Gern genutzt, aber noch nicht gern gesehen

Zwischenbilanz zum Live-Blogging aus der Landessynode

Das erste Live-Blogging von einer Kirchensynode der EKHN im November 2012 war eine echte Innovation - und auch die folgenden Reportereinsätze blieben Feldforschung: Es war ein Trial and Error mit Themen, Stilformen und Tonlagen, mit User-Interaktionen, mit Provokationen und Kommentaren. Die persönliche Zwischenbilanz nach weit über 100 Stunden Live-Blogging: es ist gut und kirchenpolitisch enorm wichtig, aber auch derbe anstrengend und für Journalisten wenig attraktiv.

Notwendig ist es, weil es eine große Lücke in der Berichterstattung füllt und die Arbeit der Kirchensynode als dem gesetzgebenden Organ der Landeskirche EKHN transparent macht. Während viele (aber längst nicht alle) Beschlüsse sofort über die Pressestelle vermeldet werden,  ist die Plenardebatte selbst kaum irgendwo im Blick. Sie wäre das typische Arbeitsfeld für Redakteure und freie Mitarbeiter der weltlichen Presse, der Tageszeitungen, Magazine, des Rundfunks. Eben so, wie Politikjournalisten ihr Augenmerk auch auf die Debatte und das Zustandekommen von Gesetzen richten und damit während der Beratungsprozesse für eine öffentliche Meinungsbildung sorgen (mit allen Optionen der Rückkopplung: durch einzelne Bürgervoten, durch Lobbygruppen, durch Demonstrationen, mit bürgerschaftlich organisierten Diskussionen usw.). Doch die kommerziellen  wie die öffentlich-rechtlichen Medien interessieren sich nicht für Kirchendebatten (wie ihr Interesse an Kirche insgesamt sehr bescheiden und thematisch arg enggeführt ist).

Wenn evangelische Kirche den Anspruch erhebt, demokratisch verfasst zu sein, wenn das System mit quotiert gewählten Delegierten aus allen Dekanaten und die Berufung sachkundiger Mitglieder Sinn machen soll, dann ist Berichterstattung und Kommentierung der Debatten im Kirchenparlament eine unabdingbare Notwendigkeit - gerade weil längst wie in der Politik wichtige Diskussionen und Absprachen vorab in nicht-öffentlichen Ausschüssen und Zirkeln erfolgen. Jedes Kirchenmitglied muss die Möglichkeit haben Einsicht zu nehmen in die Dispute und Argumentationen seiner Stellvertreter, es muss natürlich ganz besonders nachvollziehen können, wie sich die Abgeordneten aus dem eigenen Dekanat schlagen (vgl. hierzu Interview mit Hubertus Buchstein) .

Weil weder weltlichen Medien noch Hobby-Blogger diese Aufgabe übernehmen,  sind die bei den Dekanaten beschäftigten regionalen Öffentlichkeitsreferenten gefordert (siehe dazu ausführlich: Warum Live-Blogging?).
Die Notwendigkeit einer ausführlichen Berichterstattung und Kommentierung (=Einordnung, Befragung) ist keineswegs nur theoretisch zu begründen: die Live-Berichterstattung auf unserer Facebook-Seite ist auf reges Interesse gestoßen, sie ist in jedem Dekanat wahrgenommen worden und sie war Grundlage für zig Diskussionen, Rückfragen, Reaktionen, KV-Anträgen etc. So zeigte sich denn auch wieder deutlich die Lücke, als wir aus personellen Gründen von der letzten Synodaltagung im April 2015 nicht gebloggt haben: Selbst mit viel Aufwand ließen sich nicht alle Geschehnisse rekonstruieren, die Pressestelle der EKHN gab auf Anfrage zu Diskussionsverläufen keine Auskunft (vermutlich aus dem verständlichen Grunde, dass ihre Mitarbeiter sie schlicht nicht in der nötigen Tiefe mitbekommen und protokolliert haben), zu manchem Thema der Tagesordnung fand sich nirgends auch nur eine Notiz. Aber Dekanatssynoden können sich kaum sinnvoll in ein Gesetzgebungsverfahren einbringen, wenn sie den Zwischenstand der kirchenparlamentarischen Beratung nicht kennen, und beim Gespräch mit den eigenen  Delegierten sollte man sich nicht nur auf diese selbst als Informationsquelle stützen müssen.

Doch die Arbeit an einem Synodenblog ist bisher nicht sehr attraktiv. Da ist zunächst die unmittelbare Arbeit selbst: Zumal wenn , wie das meistens der Fall war, nur ein Berichterstatter alleine den gesamten Synodenverlauf vermitteln will, ist es schlicht körperlich und geistig anstrengend: bis zu 10 Stunden am Tag aufmerksam zuhören, gleichzeitig schreiben, Namen und andere Fakten nachschlagen, Dokumenten-Links recherchieren, auf User-Reaktionen reagieren und am besten als Zugabe auch noch Fotos oder Videos posten und das alles von einem sehr improvisierten Arbeitsplatz aus - das ist tatsächlich anstrengend.

