Von der Freiheit evangelischer Publizistik auf Dekanatsebene

Summary: Journalismus gibt es nur unabhängig. Selbst wenn er von einer Institution wie der evangelischen Kirche gefördert oder gar bezahlt wird, kann und darf er von keiner Gruppe inhaltlich vereinnahmt werden, weil er damit seines Wesens beraubt würde. Von kirchlichen Leitungs- und Beschlussorganen verlangt dies, die Freiheit evangelischer Publizistik zu akzeptieren - zum Wohle der Kirche und zum Nutzen ihrer eigenen Arbeit.

1. Persönlicher Ausgangspunkt der Überlegungen

Für das Evangelische Dekanat Alsfeld existiert eine umfassende Beschreibung aller Aufgaben, deren Erledigung einer institutionalisierten Öffentlichkeitsarbeit zugeordnet ist [1]. Ob es an dennoch ungenauen Formulierungen, fehlenden Fallkonstruktionen oder mangelndem Verständnis für diese rechtskräftige Konzeption bei einzelnen Rezipienten liegt, mag einstweilen egal sein, Tatsache jedenfalls ist, dass es in den vergangenen drei Jahren nicht gerade wenige und zum Teil massive Versuche gab, die Freiheit der evangelischen Publizistik in unserem Dekanat zu beschneiden - Interventionen gab es von gesamtkirchlicher und regionaler Leitungsebene [13].  Summe und Vielfalt der Beschwerden über einzelne Veröffentlichungen - meist Artikel oder Kommentare hier auf der Website Alsfeld-evangelisch.de - legen die (auch so geäußerte) Vermutung nahe, der verantwortliche Redakteur verstehe sein Handwerk nicht, kenne seinen Kompetenzbereich nicht, wolle gar "der Kirche" schaden - oder alles in einem. Jedenfalls war in den vergangenen drei Jahren viel "Rechtfertigungsarbeit" notwendig, und es beschlichen mich - als eben den verantwortlichen Redakteur - ob der Kritik durchaus Zweifel,  auf dem richtigen Weg unterwegs zu sein. Doch in der Fachdebatte gibt es Unterstützung für unsere Konzeption der Öffentlichkeitsarbeit und meine Interpretation dieser. Zuletzt hat mich eine kleine Kommentarsammlung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern vom April 2013 ermutigt, die in unserer Konzeption der Öffentlichkeitsarbeit enthaltene Definition evangelischer Publizistik (als Teil der Öffentlichkeitsarbeit) für die Kritiker genauer zu erläutern. Schließlich hat die Dekanatssynode diese Konzeption als Grundlage für die Öffentlichkeitsarbeit am 24. März 2012 ohne Gegenstimmen bei einer Enthaltung beschlossen, nach detaillierter Vorstellung und Aussprache.

 

2. Öffentlichkeitsarbeit und evangelische Publizistik

Den bei einzelnen Dekanaten beschäftigten Fachreferenten für Öffentlichkeitsarbeit [2] ist eine breite und letztlich nicht reibungsfrei miteinander kombinierbare Aufgabenvielfalt zugedacht. Um nur zwei markante Pole zu benennen: sie werden mal als Pressesprecher der Kirche aktiv (indem sie für das Dekanat oder seine Einrichtungen verlautbaren), mal als unabhängige Berichterstatter (indem sie z.B. über eine Dekanatssynode in der Lokalzeitung schreiben). Im erstgenannten Fall sind sie selbstverständlich den Vorgaben der Dekanatsleitung verpflichtet, denn schließlich will diese ja etwas (in ihrem Sinne) in die Öffentlichkeit bringen. Im zweiten Fall hingegen verlangt das Vertrauensverhältnis (oder Geschäftsmodell) zwischen der Zeitung und ihren Kunden, dass ausschließlich nach journalistischen Kriterien gearbeitet wird - und gerade nicht nach kircheninternen Vorgaben.

Auf landeskirchlicher Ebene ist dieser Konflikt zumeist dadurch entschärft, dass diese beiden Bereiche von verschiedenen Mitarbeitern übernommen werden und organisatorisch getrennt sind. Da gibt es dann eben den reinen Pressesprecher und den reinen Nachrichtenredakteur (etwa beim Evangelischen Pressedienst epd oder der Kirchenzeitung "esz").

