"...die Partitur des Evangeliums zum Klingen bringen"

Zweite Dekanatskirchenmusikmesse zeigte die ganze Bandbreite kirchenmusikalischen Wirkens

Es war ein großer Tag für das Evangelische Dekanat Alsfeld, insbesondere für den Fachbereich Musik, denn der vergangene Sonntag stand ganz und gar im Zeichen der Kirchenmusik. Die zweite Dekanats-Kirchenmusik-Messe, initiiert von Dekanatskantor Simon Wahby, präsentierte im Rahmen eines mehr als sechsstündigen Programms an vier verschiedenen Orten rund um Ev. Kirche und Felda-Halle in Groß-Felda ganz viel Musik – sowohl gesungen als auch instrumental -, es gab verschiedene Ausstellungen zu sehen, Workshops, Begegnungen und am Ende sogar noch ein Musical.
Pünktlich zur Mittagsstunde eröffnete Dekan Dr. Jürgen Sauer die Veranstaltung mit einer kirchenmusikalischen Andacht. Im Dialog mit den Sängerinnen und Sängern der Kantorei und der Dekanatskantorei unter der Leitung von Simon Wahby ging er der heilenden Wirkung von Musik auf den Grund und spannte den Bogen von Saul, der sich von Davids Harfe die bösen Gedanken vertreiben ließ, bis hin zu Martin Luther, der sich gerne dem Gesang und Lautenspiel hingegeben haben soll. „Die Musik habe ich allzeit liebgehabt“, zitierte Dr. Sauer den Reformator und unterstrich, dass Musik Ruhe und ein fröhliches Gemüt verschaffen könne, sie sei Labsal für einen traurigen Menschen, „Nachtherbergen für die Wegwunden“, wie die Lyrikerin Nelly Sachs es ausgedrückt hatte. Aus der Sicht des Theologen bringe „Kirchenmusik die Partitur des Evangeliums zum Klingen“.

Was Musik für jede und jeden Einzelnen bedeutet, blieb an diesem Tag auch jedem selbst überlassen, denn es gab ein großes Angebot zu entdecken. Schon zu Beginn der Messe tummelten sich zahlreiche Besucher an den beiden Standorten, an denen die Kirchengemeinden Groß-Felda für das passende Umfeld und das leibliche Wohl gesorgt hatte. Eine Orgelausstellung sowie Informationen zur musikalischen Arbeit im Dekanat luden zum Verweilen ein, dazu die große Notenausstellung mit vielen renommierten Verlagen. „Es ist wirklich schön, Noten nicht einfach nur online zu bestellen, sondern in den Heften zu blättern und sich mit den Experten auszutauschen“, so eine Besucherin, die eigens dieses Angebots wegen nach Groß-Felda gekommen war. Dr. Angelika Horstmann vom Verlag „Furore“ unterstrich, dass auch für die Verleger der Dialog mit den Musikern von großer Bedeutung sei.

Erster herausragender Programmpunkt war ein Pianoworkshop mit dem Pianisten Andy Mokrus aus Hannover. Gut ein Dutzend Musikinteressierte versammelten sich um den virtuosen Künstler, um von ihm und mit ihm zu lernen, wie man gut am Klavier begleitet, wie man auch nur nach Gehör spielt, und wie man – zumindest in den ersten Ansätzen – improvisiert.

Dazu mussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich natürlich auch mal selbst ans Instrument setzen, um vom Meister zu hören, was hier und da noch ein wenig besser gehen könnte. Sie lernten, was afrikanische Musik mit Blues, Jazz und sogar dem Pop der heutigen Zeit zu tun hat und erarbeiteten einige Facetten der Klaviermethodik.

Nebenan in der Felda-Halle begrüßte derweil ein großer Fanfarenzug die Gäste und eröffnete hier das offizielle Programm, das viele Besucher angelockt hatte: Die Formation „Junior Brass“ hatte ein Konzert angekündigt, und die jungen Bläserinnen und Bläser unter der Leitung von Landesposaunenwart Albert Wanner erfüllten die hohen Erwartungen des musikinteressierten Publikums mit einem großen Bläser-Repertoire.

So eröffneten sie mit dem „Einzug der Gäste“ aus Wagners Tannhäuser, schwenkten zu Filmmusiken u. a. von Henry Mancini sowie den bekannten Stücken aus der „Eiskönigin“ oder gar dem „Fluch der Karibik.“ Die elf bis 21 Jahre alten Bläserinnen und Bläser aus rund einem Dutzend Chören der Bezirke Oberhessen und Nord-Nassau ließen es ziemlich swingen in der Felda-Halle, sie beeindruckten mit wechselndem Dirigat, während ihr Leiter sich mit seinem Instrument unter die Musiker gemischt hatte, und moderierten gutgelaunt und sehr sympathisch.

Instrumental ging es weiter in der Felda-Halle: Hier nahmen gut dreißig Posaunenchormitglieder der ganzen Region an einem Bläserworkshop teil, den ebenfalls Landesposaunenwart Albert Wanner leitete. Er schaffte eine konstruktive, zugewandte Lernatmosphäre und ermunterte die Bläserinnen und Bläser zu ihrem Tun. „Und wenn ihr mal einen falschen Ton spielt, denkt daran: Es könnte auch ein Druckfehler sein“, eröffnete er ihnen neue Wege der musikalischen Erkenntnis.

