Aus der Sicht einer Randfigur

Aufführung des biblischen Theaterstücks "Claudia Procula - die Frau des Pilatus" in der Ev. Kirche Groß-Felda

Theatervorführungen haben in der Evangelischen Kirche in Groß-Felda schon eine lange Tradition. Waren es früher die Jugend- und Frauenkreise, die die Massen begeisterten, so sollte nun mit Profis vom „Ensemble Theatrum Schloss Hohenerxleben“ wieder ein Neuanfang dieses Angebotes gemacht werden. Dem Ev. Gruppenpfarramt war es gelungen, diese Theatergruppe für eine Aufführung im Vogelsberg zu gewinnen. Mit dem Stück „Claudia Procula – die Frau des Pilatus“ schaffte man es, das Gotteshaus in Groß-Felda bis auf den letzten Platz zu füllen. Ein gelungener Auftakt also, und es ist durchaus vorstellbar, dass weitere Veranstaltungen folgen werden.
Das „Biblische Theater“ hat in dem Ensemble einen festen Platz. Das in Groß-Felda aufgeführte Stücke hatte seine Premiere Pfingsten 2017 auf Schloss Hohenerxleben in Sachsen-Anhalt. Spannend und bewegend bis zur letzten Minute, ernsthaft, aber auch kraftspendend und warm, zogen die vier Schauspieler die begeisterten Zuschauer in ihren Bann. Dieser Theaterabend widmete sich dem Passionsgeschehen in sensiblen Theaterbildern mit Musik und einem faszinierenden Bühnenbild. Die scheinbar bekannte Geschichte erzählte aus dem Blickwinkel derer, welche die Geschichte offiziell nicht geschrieben haben. In diesem Fall aus der Sicht einer „Randfigur“, der Seherin und Ehefrau von Pontius Pilatus, „Claudia Procula“. Sie wird nur in einem einzigen Vers im Neuen Testament erwähnt (Matthäus 27,19) und bleibt namenlos. „Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: „Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten. denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.“  Die Ausführenden in dem Stück waren Friederike v. Krosigk als Claudia, Thomas Zieler spielte ihren Ehemann Pontius Pilatus, Hubert v. Krosigk den Jeschua, genannt Jesus von Nazareth, und Hannah Vongries, die Elevin des Ensembles, verkörperte die Priesterin der Isis und Claudias Schwägerin. Alle weiteren Rollen im Stück übernahmen auch die vier Schauspieler.

Nach einem Prolog befindet sich Claudia in der ersten Szene im Isis-Tempel, wo sie betet und die Isis-Priesterin wegen ihrer ständigen Träume um Rat fragt. Im Gespräch mit ihrer Schwägerin erzählt sie die Legende von Isis und Osiris. Im Isis-Tempel begegnet sie einem jungen Mann, dessen Blick sie nie nicht vergessen kann, und erzählt von ihrer Sehergabe. Den großen Aufruhr in der Provinz Judäa, den sie und ihr Mann, der Statthalter Pontius Pilatus, erleben, hat sie nicht vorhergesehen. Im Traum, der alles übersteigt, sieht sie schließlich das Leid eines Gekreuzigten. Dieses feine, jüdische Männergesicht konnte sie nicht mehr vergessen und schließlich erkannte sie auf dem Kopf einen Kranz aus Dornen. Mit ihrer Schwägerin beobachtet Claudia schließlich den Prozess ihres Mannes Pilatus gegen den Angeklagten Jeschua. Claudia erzählt ihrem Mann von dem Traum und erkennt, dass ihr Traum bereits wahr wird. Sie schreibt Pilatus einen warnenden Brief, den dieser jedoch verwirft, der ihn aber auch nachdenklich über den ungewöhnlichen Prozess werden lässt. Schließlich kommt es zur Verurteilung von Jeschua durch Pilatus, der den Forderungen des Volkes, entgegen seiner eigenen Meinung, nachgibt; Jeschua wird gegeißelt und das Todesurteil wird gesprochen.

In der folgenden Szene bringt Pilatus Claudia einen Kelch mit. Sie erkennt ihn aus ihrem Traum wieder und folgt Jeschua zu seiner Kreuzigung. Dort erkennt sie, dass ihr die Augen des Fremden nicht fremd sind. Es waren dieselben, in die sie bereits im Isis -Tempel geblickt hat. Pilatus verfolgen danach Selbstzweifel und er sucht nach Erklärungen, da ihn der „Fall Jeschua“ nicht mehr loslässt. Hatte er nicht der schreienden Menschenmenge zugerufen. „Ich finde keine Schuld an ihm!“ Doch er hätte die Kreuzigung verhindern können – hätte er nur auf seine Frau gehört. Die hatte ihm ihren Traum ausrichten lassen und ihn aufgefordert, das Todesurteil nicht zu vollstrecken. Er hadert mit seinem Schicksal. Warum ich? Claudia lässt das Publikum wissen: „An jenem Tag wurde Pilatus alt.“ Er kommt von dieser Frage nicht mehr los. Eindrücklich zum Ende hin auch das Bild, wie Pilatus als Angeklagter vor Jesus steht, der nun an seiner Stelle auf dem Richterstuhl sitzt -  und die Furcht des Pilatus vor dem Urteil. Doch in den Augen des Nazareners ist, so wie damals, als er selbst der Angeklagte war, Erbarmen. Danach wurde es in der Kirche dunkel und eine große Stille war im Raum. Diese löste sich dann im wieder erstrahlenden Licht schließlich in begeisterten Beifallskundgebungen.

Im Anschluss an die Veranstaltung traf man sich im noch im benachbarten Gemeindezentrum und konnte dort mit den Künstlern noch kurz ins Gespräch kommen und sich über das Stück austauschen.

Von Herbert Schott
26.04.2018