In der Alsfelder Konzeption für die Öffentlichkeitsarbeit wird versucht, die beiden sehr gegensätzlichen Tätigkeitsfelder (sehr grob: Werbung vs. Journalismus) einerseits deutlich zu trennen, andererseits aber doch ihre Bearbeitung in Personalunion zu ermöglichen.

Dass es auch in der klassischen Öffentlichkeitsarbeit („Pressearbeit“) notwendig ist, kritische Punkte selbst zu benennen und nicht darauf zu warten, bis man aufgrund anderer Veröffentlichungen oder Informationsgänge auf diese reagieren muss, soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Ich möchte den Blick nur auf die evangelische Publizistik richten, genauer: auf den von der Kirche selbst verantworteten (und ggf. auch bezahlten) Journalismus.
In den "Nachrichten der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern" (Ausgabe 4/2013, inzwischen als pdf online, siehe unten [3]) finden sich dazu sieben interessante Beiträge, die alle Bezug nehmen auf einen Aufsatz von Hans Ulrich Anke, der seit 2010 Präsidenten des Kirchenamtes der EKD ist. Dieser Aufsatz des Juristen Anke hat nicht deshalb für Furore gesorgt, weil er besonders innovativ wäre (er zeugt viel mehr von Unkenntnis des publizistischen Fachs [7]), sondern weil er zur Forderung erhebt, was kirchliche Publizisten schon lange als praktiziertes Problem erleben: nämlich die inhaltliche Kontrolle kirchlicher Medienarbeit durch die jeweiligen Leitungsorgane - womit Anke de facto Theologen das letzte Wort über jedes Wort zuspricht. Er kritisiert damit das derzeit gültige "publizistische Gesamtkonzept" der EKD, das 1997 unter dem Titel "Mandat und Markt" veröffentlicht worden ist [4]. Anke schreibt: "So arbeitet [dieses] Gesamtkonzept heraus, dass die evangelische Publizistik auf ihrem Mandat heraus zu Neutralität und unabhängiger Berichterstattung über das kirchliche Leben und die christliche Lebenswirklichkeit sowie zur kritischen Begleitung kirchlicher Vorgänge verpflichtet sei. Ein solches Selbstverständnis birgt das Risiko, sich von dem Verkündigungs- und Öffentlichkeitsauftrag der Kirche im eigenen publizistischen Wirken selbst zu distanzieren." Diese Kritikerrolle sollen seiner Ansicht nach nur "allgemeine", weltliche, kommerzielle Medien übernehmen - nicht die kircheneigenen.

Anstoß nimmt Anke offenbar - wie viele andere in Kirchenleitungen und -verwaltungen - an Veröffentlichungen, die in dieser Form nicht von Kirchenleitungen und -verwaltungen auf den Weg gebracht worden wären. Was man ihm (und vielen anderen) in aller Deutlichkeit sagen muss: genau deshalb gibt es evangelische Publizistik! Weil sie Dinge veröffentlicht, die Bischöfe, Präsides oder Pressesprecher eben nicht - oder nicht in dieser Art und Weise - kommunizieren. Wie es im Gesamtkonzept "Mandat und Markt" zutreffend heißt: "Die evangelische Publizistik unterliegt den gleichen rechtlichen, technischen und wirtschaftlichen Bedingungen, wie die allgemeine Publizistik [gemeint sind also kommerzielle Medien wie Zeitungen, Fernsehen, Radio]. Sie ergänzt diese durch Dienstleitungen und eigene publizistische Angebote."

Evangelische Publizistik unterliegt selbstverständlich nicht der inhaltlichen Kontrolle durch Leitungsgremien der Kirche, weil sich damit diese Gremien über das publizistische System stellen würden. Das wäre, als wenn ein Landrat über die medizinischen Behandlungsmethoden in "seinem" Kreiskrankenhaus entscheiden wollte, ein Krankenhaus, das "er" doch finanziert und für das "er" doch letztlich den Kopf hinhalten muss. Er wird es tunlichst unterlassen.
Die evangelische Publizistik selbst ist der Ort, an dem auch Kirchenleitungen auf Veröffentlichtes reagieren sollten. Denn Publizistik schafft die öffentliche Debatte, die viel beschworene und auch für die evangelischen Kirchen proklamierte Transparenz [5]. Die Auseinandersetzung um Veröffentlichungen der evangelischen Publizistik muss innerhalb der evangelischen Publizistik geschehen, also öffentlich (womit jetzt medienübergreifend auch andere Formen wie Podiumsgespräche gemeint sind).

