Dreamteam fürs Schwalmtal

Amtseinführung von Pfarrer Peter Weigle und Pfarrer Jürgen Pithan im „Kirchspiel Schwalmtal“ am 5. August

Genaugenommen gibt es das „Kirchspiel Schwalmtal“ gar nicht, denn die Einsatzgebiete von Pfarrer Peter Weigle und Pfarrer Jürgen Pithan sind die Kirchengemeinde Brauerschwend mit den Orten Brauerschwend, Rainrod und Renzendorf und die Kirchengemeinde Hopfgarten mit den Orten Hopfgarten, Ober-Sorg, Unter-Sorg, Hergersdorf und Vadenrod. Doch die beiden Theologen teilen sich hier eine Pfarrstelle und sind gemeinsam für alle acht Dörfer zuständig – derzeit noch in Vakanzvertretung, ab dem 5. August dann ganz offiziell mit einem gemeinsamen Verwaltungsauftrag. „Offensichtlich waren die Kirchenvorstände zufrieden mit uns – sie stellten eine Anfrage beim Dekan, der sich wiederum beim Propst dafür einsetzte – und wie man sieht, hat es geklappt!“
Darüber freuen sich nicht nur die Pfarrer, sondern auch die Kirchengemeinden, denn mit dieser Besetzung kündigt sich nach vielen wechselhaften Jahren eine Stabilität in den Gemeinden an, die „die Menschen hier auch wirklich mal verdient haben“, wie Jürgen Pithan betont. Mit verschiedenen Beauftragungen, Vakanzvertretungen, Gottesdienst- und Kasualvertretungen bringen es die Schwalmtaler in den letzten zehn Jahren nach eigenem Bekunden auf mehr als zehn Pfarrerinnen und Pfarrer, mit denen sie zu tun hatten. Seit 2014 ist die Stelle unbesetzt, zuvor waren oft Pfarrvikare eingesetzt, die nach ihrer Pflichtzeit wieder gingen. „Die Menschen hier waren immer offen dafür und haben gerne auch mit den jungen Kolleginnen und Kollegen zusammengearbeitet, aber natürlich war da auch immer der Wunsch nach Kontinuität, in der sich Pfarrer und Gemeindeglieder über eine längere Zeit verbunden sind und in der auch Neues entstehen kann“, weiß Pfarrer Pithan aus seiner bisherigen Tätigkeit. All das kündigt sich nun an: Mit Jürgen Pithan und Peter Weigle kommen zwei gestandene Pfarrer in das Schwalmtal, noch dazu zwei, die sich entschieden haben, sich dauerhaft hier niederzulassen – und das obwohl ein Einsatzgebiet mit acht Dörfern und sechs Predigtorten manch anderen Pfarrer schrecken würde.

„Ich habe den Vogelsberg für mich entdeckt und die Menschen hier als sehr offen, ja als richtig bezaubernd, kennengelernt“, so Peter Weigle zu seiner Motivation, im Vogelsberg zu bleiben. Aus seiner Wohnung in Storndorf blickt er auf Vadenrod, die Ausläufer seines Kirchspiels, und freut sich sehr, hier gelandet zu sein. Aufgewachsen in Wiesbaden, verbrachte er einige Zeit in der Lüneburger Heide, bevor es zurück nach Hessen ging. Eine ganze Zeitlang war er nicht im Pfarrdienst tätig, bis er als „Propstbeigabe“ zu Vertretungszwecken ins Dekanat Alsfeld kam; seinen Dienst tut er seitdem zur Hälfte im Schwalmtal und zur Hälfte in Lehrbach und Erbenhausen.

Pfarrer Jürgen Pithan war lange Jahre Gemeindepfarrer im Nachbardekanat Vogelsberg, dort in Altenschlirf. Aus privaten Gründen suchte er vor gut zwei Jahren ein neues Betätigungsfeld; im Vogelsberg bleiben wollte er aber auf jeden Fall. Auch eine halbe Stelle kam ihm sehr entgegen, da er alle zwei Wochen seine Kinder bei sich hat, die ansonsten bei ihrer Mutter im Hohen Vogelsberg leben. Die Vakanzvertretung in Brauerschwend bot sich also an, seitdem ist Pithan für die Verwaltung und die Arbeit mit den Kirchenvorständen und den Konfirmanden zuständig. Alle zwei Wochen hält er Gottesdienst. 2017 kam Peter Weigle mit in die Gemeinden. Er übernimmt Hochzeiten und Trauerfeiern, Hausbesuche zu Geburtstagen, Krankenbesuche, Hausgottesdienste. Im Wechsel mit seinem Kollegen hält er ebenfalls alle 14 Tage Gottesdienst. „Diese Einteilung hat sich zum einen ganz pragmatisch ergeben“, so Jürgen Pithan, andererseits passt sie gerade auch sehr gut zu unseren Neigungen und unseren zeitlichen Ressourcen.“ Jürgen Pithan wohnt derzeit noch in Udenhausen, sucht aber eine passende Wohnung im Schwalmtal. „Ein Grund, warum ich entschieden habe zu bleiben, sind die Menschen hier. Sie haben mich vor zwei Jahren, als es mir wirklich nicht gutging, mit offenen Armen aufgenommen. Ich fühle mich ihnen sehr verbunden.“

