Vielfalt - das Beste gegen Einfalt

Ev. Dekanate Alsfeld und Vogelsberg blicken zurück auf die Interkulturelle Woche 2017

Unter dem Motto „Vielfalt verbindet“ fand in diesem Jahr vom 24. bis 30. September die Interkulturelle Woche (IKW) statt. Erstmals hatten die Ev. Dekanate Alsfeld und Vogelsberg in dieser Zeit verschiedene Veranstaltungen geplant um den Geist der IKW in die Region zu tragen. „Die Interkulturelle Woche bietet Gelegenheit, sich entschieden rassistischen und nationalistischen Strömungen entgegenzustellen und gemeinsam zu diskutieren, wie die Gesellschaft auf der Basis von Grund- und Menschenrechten konstruktiv weiterentwickelt werden kann“, skizziert die hauptverantwortliche Organisatorin Franziska Wallenta die Idee dahinter, die in vielen Teilen der Republik geteilt und wahrgenommen wird.
Den Auftakt der IKW bildete bereits am 23.9. das Tanztheater „Human Act“, das die Gruppe get2gether aus Hannover in die Aula der Albert-Schweitzer-Schule in der Schillerstraße brachte. Die acht Jugendlichen aus verschiedensten Nationen boten eindrücklich getanzt, gespielt, gesungen und geschwiegen ihren Blick auf die Menschenrechte, auf die Würde und das Menschsein dar – in einem Stück, das sie selbst unter Anleitung der Regisseurin Parisa Hussein-Nejad, des Schauspiellehrers Saham El Gaban und der Tanztrainerin Amanda Reich geschrieben und einstudiert hatten. Am Rande der Zauberhaften Nacht war es nur ein kleines Publikum, das sich für diese außergewöhnliche und zutiefst beeindruckende Veranstaltung interessierte; diejenigen, die dabei waren jedoch verließen die Schule mit dem Wunsch, dieses Tanztheater in Alsfeld noch einmal mit viel mehr Gästen zu teilen.



In dem Gottesdienst, der am 24.9. am Abend der Bundestagswahl ganz offiziell die Interkulturelle Woche eröffnete, mahnte Pfarrer Bernd Passarge in der Ober-Ofleidener Kirche ein entschlosseneres und deutlicheres Vorgehen gegen Fremdenfeindlichkeit an. Abfällige Äußerungen über Asylbewerber, über Menschen, die hier Schutz und ein menschenwürdiges Leben suchen, könne man nicht tolerieren. Man solle – um es im Lutherjahr dem Reformator gleichzutun – Menschen mit solchen Ansichten auflaufen lassen, ihnen gar den Mund verbieten. Ganz klar sei menschenverachtendes Reden und Tun nicht christlich, unterstrich der Pfarrer. Eingerahmt wurde der Gottesdienst durch Teile der Pro-Asyl-Ausstellung „Asyl ist Menschenrecht“ sowie durch ein Gespräch bei kleinen Häppchen am Abend.



