Gedanken zur Weihnacht

Die Evangelischen Dekanate Alsfeld und Vogelsberg wünschen eine gesegnete Weihnachtszeit und einen guten Start in das neue Jahr!

Von Dr. Jürgen Sauer

Mitten in der Geburtskirche zu Bethlehem ist mir eine neue Sicht der Weihnachtsgeschichte geschenkt worden. Allerdings nicht im touristischen Vorbeiziehen an jenem silbernen Stern, der den angeblichen Ort der Geburt Jesu markiert. Auch nicht im Blick auf die Nische, die die Krippe darstellen soll. Sondern tief unten in einem dunklen Nebenraum. Dahin führte uns nämlich unsere Reiseleiterin, und dort erzählte sie Folgendes:

„Ich bin als palästinensische Christin in der Nähe von Bonn aufgewachsen. Daher war es für mich selbstverständlich, dass beim Krippenspiel immer auch die bösen Wirte mitspielten. Harte Burschen, die die heilige Familie mit klaren Worten abzuweisen hatten: ‚Bei uns ist kein Zimmer frei, macht Euch fort!‘
Davon habe ich im Alter von acht  Jahren bei meinem ersten Besuch in Palästina einmal meinem Großvater erzählt, und der hat entsetzt reagiert: ‚Die Gastfreundschaft ist uns Bethlehemiten seit alters heilig‘, hat er gesagt. ‚Niemals - und sei das Haus auch noch so voll - wäre eine Schwangere abgewiesen worden. In der Lukaserzählung heißt es ja auch nur: ‚Es war sonst kein Raum in der Herberge’. D.h. das Haus war zwar voll, aber aufgenommen wurden Maria und Josef selbstverständlich. Eine Schwangere, die Wehen hat, will sich natürlich zurückziehen in einen Raum, in dem ihr nicht alle zusehen. Nicht mehr und nicht weniger bedeuteten jene Verse im Weihnachtsevangelium. Das mit den unfreundlichen Wirten sei der größte Unsinn, den er je gehört habe.‘“
Mir selbst ist die Szene vom abgewiesenen Josef und der verzweifelt nach einer Unterkunft suchenden Maria derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich zuerst sehr verblüfft war über diese Deutung. Und dann war ich erschrocken darüber, wie unhinterfragt mit den erfundenen Wirtshausszenen westliche Vorurteile über orientalische Verhältnisse weitergegeben werden. Schön, dass mir hier die Augen geöffnet wurden für eine neue Sicht der Weihnachtsgeschichte: Selbstverständlich fanden Maria und Josef in Bethlehem eine Unterkunft. Die Menschen dort waren gastfreundlich. Fremde wurden aufgenommen und beherbergt noch in der engsten Hütte. Selbst bei Überbelegung wurde für die Intimsphäre einer gebärenden Frau gesorgt. Was für ein Licht scheint da auf!
Wenn ich diese neue Sicht der Weihnachtsgeschichte weiterdenke, dann erkenne ich: Die Menschenfreundlichkeit Gottes braucht nicht den Hintergrund einer bösen, dunklen Welt, um zu leuchten. Sie glänzt schon mitten im Alltag, im Allerselbstverständlichsten. Damals in Palästina. Und heute unter uns:
Im liebevollen Umgang miteinander, im Freude stiftenden Geschenk, im Gottesdienst am Heiligen Abend, im Singen der Weihnachtslieder, im Glanz von Kinderaugen, im Hinhören auf die Nöte und Sorgen der Nachbarn, in der Fürbitte für Verzweifelte, im Tun des Gerechten und in der Nähe, die andere uns schenken.
Ihnen und den Menschen, die zu Ihnen gehören, wünsche ich in der Weihnachtszeit und darüber hinaus viele solcher lichtvollen Momente.
Ihr
Dr. Jürgen Sauer, Dekan des Evang. Dekanats Alsfeld
24.12.2018