Evangelische Publizistik ist, sagt Norbert Schneider, ehemals Direktor des gep [6] und ehemals Direktor der Landesanstalt für Medien NRW, "etwas anderes als Verkündigung im engen Sinne und Öffentlichkeitsarbeit. Sie ist etwas Drittes [...] Ich verbinde mit dem Begriff eine von der Evangelischen Kirche [...] ins Leben gerufene und am Leben erhaltene (Stichwort: Geld) Tätigkeit, die der allgemeinen Publizistik, dem Gespräch der Öffentlichkeit, eine Besonderheit hinzufügt oder auch zumutet, die sich aus der Verkündigung des Evangeliums zwar ergibt, aber nicht damit verwechselt werden darf." [8]

Evangelische Publizistik ist das Ergebnis eines von der evangelischen Kirche gewollten Journalismus'. Und Journalismus gibt es eben nur unabhängig. Er muss autonom bestimmen, was er wie, wann, wo thematisiert - so steht es auch explizit in der Alsfelder Konzeption. Es ist - für die Theologen gesprochen - ein wenig wie mit der Kanzelfreiheit: so wie kein Kirchenvorstand in die Verkündigungsarbeit „seines“ Pfarrers reinreden darf, so darf auch kein Präses oder Dekan in die kirchenpublizistische Arbeit „seines“ Redakteurs hineinreden. Denn die gesamte Glaubwürdigkeit des Systems und damit die Publizistik überhaupt lebt von der Annahme, dass sie nach den Standesregeln des Journalismus funktioniert. Deshalb sind alle Verlage so aufgebaut, alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, alle professionellen Digitalmedien: ins Tagesgeschäft, gar in den einzelnen Beitrag, pfuscht niemand von außerhalb hinein. Warum? Weil man sonst keinen Journalismus mehr hätte, sondern vielleicht (schlechte) Werbung, Verlautbarungen, Propaganda. Jedenfalls nichts, das positive Kommunikationsleistungen erbringen könnte. 


3. Braucht die evangelische Kirche eigene Publizistik?

"Evangelische Publizistik tritt stellvertretend und komplementär dort ein, wo die allgemeine Publizistik unter Störungen - man spricht neuerdings auch von Marktversagen - leidet. Sie thematisiert, was nicht marktfähig ist, was nicht die Ökonomie der Aufmerksamkeit bedient, was nicht dem ohnehin Bekannten weitere Hasen in die Küche treibt, sondern was unter den Teppich gekehrt wird. Sie beschreibt überhaupt, wo die Teppiche liegen. Sie holt vor, was zwischen die Zeilen verschoben wird. Evangelische Publizistik folgt so gesehen dem besten Teil des Transparenzgebots. Das ist das Evangelische an ihr." Sagt Norbert Schneider [8].

Viele Kirchenleitende haben genau davor Angst. Angst, dass eine freie, ja von ihnen unkontrollierte Publizistik arbeitet und damit öffentlich Themen setzt, Fragen aufwirft, Fakten benennt, Meinungen einholt, Diskussionen anstößt, - die man kirchenleitenderseits gerade nicht für vorteilhaft hält. Dabei muss selbst aus Sicht der Ämter und Gremien jede Kritik willkommen geheißen werden! Sie macht es schließlich nötig, die eigenen Positionen klarer zu benennen, genauer zu argumentieren, auf Gegenargumente einzugehen - und unterstützt damit gerade das, was Leitungen wollen. Es sei denn, deren Vorhaben, Dogmen, Gesetze oder (politischen) Äußerungen halten einer öffentlichen Debatte nicht stand. Dann sind eben Korrekturen notwendig - und das sollte in solch einem Fall auch einer Leitung sinnvoll erscheinen.

