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Berliner Compagnie zeigt "Das Bild vom Feind".

„Vorurteile haben wir alle“ – mit dieser Feststellung eröffnete Pfarrer Walter Bernbeck am Freitagabend das Theaterstück „Das Bild vom Feind“ der Berliner Compagnie im Romröder DGH. Schon zum wiederholten Mal war das Schauspiel-Ensemble mit einem selbstgeschriebenen Stück zu einem brisanten politischen Thema in der Region zu Gast, auch dieses Mal wieder auf Einladung des Kirchspiels Billertshausen gemeinsam mit Lehrbach, Kirtorf und Bernsburg sowie dem Ev. Dekanat Alsfeld. Es sei Zeit, so Bernbeck, seine Bilder von Nord und Süd, von Ost und West im Kopf zu überprüfen, Mut zu einer differenzierten und überlegten Meinung zu haben und offen und ehrlich darum zu streiten.

Thema des Abends und damit auch der neuesten Produktion der politisch engagierten und 2009 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichneten Truppe ist die Ukraine. Anhand der dortigen Geschehnisse seit dem Jahr 2013 zeichnet das Stück aus der Feder von Helma Fries die Entwicklungen vom Euromaidan, den Unruhen also nach der Ankündigung der ukrainischen Regierung, das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union vorerst nicht unterzeichnen zu wollen, bis zu den blutigen Kämpfen am Donbass, der Grenzregion zwischen Ukraine und Russland, auf und macht deutlich, dass es mehr als einen Standpunkt gibt, auch wenn die Medien in einem „geheimnisvollen Gleichklang“ anderes suggerierten.
Die Medien also spielen eine große Rolle; so lag das Setting des Stücks auf der Hand: eine Zeitungsredaktion einer (einst) linken Zeitung, besetzt mit Prototypen. Die kritische Journalistin, die recherchiert und abwägt. Der junge Wilde, der die Welt verbessern möchte und andere Meinungen als den Mainstream sucht und findet. Der alte Möchtegern-Ex-Revoluzzer, der sein Fähnchen dreht und wendet, wie es ihm passt und wie es seine kreativen Erklärungsversuche auch ungehindert zulassen. Dazu der erfolgsversessene Chefredakteur, der auf die Wahrheit pfeift, sondern nur auf die Auflage schaut, eingesetzt übrigens vom neuen Verleger, einem millionenschweren Industriellen, der nun eben auch in Zeitung macht. Und dann ist da noch Tatjana, die Volontärin aus der Ukraine, Allegorie auf das vom Bürgerkrieg zerrissene Land. Die Tatsachen hinter der Handlung hat die Theatergruppe kurz zusammengefasst: Im November 2013 begann in der Ukraine mit der Ablehnung eines Assoziierungsvertrages mit der EU eine Krise, die von einem spontanen Protest ausgehend über den schon blutigen Euromaidan bis zu dem immer noch andauernden Bürgerkrieg eskalierte. Von deutscher Seite werden die Vorgänge in der Ukraine unterschiedlich beurteilt. Was den einen eine berechtigte Revolution, ist den anderen ein illegitimer Putsch. Dabei erschwert starke Polarisierung eine differenzierte Wahrnehmung des Konflikts und leistet Feindbildern Vorschub.



So stehen auch die drei Journalisten – meinungsbildend mit ihren Beiträgen – stellvertretend für eine mehr und mehr verunsicherte Bevölkerung. Ist die Lage wirklich so klar, wie sie scheint? Ist Russland der Kriegstreiber, der die Lage ausnutzt und die Ukraine, oder zumindest ihren Osten, wieder fester an sich binden will? Oder reagiert Russland nur auf die Aggression des Westens, der die geopolitischen Lage dieser Region als Dreh- und Angelpunkt für sich nutzen will, der mit der Zugehörigkeit der Ukraine zur EU auch die NATO stärken möchte und damit gleichzeitig große Ängste in Russland schürt? Und gingen bisher nicht alle Kriege gegen Russland vom Westen aus, sodass die russische Angst und Abwehr verständlich sein könnte? These und Antithese lösen sich in der Diskussion um das vom Chefredakteur gewünschte „Ukraine-Dossier“ ab: Wie bedroht ist Russland wirklich durch eine NATO-Erweiterung nach Osten und durch die Platzierung von amerikanischen Raketenabwehrsystemen an seinen Grenzen? Wie viele Ukrainer litten und leiden unter den Russen und suchten Schutz bei den Werten Europas und der Stärke der NATO? Wie brutal gingen Russen gegen Demonstranten vor? Und was genau tut eigentlich die EU für sie?