Zudem haben einige Personen aus Synodenleitung und Kirchenverwaltung bis heute die Notwendigkeit einer ausführlichen Debatten-Berichterstattung und -Kommentierung nicht verstanden und versuchen die Arbeit aktiv und zum Teil sehr erheblich zu behindern. Es gab verschiedene Versuche, die Live-Berichterstattung zu unterbinden. Auch wenn das letztlich nicht erfolgreich war, so hat es doch erheblich Kräfte gebunden und Nerven geschunden. Es bleibt zu hoffen, dass sich das Verhältnis von Kirchenmächtigen zur freien Berichterstattung irgendwann entkrampft, zumal inzwischen zu vernehmen ist, dass nach einer Umfrage der Verwaltung sogar die Mehrheit der Synodalen selbst die kritische Live-Berichterstattung über ihre Arbeit für sinnvoll hält. Derzeit muss man aber noch jedem Interessenten sagen: journalistischer Arbeit auf der Kirchensynode ist innerkirchlich kein Karrierehelfer.

Immer wieder diskutiert wird die Frage, ob eine Live-Berichterstattung via Facebook der beste oder gar einzige Weg ist, die Kirchensynode transparent zu machen. Aus drei Jahren Erfahrung: Nein, aber es ist derzeit ein sehr guter Weg. Facebook ermöglicht den Mitgliedern unmittelbare Interaktionen (in allen ausgewerteten Fällen ist die Responsequote auf Facebook deutlich höher als auf einem eigenen Blog, etwa mit Wordpress, und auch die Reichweite einzelner Beiträge ist durch die Vernetzung deutlich größer als auf einer eigenen Website). Gleichzeitig sind Facebook-Seiten öffentlich, also auch für jeden sichtbar, der nicht bei Facebook angemeldet ist. Das Bloggen via Facebook ist daher  bequem, niederschwellig und potentiell kommunikativ. Da Facebook in seiner heutigen Form aber bereits auf dem absteigenden Ast ist, werden sich hier bestimmt bald andere geeignete Kanäle auftun.  

Statt einer unmittelbaren Live-Berichterstattung könnte man sicherlich auch einzelne Tagesordnungspunkte in ausführlichen Berichten darstellen. Das ist letztlich eine Geschmacks- und eine Managementfrage (denn für diese Alternative benötigt man mehr Personal, da zuhören und schreiben dann nicht mehr gleichzeitig möglich sind). Auch der Vorschlag, mehr Blogger in die Arena zu schicken, kommt immer wieder: das wäre selbstverständlich zu begrüßen, eine große Arbeitserleichterung für den einzelnen ergibt sich daraus allerdings nicht, da Blogging von der persönlichen Note lebt. Mehr Blogger würden aber für Vielfalt in der Berichterstattung sorgen - allein: sie sind nicht in Sicht, die vielen Synodenblogger.  

Keine Alternative wäre es, die Debatten der Kirchensynode komplett im Internet zu streamen: wer wirklich alles eins zu eins verfolgen will, wird nach Frankfurt fahren und von der Zuschauertribüne aus beobachten. Niemand verfolgt eine solche Gesamttagung im Internet-Live-Stream (es gibt ja Landeskirchen, die das anbieten - aber ohne Bild, ohne Erläuterungen, wer gerade zu welchem Thema spricht, macht das keine Freude, zumindest wenn man nicht Synodenabläufe sehr genau kennt). Die Leistung des Bloggers ist ja gerade, aus den ganztägigen Debatten "in Echtzeit" Relevantes herauszupicken, dieses mit anderen Informationen zu vernetzen und eine Kommunikation darüber zu ermöglichen (potentiell zeitlich unbeschränkt). Einzelne Verhandlungspunkte würden sich einige Interessierte im Live-Video anschauen (wenn sie den Zeitplan kennen), etwa die Vorstellung von Bewerbern für ein Propstamt; aber eine Alternative zum Live-Blogging ist der Video-Stream nicht (so wie auch die Zuschauertribüne eben keine Alternative ist) - es wäre eine Ergänzung für einen vermutlich sehr kleinen Nutzerkreis. 

Als Zusatzangebot der Öffentlichkeitsarbeit wäre dies natürlich zu begrüßen, vor allem aber wäre die Bereitstellung aller einzelnen Debatten in einem Video-Archiv, wie wir das beispielsweise vom Bundestag kennen, sehr hilfreich, um gezielt einzelne Verhandlungspunkte anschauen zu können. (Tg)

19.09.2015