Denn kirchenleitendes Handeln jederzeit zu begründen und es ggf. zu korrigieren ist die legitime Minimalforderung im organisierten Protestantismus. Schließlich sind evangelische Kirchen seit geraumer Zeit freiwillige Glaubensgemeinschaften, aus denen Mitglieder jederzeit austreten können, wie neue Interessenten eintreten können. Entscheidungen der Leitungsgremien sind nur dann legitim, wenn sie von den Mitgliedern getragen werden - oder sie ansonsten zumindest die Möglichkeit haben, sich so umfassend zu informieren, dass sie ihre Mitgliedschaft jederzeit reinen Herzens bejahen können. Wo Kirchenleitungen dies akzeptieren, müssten sie sich weit häufiger über unterbliebene Berichterstattung als über ihnen missliebige beschweren: denn auch nur annähernd vollständig ist das, was evangelische Publizistik derzeit leistet, wahrlich nicht (und kann es ob der Ressourcen natürlich auch gar nicht sein). Vieles bleibt gänzlich unerwähnt, wird aus falscher Sorge um das Wohl der Leser, Zuschauer oder Hörer brutal vereinfacht (man sagt dazu: "Reduktion von Komplexität"), bleibt unbearbeitet, weil man so viel Routine zu erledigen hat.

Evangelische Publizistik ist ja beileibe nicht ständig kritisch! Sie berichtet überwiegend ganz brav von Veranstaltungen und Ereignissen, wie es Lokal- und Politikjournalismus auch tun. Die Diskussion um evangelische Publizistik ist in diesem Punkt völlig schief, weil sie suggeriert, es ginge nur um die Frage, wie viel öffentliche, von Kirchenmitarbeitern selbst veröffentlichte Kritik die Institution Kirche aushalten muss, darf, soll, kann. Wer unsere kirchlichen Publikate tatsächlich angemessen würdigt, wird kaum zu dem Ergebnis kommen, sie seien ein Hort der Kritik.

Evangelische Publizistik beschäftigt sich vorrangig mit den Themen, die von der „weltlichen“ oder „allgemeinen“ Publizistik nicht beachtet werden, die aber für Mitglieder, Interessierte oder auch eine bestimmte (Teil-)Öffentlichkeit relevant sind oder als relevant erkannt werden sollen. Davon gibt es leider mehr als genug, da sich Tages- und Wochenpresse so gut wie gar nicht für das interessieren, was sie „innere Angelegenheiten“ der Kirche nennt, - solange darin kein Skandalpotential zu sehen ist. Ob Themen brisant sind, liegt nicht in der Hand der Publizistik: sie schafft nicht selbst die Fakten, über die sie berichtet, sie zeigt sie nur, fördert sie im besten Fall zutage und macht Angebote zur Einordnung. Deshalb macht Publizistik auch nie Politik, wie deutlich sie auch einen Standpunkt vertritt: sie argumentiert, sie fragt, sie kritisiert, sie bringt Christen miteinander ins (Streit-) Gespräch - aber sie entscheidet nichts. Publizistik ermöglicht öffentliche Kommunikation über Politik; evangelische Publizistik macht Kirchenpolitik und Theologie diskutierbar.
 

4. Die Instrumentalisierung evangelischer Publizistik durch ihren Auftraggeber

Um so befremdlicher ist es, wenn kirchliche Repräsentanten oder ihre Mitarbeiter auf die evangelische Publizistik Einfluss nehmen wollen. Der Beitrag von Volker Lilienthal in besagter Ausgabe der "Nachrichten" aus der bayerischen Landeskirche [11] legt nahe, dass dies nicht nur auf den unteren Ebenen geschieht. Lilienthal ist  Journalistik-Professor in Hamburg und war zuvor 20 Jahre lang Redakteur beim epd, zuletzt als Verantwortlicher für den Fachdienst "epd Medien". Er hat einen "institutionellen Machtanspruch" der Kirche erlebt, der zu "Nicht-Journalismus" geführt haben könnte - was wohl die schlimmste Form der Diskreditierung evangelischer Publizistik wäre.

Weil der "institutionelle Machtanspruch" nur selten klar benannt wird, sei behelfsweise nochmal aus dem Aufsatz von Hans Ulrich Anke zitiert [3],  (ich hebe Passagen hervor, auf die ich nachfolgend näher eingehe, und setze als Lesehilfe fortlaufende Buchstaben dahinter):
 