Und offenbar fühlen die Menschen im Schwalmtal sich auch von ihren Pfarrern gut verstanden. „Bei der letzten Pfarrstellenbemessung wurden die Kirchengemeinden hier pfarramtlich verbunden, was vielen bis heute keine große Freude bereitet. Allerdings ist klar: Zurück geht es nicht mehr, vielmehr muss es darum gehen, die Zukunft gemeinsam zu gestalten. Dafür aber braucht es wiederum die Kontinuität, die bisher nicht gegeben war.“ Pithan versteht, dass die Menschen die Gottesdienste nach wie vor am liebsten jeden Sonntag in ihren eigenen Dörfern, ihren eigenen Kirchen haben möchten. „Man sieht daran, dass die Menschen ihren Kirchen nach wie vor verbunden sind“, so sein Fazit. Möglich ist das mit einer Pfarrstelle bei sechs Predigtorten allerdings nicht. Dennoch versuchen Weigle und Pithan das Beste daraus zu machen: Gerade das gemeinsame Bespielen von acht Orten bietet die Möglichkeit, immer mal wieder zu Gottesdiensten in Nachbarorte einzuladen. „Zu besonderen Veranstaltungen funktioniert das auch gut“, so die Erfahrung der beiden Pfarrer, die in diesem Jahr mit den Passionsandachten einmal in der Woche jedes Mal in ein anderes Dorf ihrer Gemeinden eingeladen haben. „Aber im Normalfall und erst recht zu hohen Feiertagen wie Weihnachten oder dem Ewigkeitssonntag möchten alle in ihrer eigenen Kirche gemeinsam mit dem Pfarrer feiern.“ Das wollen die Pfarrer natürlich auch, allerdings hat dieser Wunsch bei acht Dörfern und einem begrenzten Zeitfenster seine natürlichen Grenzen.
Im „Kirchspiel Schwalmtal“, wie die Pfarrer ihre beiden Kirchengemeinden gerne nennen, gibt es jeden Sonntag etwa zwei bis drei Gottesdienste. Und an den hohen Feiertagen können auch nicht alle immer drankommen. „So gern wir selbst immer gemeinsam mit allen Gemeindemitgliedern die Gottesdienste feiern wollen, ist es nötig, dass sich alle bewegen.“

Bewegung in die Kirchengemeinden zu bringen, ist eine Aufgabe, die sich die Pfarrer für die Zukunft gestellt haben. Nicht zuletzt mit Blick auf das bereits bestehende Gruppenpfarramt, in dem die Pfarrerinnen und Pfarrer schon heute gemeinde- und sogar dekanstsübergreifend kooperieren. In der Konfirmandenarbeit gelingt das schon sehr gut – und zum Wohl aller Beteiligten, denn diese Kooperation trägt nicht nur dem demographischen Wandel Rechnung, sondern auch der Idee von Vielfalt: „Gemeinsam können wir einfach viel bessere Angebote machen und haben auch mehr Spaß, als wenn man immer nur in kleinen Gruppen für sich bleibt. Außerdem lernen die Konfis unterschiedliche Pfarrerstypen kennen, die ein vielfältiges Bild von Kirche vermitteln können“, führt Weigle aus. Sowohl er als auch sein Kollege Pithan sehen, dass die Menschen im Schwalmtal sich für solche Ideen öffnen, nicht zuletzt natürlich, weil es auch für sie ganz einfach Vorteile hat. Und Ideen für die Zukunft des „Kirchspiels Schwalmtal“ auch in Kooperation mit dem Gruppenpfarramt gibt es viele: Tauferinnerungsgottesdienste, Familiengottesdienste, Kulturveranstaltungen, langfristige Angebote für Jugendliche. „Wir können in unseren Gemeinden überall hin und mit vielen Menschen zusammenarbeiten – das verhilft uns hier in dem vermeintlich strukturschwachen Vogelsberg zu vielen Möglichkeiten.“

„Willkommen beim Dreamteam fürs Schwalmtal“ – mit diesen Worten begrüßte Pfarrer Peter Weigle zum Interview im Pfarramtsbüro in Brauerschwend. Wenn man beide zusammen erlebt, dann hat man keine Zweifel mehr daran, dass man hier ein Dreamteam vor sich hat, das voller Freude und Begeisterung seine neue, vertraute Stelle antreten wird.

Text und Bild: Traudi Schlitt
06.08.2018