Wie immer ist auch dieses Stück des „derzeit besten aufrüttelnden politischen Theaters" (Ekkehart Krippendorff) ein Lehrstück in Sachen Politik, Meinungsmache und Meinungsbildung. Eine unglaubliche Ansammlung von Fakten hat die Autorin Helma Fries dafür zusammengetragen und in einem Begleitheft gesammelt, das dem Zuschauer auch lange nach dem Stück durchaus andere Perspektiven zeigt, als es die Medien offenbar tun. Deutlich wird der Gleichklang der Zeitungen und Zeitschriften, als eine Überschrift für das Dossier – mit Tendenz zur westfreundlichen Version, versteht sich – gesucht wird. Egal, welcher Vorschlag auch kommt: Es gab ihn schon – ob bei der FAZ, dem Spiegel oder der TAZ ist beliebig. Austauschbar die Überschriften und offenbar auch die Inhalte. Den Journalisten stellt sich mehr und mehr die quälende Frage, wie sehr sie ihrem Gewissen verpflichtet sind oder wie sehr doch eher ihrer wirtschaftlichen Existenz. Auch darauf gibt das Stück verschiedene Antworten – nachvollziehbar sicherlich, wenn auch überspitzt und mit deutlichen Sympathiewerten versehen.
Selbst Tatjana, die ukrainische Volontärin, die ihren Bruder auf dem Maidan verloren hat, zeigt sich gespalten wie ihr Land und wie die Meinung sein könnte: Ihr Freund kämpft auf der Seite der prorussischen Rebellen, ihre Mutter selbst ist Russin. Wo ist der gemeinsame Punkt, an dem man sich treffen kann? Und wie soll die junge Frau dem aufdringlichen Chefredakteur begegnen, der sie offensichtlich mehr als nur unter seine Fittiche nehmen will. Vielmehr dient sie ihm dazu, seine antirussische Meinung zu untermauern – eine Taktik, die die Volontärin schnell durchschaut. Obwohl sie auf der Seite der europafreundlichen Ukraine gekämpft hat, öffnet sie sich den kritischen Ansätzen des Kollegen, der auch die russische Seite sieht. Sie tauschen sich aus – nähern sie sich auch an?
Währenddessen verkommt die ehemals linke Zeitungsredaktion zum Boulevardblatt. Der Chefredakteur propagiert, dass man sich auch als Journalist nicht von Fakten in die Irre führen lassen dürfe, sondern die Wahrheit selbst erfinden könne. Der junge Wilde ist gefeuert, der Opportunist macht, was verlangt wird und „führt die Revolution von innen“, einzig die kritische freie Mitarbeiterin und die die Volontärin aus Odessa halten die Stellung und planen die Revolution in der Redaktion. Es folgt ein Exkurs über die vermeintliche Pressefreiheit in Deutschland. Fünf Personen gehörten die deutschen Verlage, so dürfe man auch hier durchaus von einem oligarchischen System sprechen.



Am Ende des Stücks hat sich nicht nur die Redaktion wieder zusammen- und zu ihrem alten linken, kritischen Geist zurückgefunden, es gibt auch noch ein Happy-End unter zwei Kollegen. Tatjana ist ins Krisengebiet zurückgefahren – es gilt der Redaktion dajer, jetzt Frieden zu schaffen, statt Krieg zu schüren. Was der Verleger zu dem Plan sagt, ist ungewiss. Ob er wohl gelingt?
Im Beiblatt zu dem Stück hieß es: „Notwendig ist, die Ursachen des Konflikts genauer wahrzunehmen, Erfahrungen und Leiden auf beiden Seiten ernst zu nehmen und sich von Vorurteilen zu verabschieden. Die Berliner Compagnie möchte dazu einen Beitrag liefern. Das hat sie wohl getan, auch wenn die Lage dadurch nicht unbedingt klarer und schon gar nicht einfacher wird.

Von Traudi Schlitt
20.11.2017
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