Währenddessen bot sich dem Publikum in der Ev. Kirche die ganze Bandbreite kirchlicher Chormusik dar, denn hier sangen verschiedene Chöre des Dekanats. Den Start machte der Kinderchor Groß-Felda unter der Leitung von Minette Kraft. Ganz im eigentlichen Sinne der Musik verbreiteten die Kinderstimmen ganz viel Freude in der Kirche, die sie mit einem musikalischen Segenswunsch abrundeten.

Der Chor aus Eifa folgte sodann unter der Leitung von Simon Wahby. Er präsentierte den Gästen moderne Kirchenlieder aus den letzten Ergänzungen zum Gesangbuch, darunter eine sehr zeitlose Variante des Klassikers „Lobe den Herrn.“



Zwischen den einzelnen Chorbeiträgen luden Wahby und seine Kollegin, die Dekanatskirchenmusikerin Christine Geitl, die Anwesenden ein, selbst zu singen: Die Lieder der neuen Ergänzung zum Gesangbuch, erst vor kurzem erschienen, wurden gemeinsam probiert und erfolgreich gesungen.

Der Gemischte und Frauenchor Eudorf / Elbenrod machte sich ebenfalls bereit für eine kleine Kostprobe seines Schaffens: Unter der Leitung von Anke Leiser boten die Sängerinnen und Sänger verschiedene Stücke klassischer Chorliteratur dar, während die auf sie folgende Gruppe „Mixed Generation“ sich zunächst vom Gospelgesang inspiriert zeigte.

Unter der Leitung von Herbert Kress interpretierte die junge, buntgemischte Formation auch sehr moderne Stücke. Während des kompletten Chor-Konzertblocks war die Kirche ausnehmend gut besucht. Völlig zu Recht, konnten sich die Gäste doch einen breiten Überblick über Struktur, Musikauswahl und Art und Weise der anwesenden Chöre verschaffe, die repräsentativ für die etwa zwanzig Chöre im Dekanat standen. Den Abschluss dieser Einheit bildete die Gruppe der Dekanatskantorei und der Kantorei unter der Leitung von Simon Wahby, bevor die Bühne in der Ev. Kirche dem Jazz gehörte:

Nach seinem Workshop ließ es sich der Pianist Andy Mokrus nämlich nicht nehmen, vor einem zwar recht überschaubaren, doch umso begeisterungsfähigeren Publikum zu spielen und Jazz am Klavier in seinen vielen, vielen Facetten, Hintergründen und Interpretations- wie Improvisationsmöglichkeiten zu präsentieren. Dabei ließ der Profimusiker auch die eine oder andere Anekdote einfließe und machte mit vielen zusätzlichen Informationen diese Stunde zu einer wahren Bereicherung des Programms.
Mit Orgelmusik von Kirchenmusikerin Christine Geitl endete schließlich das musikalische Programm in der Kirche. Dafür starteten über dreißig Sänger und Musiker am späten Nachmittag in der Felda-Halle noch einmal richtig durch. Denn dort hatte das Musical „Mensch Martin“ Premiere. Geschrieben von Pfarrer Henner Eurich, gesungen von dreißig begeisterten Kindern und Jugendlichen fast aus dem ganze Dekanat und begleitet von der inzwischen in weiten Teilen der Region bekannten Moment-Mal-Band, hatte die Geschichte von Martin Luther viele interessierte Gäste angelockt: Mit mehr als 500 Zuschauern holte sich dieser Programmpunkt den Rekord an dieser Dekanats-Kirchenmusik-Messe.

„Das Musical erzählt die Geschichte Martin Luthers in einigen Stationen“, beschrieb der Komponist und Autor sein Werk – sicher richtig, doch maßlos untertrieben, denn was er und seinen Musiker und Sänger boten, waren fetter Sound – von Blues, Pop und Rock’n’Roll war alles vertreten -, witzige Ideen, gewagte Ansätze und ein doch differenziertes Bild des Reformators, der an dieser Aufführung vermutlich seine Freude gehabt hätte. Schließlich hat er mit dem „fetzigen Stück“ „Ein feste Burg ist unser Gott“ doch selbst ein Lied dazu beigetragen. Nach den wichtigen Stationen im Leben Luthers – von der Angst, die ihn versprechen ließ, Mönch zu werden über den Anschlag der Thesen und die Zeit auf der Wartburg bis hin zu den Bauernkriegen – hatten die Zuschauer sicher einen etwas anderen Blick auf den großen Reformator gewonnen, nicht zuletzt, weil es wohl noch nie eine so gutgelaunte Aufarbeitung dieser beeindruckenden Biografie gegeben haben mochte. Mit dem letzten Ton standen 500 Menschen applaudierend in der Felda-Halle, und selbst Dekan Dr. Jürgen Sauer konnte und wollte sich vor seinem die Dekanats-Kirchenmusik-Messe abschließenden Segen seiner Begeisterung nicht erwehren. So war es gut, dass auch dieser letzte Programmpunkt noch einmal von Musik eingerahmt wurde: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Bläser-Workshops vom Nachmittag ließen diesen „kirchenmusikalischen Höhepunkt im Jubiläumsjahr der Reformation“, wie Dr. Sauer es nannte, auf schönste Weise ausklingen. Er dankte allen Beteiligten und unterstrich zum Abschied: „Sie haben eine Atmosphäre geschaffen, in der Gottes Nähe spürbar wurde.“


Beitrag und Bilder von Traudi Schlitt
31.10.2017
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