Von Null auf Hundert mit Arabisch, Dari und Amharisch

Pool Ehrenamtlicher Sprachmittler der ev. Dekanate Alsfeld und Vogelsberg blickt auf ein spannendes erstes Jahr zurück

Seit ziemlich genau einem Jahr ist er aktiv – der Pool ehrenamtlicher Sprachmittler, deren Aufgabe es ist, überall im Vogelsberg schnell und unbürokratisch dort zu dolmetschen, wo es den Menschen an ausreichenden Deutschkenntnissen fehlt.

Entstanden war er Anfang letzten Jahres als WIR-Projekt des Vogelsbergkreises unter Federführung von Michaela Stefan. Im Rahmen dieses Programms dürfen Projekte nur angestoßen, nicht aber weitergeführt werden – so war es ein Glücksfall, dass im Mai letzten Jahres in den beiden evangelischen Dekanaten des Vogelsbergkreises eine Stelle im Freiwilligenmanagement geschaffen werden konnte, die sich Franziska Wallenta und Traudi Schlitt teilen. Letztere übernahm am 7. Juli 2016 den Pool, um diesen praktisch an den Start zu bringen und mit Leben zu füllen. 46 Sprachmittlerinnen und Sprachmittler hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereiterklärt, aktiv an dem Projekt mitzuarbeiten, 32 Sprachen konnte man da bereits abdecken.

Viel getan...

Viel hat sich in diesem Jahr getan: Die Anzahl der ehrenamtlichen Dolmetscherinnen und Dolmetscher ist auf 74 angestiegen, auch die Sprachenvielfalt konnte noch einmal erweitert werden: Somalisch und Oromo, Swahili und Kikuyu sind dazu gekommen. „Bei der Akquise von Sprachmittlern, besonders für die Sprachen der Geflüchteten, helfen uns natürlich unsere Kontakte aus der langjährigen Flüchtlingsarbeit in Alsfeld“, erläutert Traudi Schlitt, die u.a. in Netzwerktreffen, an Runden Tischen und in den Fortgeschrittenenkursen der Volkshochschule um Mitglieder für den Pool wirbt. Denn: „Wie überall gibt es auch hier eine gewisse Fluktuation. Menschen ziehen weg oder – was natürlich ganz besonders schön ist – finden Arbeitsplätze, auf die sie sich konzentrieren wollen. Andere wiederum wollten nicht mehr auf ehrenamtlicher Basis für uns tätig sein, sondern hatten feste Honorarvorstellungen, die sich nicht mir der Grundidee des Pools decken“, resümiert die Koordinatorin des Pools. Eine kleine Aufwandsentschädigung erhalten die freiwilligen Dolmetscher dennoch: „In der Regel sind das zehn Euro pro Einsatz sowie die Fahrtkostenerstattung“, schildert Traudi Schlitt, und ergänzt: „Die Freiwilligen arbeiten ja stets auftragsbezogen und müssen verlässliche Arbeit abliefern.“ Dies gelingt in den meisten Fällen ziemlich gut: „Es gab in diesem Jahr vielleicht nur ein, zwei Anfragen, die wir nicht bedienen konnten.“ Diese Zahl zeigt auch, wie engagiert die Menschen im Sprachmittler-Pool bei der Sache sind, wie verbunden sie sich ihrer Aufgabe fühlen.

Chance der Teilhabe Geflüchteter

„Die Mitarbeit im Pool stellt gerade für die Geflüchteten unter den Sprachmittlern eine große Chance der gesellschaftlichen Teilhabe dar: Ihre Kenntnisse werden gebraucht, sie können Kontakte knüpfen. Viele der Freiwilligen im Pool geben auch an, dass es für sie wichtig ist, der Gesellschaft, die sie hier aufgenommen hat, ebenfalls etwas Gutes zu tun“, stellt Schlitt die Motive der Sprachmittlerinnen und Sprachmittler dar. Dies bestätigt auch Nazila Afshar. Sie ist schon sehr lange in Deutschland und von Anfang an in dem Pool aktiv. Mit ihrer Muttersprache Farsi kann sie für Menschen aus dem Iran und Afghanistan dolmetschen. „Mir ist es wichtig, den Menschen zu helfen – ich weiß ja selbst noch, wie es war, als ich ohne große Deutschkenntnisse hier ankam“, sagt sie zu ihrer Motivation. „Außerdem lerne ich im Umgang mit vielen verschiedenen Situationen auch viele Leute kennen, ich kann meine eigenen Kenntnisse verbessern und meinen Horizont erweitern.“

