche nach anderen Überlebensmaßnahmen ersetzen.  Schwer verunfallte Menschen erlernen wieder Sport zu machen, ergreifen einen anderen Beruf, in dem sie Meisterliches erreichen. Altersschwache Menschen können erzählen, singen und tanzen, leben auf mit glänzenden Augen. Lebensmüde finden ein erträgliches Lebensende ohne körperlichen Schmerz, aber mit Tränen des Abschieds.

Im Laufe der Diskussion über die aktive Sterbensbegleitung bildet sich eine unheilige Allianz. Das ist der verständliche Wunsch, nicht unter körperlichen Schmerz oder seelischer Not und materiellem Elend zu sterben.  Dann lieber selbstbestimmt.
Die andere Seite ist die rechtliche Kodifizierung eines Rechts auf aktive Unterstützung zum Tod, damit die Suche einem  verlängerten würdigen Lebenweg nicht unnütz viel Geld kostet. Die Gemeinschaft wäre unzumutbar belastet.

Aus eigener Erfahrung  war ich froh und dankbar, meiner Mutter im Alter meine menschliche Begleitung anzubieten und möglich zu machen.  Es war nicht richtig, anzunehmen, ich könnte nicht pflegen. Zusammen mit meinem Bruder und mit Fachkräften in ihrer eigenen Wohnung und im Seniorenheim habe ich die letzten Tage bis zu ihrem Tod bei ihr verbracht und sie hat uns Söhnen Ihren Tod für unser Weiterleben auch noch geschenkt.
Ja, sie hat vom erlösenden Tod geredet, sie hat sich ebenso gegen das Unverständnis der Pflegenden gewehrt, sie hat sich für Überzogenes entschuldigt  und Anwesenheit und Trost eingefordert. Ob ich ihr alles habe geben können, weiß ich in letzter Konsequenz nicht. Für ihr Glück und ihre Zufriedenheit  habe ich mich nicht verantwortlich gefühlt, aber dankbar für mein Leben war ich und dass hat sie im letzten Atemzug noch gespürt. Das weiß ich ganz sicher.

Ich weiß nicht, ob ich ihr einen Gefallen getan hätte, wenn ich ihr einen Giftbecher gereicht hätte. Ich kann es nicht ausschließen, aber auch nicht befürworten. Ein  menschliches Leben willentlich zu beenden helfen, hat schon mancher mit mehrheitlichen Gründen beansprucht und hat Schiffbruch erlitten.

Harald Wysk, Notfallseelsorger