"Die Nutzer publizistischer Angebote erwarten, dass die Verantwortlichen (a) publizistischer Unternehmungen auch inhaltlich hinter den in ihrer Verantwortung verbreiteten Produkten stehen. Das gilt erst  recht für die kirchlich getragene evangelische Publizistik. Gerade die Leser, die sonst nur selten mit der Kirche in Kontakt kommen, erwarten hier, dass aus der Evangelischen Kirche heraus verlässlich und mit professionellen journalistischen Mitteln (b) kommuniziert wird. Sie erwarten Einladung zum und Vergewisserung im Glauben sowie verlässliche Orientierung durch die Evangelische Kirche (c). Diese muss in Kohärenz mit der öffentlichen Verlautbarungen (d) der Kirche stehen, weil die Evangelische Kirche gerade auch für Orientierung suchende Kirchenferne als Überzeugungsgemeinschaft (e) identifizierbar sein muss." 

zu (a): Mir wird nicht klar, wen Anke jeweils mit den "Verantwortlichen" meint, aber aus eigener Erfahrung interpretiere ich mal: es geht um Kirchenhierarchie, wonach sich ein Landesbischof (Präses ...)  letztlich für alles verantwortlich fühlen kann, was in "seiner" Landeskirche passiert, ein Dekan oder Superintendent für alles, was in "seinem" Dekanat oder Kirchenkreis geschieht und ein Pfarrer für alles, was aus "seiner" Gemeinde kommt. Das wären dann, so zutreffend interpretiert, beängstigende Allmachtsphantasien.
Man kennt das aus der Politik: da wird ein Minister auch gerne verantwortlich gemacht für alles, was in irgendeiner Abteilung seines Ministeriums nach Meinung der politischen Kontrahenten schief gelaufen ist (und man fordert dann routinemäßig seinen Rücktritt, nachdem die "lückenlose Aufklärung" natürlich nicht befriedigend erledigt werden konnte). Das ist aber nur Politikzirkus.

Der Kirchenpräsident der EKHN ist jedenfalls nicht für die Publizistik der Evangelischen Sonntagszeitung verantwortlich (obwohl (!) er Vorsitzender des Aufsichtsrats der Gemeinnützige Medienhaus GmbH ist), und ein Dekan ist nicht verantwortlich für die evangelische Publizistik seiner Öffentlichkeitsreferentin (er ist in der EKHN noch nicht einmal ihr Dienstvorgesetzter).
Bei der evangelischen Publizistik beginnt und endet die Verantwortung des Leitungsgremiums mit der Einstellung und Entlassung des "Abteilungsleiters", also der Frau oder des Mannes, die oder der die evangelische Publizistik als Person journalistisch bzw. inhaltlich verantwortet. Das ist schon sehr viel (und man könnte sich bessere Modelle vorstellen) - aber mehr geht wirklich nicht. Die Leitung kann arbeitsrechtlich, aber nicht inhaltlich eingreifen (wohlgemerkt: ich spreche fortwährend nur von dem Bereich der  Publizistik, der bei Öffentlichkeitsreferenten auf Dekanatsebene nur ein Teil des Dienstauftrags ist).

Was einzelne Publikationen betrifft, so ist der Verantwortliche genannt (dies verlangt zumindest jedes Landespressegesetz bzw. das Telemediengesetz). Es ist der jeweilige Autor selbst oder ein "verantwortlicher Redakteur".

zu (b): Denn nur so kann mit "professionellen journalistischen Mitteln kommuniziert" werden. Gerade die geforderte und unbedingt notwendige Professionalität verbietet jeden interessengeleiteten Eingriff. (Ohne das hier weiter ausführen zu können: es verhält sich analog zu der grundgesetzlich garantierten Wissenschaftsfreiheit beamteter Hochschullehrer, was in der Fachliteratur hinlänglich rauf und runter diskutiert worden ist - und da ist das Interesse des politischen Dienstvorgesetzten viel naheliegender.)

zu (c): "Die Evangelische Kirche" kann nach reformatorischem Verständnis nicht nur die Leitung der jeweiligen Landeskirche sein. Dieses Problem tritt bei vielen Kommunikationsversuchen zutage, wenn zwischen "wir als Kirche" und "ihr/ Sie als Mitglieder" differenziert wird.
Evangelische Publizistik hat allerdings nicht nur die Aufgabe, "Orientierung durch die Evangelische Kirche" zu geben, sondern vor allem über evangelische Kirche und in sie hinein. Deswegen ist evangelische Publizistik auch nicht Verkündigung. Sie informiert nach innen und außen über kirchliche Prozesse, über triviale Gesetzgebungsverfahren und Personalentscheidungen, über Finanzen und Konferenzen, über gewonnene und vergebene Preise ebenso wie über zutage tretende Intrigen. Und sie trägt "weltliche Debatten" in die Kirche hinein, sie verbindet, was manchmal getrennt erscheint. Evangelische Publizistik beschäftigt sich mit missionarischem Atheismus und naturwissenschaftlicher Entmythologisierung, sie konfrontiert Politiker mit kirchlichen Aussagen und Kirche mit politischer (Verwaltungs-) Realität. Das ist etwas völlig anderes, als Hans Ulrich Anke vorschwebt.