An ein anderes Ende des flächenmäßig doch sehr großen Vogelsberges führte am Dienstagabend eine Lesung in die evangelische Kirche nach Stockhausen. Astrid Ruppert, Roman- und Drehbuchautorin aus Homberg/Ohm, hatte ihre gesammelten Flüchtlingskolumnen mitgebracht, die sie unter dem Titel „Tee mit Ayman“ in einem Buch zusammengefasst hat, das vor wenigen Wochen erschienen ist. Von der Idee, geflüchteten Menschen, die im Jahr 2015 in die Unterkunft nach Nieder-Ohmen gekommen waren, zu helfen, hat sie ein Jahr lang jede Woche in einer hiesigen Tageszeitung ihre Eindrücke und Erfahrungen geschildert – liebevoll, mitfühlend, mal mit einem lachenden, oft mit einem weinenden Auge. Etwa, als ihr klar wird, dass der Krieg für die Menschen in Syrien „ganz normal“ ist, dass selbst der Tod von Familienangehörigen sie zwar trifft, aber nicht überrascht. Lachend, als sie einem jungen Syrer Nachhilfe in deutscher Beziehungsanbahnung geben muss, der mit einem euphorischen „Ich liebe dich“ seine deutsche Angebetete doch etwas verwirrt hat. Und selbstkritisch, als sie feststellt, dass sie der deutschen Pünktlichkeit mehr Gewicht zuordnet als einer genauen Ortsangabe. Für viele in der Flüchtlingshilfe aktive Menschen bot diese Veranstaltung viel Wiedererkennen und einige Aha-Effekte. Die Stimmung, die Ruppert mit ihren Kolumnen aufbaut, schwankt zwischen Traurigkeit und Hoffnung, zwischen Aufgabe und Optimismus. Der Stockhausener Musiker Martin Harnack fing diese Stimmung perfekt ein. Mit seiner Stimme und seiner Gitarre hielt er sie fest und verlieh ihr weitere Tiefe. Mit einem kleinen Teezeremonie und köstlichem Baklava in einer gemütlichen Ecke der Kirche luden Franziska Wallenta und Traudi Schlitt die Gäste zu ein wenig Gemütlichkeit und gemeinsamen Gesprächen ein. „Ein Abend, der vielen von uns etwas zu bieten hatte“, befanden schließlich auch die Gäste, die sich nach Stockhausen auf den Weg gemacht hatten.



Den preisgekrönten Dokumentarfilm „Deportation Class“ (D 2016) zeigte das Team am Mittwochabend in Kooperation mit dem Lauterbacher Lichtspielhaus. Er verfolgt mit der Kamera eine dreitägige Abschiebungsmaßnahme in Mecklenburg-Vorpommern. Die Regisseure Carsten Rau und Hauke Wendler stellen dabei die Perspektiven der Polizei, Ordnungshelfer und des zuständigen Ministers neben die Ansichten der Geflüchteten, ihrer Rechtsanwälte und Lehrer. Die Kamera folgt den abgeschobenen Familien auch auf den Balkan. Dort werden eklatante Unterschiede deutlich: Während die einen Protagonisten des Films „nur“ eine bessere Zukunft für sich in Deutschland suchten, lebt die andere begleitete Familie in echter Lebensgefahr aufgrund einer „Blutrache“-Bedrohung. Deutlich wird dabei auch, dass dieser gefährdeten Familie polizeilich nicht geholfen werden kann: Der Staat ist zu schwach. Ralf Müller vom Ev. Dekanat Alsfeld erläuterte in seiner Filmeinführung, dass bei Deklarierung von Ländern als „sicheren Herkunftsländern“ ein Asylantrag als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt wird, ohne dass eine ausführliche, individuelle Prüfung stattfindet. Zu Abschiebungen komme es auch, weil das BAMF unter hohem Zeitdruck arbeite und dabei zahlreiche Fehler passierten. So seien nach Auskunft der Bundesregierung von Januar bis Mai über 145.000 Klagen gegen ablehnende Asylbescheide bei Verwaltungsgerichten eingegangen. „Deportation Class“ ist ein Film, der obwohl dokumentarisch, Stellung bezieht: Für genaues Hinschauen in jedem einzelnen Fall, hinter dem menschliche Schicksale stehen. Ein Film, der berührte und niemanden der Zuschauer kalt ließ.



