Verlässlich dolmetschen, zwischen Kulturen vermitteln und objektiv bleiben

Hessisches Pilotprojekt in der Ausbildung für Sprach- und Kulturmittler endet mit Zertifikatsverleihung in Gießen

Sie leben seit wenigen oder seit vielen Jahren in Deutschland, sie sind schon eine ganze Zeitlang als ehrenamtliche Sprach- und Kulturmittler aktiv und sie sind von der Bedeutung ihres Tuns für ein gutes Zusammenleben von Migranten und Deutschen überzeugt: die Sprach- und Kulturmittler der verschiedensten Einrichtungen in Hessen, die insbesondere seitdem die Anzahl an Geflüchteten stark anstieg, tagtäglich irgendwo zum Einsatz kommen, sei es in Schulen, auf Ämtern, in Arztpraxen und Krankenhäusern, in Gesprächen in Einrichtungen oder beim Anwalt. Organisiert werden die Einsätze der Männer und Frauen beispielsweise von dem Diakonischen Werk Gießen oder dem Evangelischen Dekanat Alsfeld. Gemeinsam mit der Diakonie Hessen und einer Förderung des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration Kultusministeriums (HKM) machten sich die Gießener und Alsfelder vor gut einem Jahr auf den Weg, um den ehrenamtlichen Sprach- und Kulturmittlern zum einen eine fundierte Basis für das Dolmetschen und die Überbrückung kultureller Hürden zu geben, und sie zum anderen auf einen ersten Schritt in Richtung Professionalisierung zu führen, denn Sprach- und Kulturmittlung werden auch in Zukunft von großer gesellschaftlicher Bedeutung sein. Herausgekommen ist die Zertifikatsausbildung „RedensArt“, an der von Juni bis Dezember dieses Jahres 22 Personen aus mehr als zehn Ländern aus dem Raum Alsfeld, Gießen, Marburg und Frankfurt teilgenommen haben. Für den Inhalt der Ausbildung zeichnete die renommierte bikup gGmbH, die Internationale Gesellschaft für Bildung Kultur und Partizipation, verantwortlich.
„Unser Sprachmittler-Pool ist nun seit zweieinhalb Jahren am Start und erfreut sich bei allen Klienten großer Resonanz“, führt Ralf Müller vom Evangelischen Dekanat in Alsfeld aus. „Unsere ehrenamtlichen Mitarbeitenden bringen neben ihrer sprachlichen Kompetenz auch die nötige Empathie mit und den Wunsch, Menschen, deren Nöte viele von ihnen aus eigener Erfahrung kennen, zu helfen. Gleichwohl müssen sie auch professionelle Neutralität üben und erkennen, dass es mit der reinen Übersetzungstätigkeit nicht getan ist. Vielmehr spielen stets auch kulturelle Grundannahmen eine große Rolle für das gegenseitige Verstehen“, skizziert der Referent für Bildung und Ökumene einen wichtigen Schulungsinhalt, der zuvor bereits in verschiedenen Tagesseminaren thematisiert wurde.



Daneben ging es in der 140-Stunden-Ausbildung um Themen wie die Rolle der eigenen Migrationsgeschichte, Notizen- und Dolmetschtechniken sowie besondere Anforderungen von verschiedenen Einsatzstellen. Um den Sprach- und Kulturmittlern, die sowohl aus verschiedenen Orten als auch unterschiedlichen familiären oder beruflichen Hintergründen kommen, eine möglichst reibungslose Teilnahme zu ermöglichen, fanden die Seminarblöcke in Gießen, Marburg und Alsfeld statt, dazu wurde eine Kinderbetreuung und die Erstattung der Fahrtkosten angeboten. Für die Ehrenamtlichen eine Möglichkeit der Professionalisierung, die sie gerne nutzten, wie sie anlässlich ihres letzten Unterrichtsblocks in Alsfeld im November kundtaten – und das aus vielen Gründen:
„Wir haben hier viel gelernt, was die praktische Arbeit erleichtert“, berichten die Absolventen, „das fängt schon damit an, wie man sich richtig begrüßt und vorstellt, denn von Anfang an geht eine Begegnung ja mehrsprachig über die Bühne, und alle Beteiligten sollten möglichst stets auf dem aktuellen Gesprächsstand sein.“ Im letzten Teil der Ausbildung standen einige Rollenspiele auf dem Kursplan – es wurde an Feinheiten gearbeitet, beispielsweise darum, dass die Form der Übersetzung – 1. oder 3. Person Singular – beibehalten wird, und wie man kulturelle Hürden erkennt und überwindet. So hatte die Referentin von Bikup Beispiele aus der langen Dolmetscherpraxis ihres Instituts mitgebracht.