Klienten aus vielen verschiedenen Bereichen

Zu den Klienten des Pools gehören zum einen viele Ämter des Vogelsbergkreises: Das Jugendamt fragt an, die Sozialarbeiter aus den verschiedensten Gründen, ganz oft benötigen auch das Gesundheitsamt oder die Krankenhilfe die Dienste des Pools. Vermehrt haben auch Schulen und Kindertagesstätten angefragt. Geflüchtete selbst brauchen beispielsweise bei Arztbesuchen oder in Mietangelegenheit Unterstützung, Firmen besprechen Arbeitsverträge, auch die Polizei hat inzwischen schon mehrfach Bedarf angemeldet. Die Zusammenarbeit mit diesen Stellen läuft – wie in der Regel mit allen anderen auch – inzwischen sehr routiniert. Traudi Schlitt hat zum Start des Pools Formblätter entwickelt, die die Klienten unterschreiben. Auch die Sprachmittler selbst gehen feste Vereinbarungen mit dem Dekanat in Alsfeld ein. „Wir regeln damit zum einen die Abrechnungsmodalitäten, zum anderen sind in den Vereinbarungen aber auch so wichtige Dinge wie Datenschutz, Haftungsausschluss und Schweigepflicht festgeschrieben“, führt die Koordinatorin aus. Obwohl alles sehr gut läuft, übersteigt der Aufwand für den Pool das zu Anfang angedachte Maß um ein Vielfaches: „Fast bei jedem Auftrag ist noch irgendetwas zusätzlich zu klären: Die Sprache ist nicht angegeben, die Kostenübernahme ist nicht gesichert, die ersten drei angefragten Dolmetscher können nicht, der Termin verschiebt sich oder die Menschen, für die der Dolmetscher bestellt wurde, kommen gar nicht“, fasst Schlitt einige Erfahrungen aus einem Jahr Sprachmittler-Pool zusammen. Nichts, was es nicht gibt also, im Umgang mit so vielen verschiedenen Menschen und Haltungen. „Das macht das Ganze natürlich ziemlich anstrengend, ist aber auch gleichzeitig superschön, weil so bunt und lebendig und abwechslungsreich“; freut sich Schlitt über diesen Job, den sie selbst mitgestaltet hat. Wie notwendig ein solcher Pool ist, zeigen die Zahlen, die sich seit dem Start des Projekt stetig nach oben entwickelt haben: Von Juni bis Dezember letzten Jahres konnte Schlitt 75 Einsätze notieren, für 2017 sind es jetzt schon über 100. Vereinzelt fragen auch Nachbarkeise an: Der Dolmetscher-Pool ist bekannt geworden, ein wichtiges, integratives Instrument. Zuletzt waren beispielsweise zwei Freiwillige nach Kassel an die Verbraucherzentrale ausgeliehen. Auch auf einem Fachtag für die Beteiligung von Geflüchteten stellte Traudi Schlitt gemeinsam mit zwei Ehrenamtlichen den Sprachmittler-Pool vor.



Wie man sieht, gehören neben dem Tagesgeschäft auch übergreifende Dinge zur Arbeit mit den Dolmetscherinnen und Dolmetschern: Es werden regelmäßige Fortbildungen geplant, es finden Austauschtreffen statt, und die Bürotür von Traudi Schlitt im Haus der Evangelischen Kirche steht immer offen, falls einer oder eine der Ehrenamtlichen Fragen hat oder etwas braucht. So hat die Koordinatorin auch eine sehr persönliche Ebene mit den Sprachmittlern gefunden, die den Umgang miteinander herzlich und verbindlich macht.
„Die Arbeit im Pool ist für alle Beteiligten eine wirkliche Win-Win-Situation“, freut sich Traudi Schlitt: „Die Menschen, die Hilfe benötigen, profitieren wie die, die verstanden werden wollen. Und diejenigen, die Hilfe geben, profitieren obendrein. Und wenn wir dann an unseren Austauschtreffen sitzen – fünfzehn, zwanzig Leute manchmal, die alle aus unterschiedlichen Ländern kommen, unterschiedlichen Religionen angehören, aus den verschiedensten Gründen hier in Deutschland leben, und deren gemeinsamer Nenner die deutsche Sprache ist, dann hat man das Gefühl, multikulti kann sehr gut gelingen, wenn alle willens sind.“
Ein Jahr Sprachmittler-Pool – was würde sich Traudi Schlitt wünschen, wenn ihr jemand zu diesem Jubiläum etwas schenken wollte: „Wir haben jetzt immer mehr Menschen, die aufgrund ihres Rechtskreiswechsels, also wenn sie aus dem AsylbLG heraus- und die Richtlinien nach SGB II hineinfallen, viele Kosten nicht mehr erstattet bekommen, auch nicht den Aufwand für die Dolmetscher. Das hält manche Geflüchteten davon ab, wichtige Arztbesuche oder andere Termine wahrzunehmen. Hier würde ich gerne eine Finanzierungsmöglichkeit schaffen. Ich hoffe sehr, dass das gelingt.“



Wie auch immer: Der Dolmetscher-Pool ist an seinem ersten Geburtstag angekommen im Kreis und dort auch bei den Menschen und Einrichtungen.