Auch der Donnerstagabend widmete sich einem sehr ernsten Thema: Die Gießener Politologin Sandra Hammamy arbeitet in ihrer Freizeit ehrenamtlich für die Seenot-Rettungsorganisation SeaWatch. Der gutbesuchte Vortrag fand im Dorfgemeinschaftshaus in Rainrod statt. Dort leben ca. 20 Geflüchtete in einer Gemeinschaftsunterkunft. Anhand einer mitgebrachten Karte stellten einige von ihnen ihre ganz persönlichen Fluchtwege dar, die sie ebenfalls über das Meer führten, das so viele Menschen das Leben kostet. Hammamy berichtete von einem Wandel in der Hilfe auf hoher See, da Schiffe, die in staatlichem Auftrag unterwegs sind, nicht mehr kooperierten: Wurden früher die Geretteten nach ihrer medizinischen Erstversorgung durch SeaWatch beispielsweise an Militärschiffe übergeben, die sie an die Küsten brachten, so wurden diese Aktivitäten seitens der Regierungen weitgehend eingestellt. Nun müssen die SeaWatch-Schiffe selbst die Küsten ansteuern und verlieren damit wertvolle Zeit für die Rettung von Menschen in Seenot. Die Referentin ging auch auf den Vorwurf ein, mit Schleppern gemeinsame Sache zu machen – eine Kampagne, die die NGOs nicht nur Reputation sondern Spendeneinnahmen kostete und die Lage der Geflüchteten massiv verschlechterte. Mit all diesen Erfahrungen im Gepäck plädierte Hammamy für die Einrichtung von legalen Fluchtkorridoren – das Geld, das zur Vermeidung von Geflüchteten ausgegeben werde – unter anderem im Rahmen von Abkommen mit afrikanischen War Lords – würde ausreichen, um sichere Fluchtrouten zu schaffen.



Zum Tag des Flüchtlings am 29.9. versammelten sich am vorletzten Tag der IKW ca. 50 Menschen auf dem Alsfelder Marktplatz zu einem stillen Gebet. Für die christliche Gemeinde bat Pfarrer Walter Bernbeck um Solidarität mit Menschen in Not und sprach sich für sichere Fluchtwege und einen menschenwürdigen Umgang mit geflüchteten Menschen aus. Auch die muslimische Gemeinde, deren Hodscha Hasan Erden für den Frieden aller Menschen jeglichen Glaubens betete, war zahlreich vertreten. Auch die Teestunde in der Moschee in Alsfeld im Anschluss an das Gebet war gut besucht und wurde zu einem lebhaften Austausch genutzt.



Den Abschluss der IKW 2017 machte am Samstagabend eine Party in der Alsfelder Clubbar Plan B. Die Beatpoeten Jan Egge Sedelies und Costa Carlos Alexander hatten Hate Speeches der letzten Jahre im Netz gesammelt. Deren Häufung verblüffte selbst geschulte Internet-Leser und war bestens dazu geeignet, den Inhalt der Hassreden ins Absurde zu ziehen, obwohl dieser mitunter bitterböse war. Das Mitlesen der Rechtschreib- und Grammatikfehler tat sein Übriges. In den letzten Monaten sei es schwierig geworden, wirklich schlimme Hassreden im Netz zu finden, erläuterten die Beatpoeten, die seinerzeit mit den Pegida-Kommentaren angefangen hatten. Durch das Erstarken der AfD und deren Auftreten im Wahlkampf seien viele Aussprüche beängstigend normal geworden, oft gehört und würden auch kaum noch entrüsten. So waren unter den Hate Speechern auch zahlreiche inzwischen amtierende Politiker vertreten. Einen Tipp, wie man gegen Hate Speech im Netz vorgehen könne, gab es am Ende der Veranstaltung auch: Nicht zynisch werden, menschlich bleiben und die Menschen an den Fakten und Quellen packen.
In den Partymodus ging es im Anschluss mit DJ Cylo, der lange bis nach Mitternacht auflegte und die Gäste mit guter Musik versorgte.



„Die kulturelle Woche war eine rundum gelungene Sache“, finden die Organisatorinnen Franziska Wallenta und Traudi Schlitt. „Wir hätten uns hier und dort mehr Publikum gewünscht, weil alle Veranstaltungen inhaltlich wirklich herausragend waren. Insgesamt aber haben wir eine große Menge an Menschen erreicht, sodass wir versuchen werden, für nächstes Jahr wieder ein Programm zur Interkulturellen Woche auf die Beine zu stellen.“
Von Traudi Schlitt
17.10.2017
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