Da ging es zum Beispiel um die Grundannahme als wie ´gottgegeben man eine schlimme Diagnose annehmen muss, die an sich eine gute Behandlungschance hat. Oder wie man einen Mann mit wenigen medizinischen Kenntnissen davon überzeugt, dass seine Frau ihn nicht betrogen hat, nur weil seine Kinder eine andere Blutgruppe haben als er. Dabei muss man sowohl den Anliegen des Patienten als auch des Arztes gerecht werden. Neben viel Theorie stand darüber hinaus auch einige Praxis auf dem Curriculum: Die Absolventen besuchten den Bereich Beratungseinrichtungen / Wohlfahrtsverbände des Diakonischen Werks, das Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Gießen, die KVA, das Gesundheitsamt und den Bereich Jugendhilfe des Vogelsbergkreises sowie die Schlitzer Grundschule. Überall dort erhielten sei Einblicke in verschiedene Aspekte ihrer Tätigkeit als Sprach- und Kulturmittler. Nicht zuletzt half das auch dabei, die eigene Rolle zu definieren, Kompetenzen zu schärfen und auch weiteren Informationsbedarf zu ermitteln. „Über all das hinaus konnten wir auch von dem gemeinsamen Arbeiten und dem Austausch ganz enorm profitieren“, gaben die Absolventen des Kurses an. Schließlich sind sie in der Regel alleine unterwegs auf einem Terrain, auf dem Austausch und Reflexion wichtig sind.



Mit einer regelmäßigen Teilnahme, der Abgabe der Hausarbeit und dem Bestehen einer zweidreistündigen Klausurprüfung endet dieses Modul der Ausbildung zum Sprach- und Kulturmittler. Langfristig soll es an die IHK-Ausbildungen anderer Bundesländer angedockt werden, um den Sprach- und Kulturmittlern nicht nur besseres und qualitativ wertvolleres Arbeiten zu ermöglichen, sondern auch eine Berufsperspektive zu eröffnen. Dafür treffen sich auf Initiative der Diakonie Hessen und des Evangelischen Dekanats Alsfeld seit etwa drei Monaten Vertreter kommunaler und kirchlich-diakonischer Sprachmittlerpools sowie einem Vertreter des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration (HMSI) und entwickeln gemeinsame Standards, die hessenweit Anwendung finden sollen.



„Wir sind nach dieser ersten Runde unseres hessenweiten Pilotprojekts unheimlich froh und stolz, dass alle Teilnehmenden die Prüfungen zur Erlangung des Zertifikats bestanden haben“, freut sich Inka Lippert, die von Seiten der Diakonie und des Evangelischen Dekanats als Projektverantwortliche dabei war. „Man hat gemerkt, mit wieviel Herzblut und Engagement die Menschen auf diesem Gebiet tätig werden – umso wichtiger ist es, dies mit einer guten Ausbildung und einer fundierten Grundlage auszustatten und auf diese Weise auch wertzuschätzen.“
Die Zertifikatsübergabe findet am 7.12. um 19 Uhr im Beisein von Propst Matthias Schmidt, Pfarrer Andreas Lipsch vom Diakonischen Werk sowie Dr. Jan Böhmke vom HMSI in Gießen statt.

Text und Bilder: Traudi Schlitt
04.12.2018