Was „Gottes Bodenpersonal“ mit einem „Zuggerschneggsche“ zu tun hat und wo in all dem Luther steht…

Kirchen-Musik-Kabarett „Superzwei“ als Auftaktveranstaltung zur Lutherausstellung

Heiß wollten sie es machen am Sonntagabend in der ziemlich kalten Dreifaltigkeitskirche (denn leider war pünktlich zum Sonntag die Heizung ausgefallen), und was Volker Schmidt-Bäumler und Jakob Friedrichs vom Duo „Superzwei“ versprachen, das hielten sie auch. Witzig und ziemlich energiegeladen starteten sie ihren Angriff auf die Lachmuskeln des Publikums – vermischt mit nachdenklichen Tönen über das Leben, den Glauben und die Kirche. Dazu kam ihre meist handgemachte Musik, die sie auf Akustikgitarre, am Bass oder mit der Mundharmonika zum Besten gaben – und natürlich mit ihren Stimmen, die gut geübt und perfekt aufeinander abgestimmt sind. Seit dreißig Jahren spielen die beiden Künstler nun zusammen, im wahren Leben sind sie Gemeindepädagoge und Grundschullehrer, und sie werden offenbar nicht müde, die Themen ihres Lebens und ihrer Lebensabschnitte zu sammeln, zu verarbeiten und darzubieten.
So ging es in dem zweistündigen Konzert, das sich gut 150 erwartungsvolle Zuschauer ansahen und anhörten, auch um viel mehr als Kirche im Allgemeinen und Reformation im Besonderen. Neben einer Reminiszenz an „Gottes Bodenpersonal“ und den „kuscheligen Verein Kirche“ blickten die Familienväter und schon berufsbedingten Kinder- und Jugendlichenversteher doch staunend auf ihre pubertären Familienmitglieder und beklagten einen Verfall der Sitten: Da falle einem angesichts eines rauchenden Kirchenbesuchers doch schon mal das Bier aus der Hand. Sie stellten fest, dass – außer in Limburg vielleicht – auch in der Kirche nicht alles Gold ist, was glänzt, und gaben sich in einer hinreißenden Sketch-Einlage der Verzweiflung eines Mannes hin, der zum Kindergottesdienst verdonnert wurde: Drei Kinder – allesamt mit Doppelnamen – hatten ihn in die Flucht getrieben. Als Grundschullehrer wird Volker Schmidt-Bäumler wohl wissen, wovon er sprach.






Ihre Lieder zeugten von einem ganz schönen Stück Lebenserfahrung und boten einen Ritt durch die menschliche Existenz mit all ihren Schwächen und Nöten, wenn auch stets mit einem lachenden Auge und viel Sarkasmus. Wie man ein Leben im ständigen Konjunktiv führt, war ihnen genauso ein Lied wert wie die Freude darüber, dass es mit der vor dreißig Jahren vergötterten Jacqueline doch nichts geworden ist, oder die Hymne auf die Hessen, die sich mit einem dahingehauchten „Zuggerschneggsche“ die Herzen der Frauen ganz leicht erobern könnten. Auch die Alsfelder sollten das Zauberwort mal ausprobieren, sollten sie nicht aussterben wollen, falls sie – mit Blick auf die eiskalte Kirche – nicht ohnehin erfrören.





Einen tiefen Einblick in das Thema Kirche bot auch die Einlage der verzweifelten Kirchenvorsteherin in Person von Volker Schmidt-Bäumler, die es allen recht machen will und doch nicht kann, die die Katholiken um ihre 5120 Heiligen für alle Lebenslagen beneidet und die von dem ewigen Diskutierverein, in den sie sich hat wählen lassen, doch leicht genervt ist. Nun soll sie auch noch einen Gottesdienst gestalten und kommt nach einigen Anlaufschwierigkeiten mit einem coolen Einstieg („Who let the dogs out?“) einer unglaublichen biblischen Geschichte auf die Spur, in der alle, wirklich alle vorkommen: David und sein Gegner Golgatha, die Schlange und die böse Stiefmutter, Moses, Trump, das trojanische Pferd und natürlich der viele Wein, der aus dem Wasser des geteilten Jordan gemacht wurde. Noch Fragen?



Auch einen Blick auf den Reformator gab es an diesem Abend, denn die Frage war, was ihm wohl einfallen würde, um heute, 500 Jahre später, die Kirche wieder so zu reformieren und die Ansprache der Menschen so zu verändern, dass sie wieder zuhören und verstehen würden. All das spielte sich übrigens im Schatten Martin Luthers ab, der 500 Jahre nach der Reformation als überdimensionierte Playmobil-Version vermutlich erstmals von der Kanzel der Dreifaltigkeitskirche blickte und dem dieses Ereignis ja irgendwie auch zu verdanken war, schließlich war dieses besonders Musik-Kabarett die Auftaktveranstaltung zur interaktiven Ausstellung „LUTHerLEBEN“, die ab sofort im Tilemann-Schnabel-Haus zu sehen ist.



Holger Schäddel, Peter Weigang, Wilma Well und Rebecca Ritz stellten Konzept und Idee der Ausstellung vor und luden alle Gäste ein, sich diese Ausstellung anzuschauen. Zu sehen war sie schon in Homberg und in Lauterbach, in Offenbach und Berlin – nun endlich, zum Abschluss des Lutherjahres, kommt sie auch nach Alsfeld. Die interaktive Ausstellung zum Leben und Wirken Martin Luthers wurde im Rahmen eines Projektes der Jugendarbeit im Evangelischen Dekanat Alsfeld erarbeitet und spricht nicht nur, aber auch junge Menschen an, die ihre eigenen Ideen zum Thema Luther und Reformation darin umsetzen konnten. Auf Plakaten und an Mitmach-Stationen gibt es nun zu entdecken und zu erleben, wie Luthers Ideen heute noch wirken.
Vom 23.10. bis 2.11. ist die Ausstellung LUTHerLEBEN in der Zeit von 14 bis 19 Uhr im Tilemann-Schnabel-Haus (Am Lieden 2) zu sehen. Vormittags wird sie für angemeldete Gruppen nach Vereinbarung (Tel.: 06631 911490) geöffnet. Der Eintritt zur Ausstellung ist frei. Weitere Infos findet man auf der Website des Ev. Dekanats Alsfeld unter www.alsfeld-evangelisch.de/fachbereiche/jugendarbeit.

Von Traudi Schlitt
23.10.2017