Auf ein Wort - zum neuen Jahr

Fliegende Zeit

Liebe Leserinnen und Leser,

wissen Sie, was ein Weberschiffchen ist? Mit einem Weberschiffchen wird ein Schussfaden durch die in einen Webrahmen eingespannten Kettfäden geschickt, hin und her, vor und zurück. So entsteht ein feines, mitunter kunstreich farbiges Webstück. Früher wurden auch in unserer Region auf diese Weise Stoffe für Handtücher, Hemden, Röcke, Tischdecken, Bettzeug und anderes hergestellt.
Im Verlauf der Industriealisierung entwickelten sich aus den einfachen Webstühlen moderne, leistungsfähige Maschinen. Durch den technischen Fortschritt schoss das Weberschiffchen immer schneller durch die Kettfäden. Anfänglich mit der Hand hindurch gefädelt, dann an Schienen geführt, schließlich durch ausgeklügelte Antriebe blitzartig bewegt, vervielfachte sich im Laufe der Zeit die Webgeschwindigkeit.
Genauso wie mit der immer weiter zunehmenden Geschwindigkeit der Weberschiffchen verhält es sich mit dem menschlichen Zeitempfinden. In der Kindheit scheint ein Tag unendlich lang. Dann aber nimmt das Tempo zu, und je älter man wird, desto schneller verfliegt die Zeit.
Gerade am Anfang eines neuen Jahres wird das vielen bewusst. Wieder ist ein Jahr vorüber, das doch eben erst begonnen hatte. Vorbeigehuscht die Tage mit wachsender Beschleunigung.
So ähnlich hat es schon Hiob vor über 2000 Jahren empfunden: Meine Tage sind schneller dahingeflogen als ein Weberschiffchen und sind vergangen, dass kein Aufhalten da ist. (Hiob 7,6)
Ja, so fliegen die Tage vorbei, keiner kann sie aufhalten, niemand sie zurückbringen. Das kann einen traurig stimmen und Anlass zur Klage sein.
Man kann sich durch das Bild vom Weberschiffchen aber auch daran erinnern lassen, dass mit dem Hin und Her in aller Regel die Entstehung eines wunderbaren Werkes verbunden ist: ein brauchbarer Stoff, ein bunter Teppich, ein kunstvolles Band. Welche erstaunliche Vielfalt und welche Schönheit an Stoffen und Bändern können im Webvorgang entstehen!
So ist es auch mit unserem Leben. Gottes Weberschiffchen webt in der dahinfliegenden Zeit vieles in unser Leben hinein: helle Farben - kostbare Augenblicke, dunkle Töne - traurige Stunden, tolle Muster - beglückende Erfolge. Mitunter finden sich auch kleine oder größere Webfehler. Immer aber wird aus den Fäden unserer Lebenszeit ein einmaliges, besonderes, wertvolles Stück.

Mit diesen Gedanken grüßt Sie herzlich
Ihr
Dr. Jürgen Sauer, Dekan des Evang. Dekanats Alsfeld

(Foto: Pixabay, Text und Bild eingestellt von Traudi Schlitt)
17.01.2018
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