zu (d): Die Forderung einer "Kohärenz" zwischen "öffentlichen Verlautbarungen der Kirche" und Beiträgen der evangelischen Publizistik  diskreditiert den zuvor geforderten professionellen Journalismus - und entzieht damit der evangelischen Publizistik ihre Existenzberechtigung!
Nicht nur Päpste und Konzilien können irren, wie Martin Luther treffend feststellte (und heute wäre eben von Kirchenpräsidenten und Synoden zu reden), natürlich kann auch die evangelische Publizistik irren, sie tut es sogar fortlaufend, wenn wir mit "irren" die Nichterkenntnis von Wahrheit meinen. Aber das ist nicht etwa nur völlig unschädlich, sondern genau ihr Auftrag: sie stellt Fragen, sie recherchiert, sie trägt Meinungen zusammen, sie kommentiert das Ganze - und schafft damit Informations- oder Orientierungsangebote für Kirchenmitglieder und nichtkirchliche Kommunikationspartner. Es geht nicht um richtig und falsch, sondern um den Dialog, der mit jedem veröffentlichten Beitrag besser ermöglicht wird. Deshalb gibt es in der Internet-Publizistik seit langem die für alle offene Kommentarfunktion: weil es überflüssig ist, nach irgendwelchen Kriterien die guten von den schlechten Meinungen zu trennen, sondern weil jede geäußert Meinung, jede Reaktion, jede Frage, jede Anekdote da sein darf und soll. Die redaktionelle Herausforderung liegt dann wie üblich darin, das besonders Interessante herauszupicken und hervorzuheben, Fehlendes zu benennen und am besten nachzutragen (weil frei geäußert Meinungen noch lange kein Spiegel der vorhandenen Meinungen sind), mit dem "Input" der Leser, Zuhörer, User weiterzuarbeiten.

zu (e): Die wirklich unstrittig gemeinsamen Punkte der "Überzeugungsgemeinschaft" zu benennen dürfte jedem schwer fallen. Lange wurde diskutiert über die Studie "Was glauben die Hessen" [9]. Was glaubend geteilt werden soll, kann nur als Zeugnis, Credo, persönliches Erlebnis oder Gedankenkonstrukt eingebracht werden, es lässt sich in keinem Fall demokratisch oder "laokratisch" [10] oder gar per Dekret festlegen. Da hat sich über die 2.000 Jahre seit Jesus viel gewandelt. (Wir hatten gerade das Jubiläum des Heidelberger Katechismus', den heute wohl niemand mehr in Gänze unterschreiben möchte - aber er war mal auswendig zu lernen, um Antworten auf alle Fragen zu haben.)

Evangelische Publizistik ist Journalismus aus evangelischem Blickwinkel. Sie ist daher alles andere als beliebig, aber sie ist auch niemals einförmig. Jeder Gemeindebrief, der nach journalistischen Kriterien gemacht wird, gehört dazu, jede Kirchenzeitung. Kirchliche Verlautbarungen können von evangelischer Publizistik aufgegriffen, verbreitet oder kommentiert werden, - so wie jede sonstige Pressemitteilung, jedes andere Meinungs- oder Informationsangebot. Aber die Entscheidung, wie damit umzugehen ist, liegt allein bei den Publizisten.

 

5. Die publizistische Rolle regionaler evangelischer Öffentlichkeitsarbeit

Die in der Summe bedeutsamste Rolle in der evangelischen Publizistik spielt die - in der Diskussion m.E. kaum wahrgenommene - regionale kirchliche Öffentlichkeitsarbeit. Sie hat zwar jeweils nur einen überschaubaren, manchmal sogar namentlich bekannten Rezipientenkreis, aber da es kaum noch Kirchenkreise bzw. Dekanate ohne professionelle Öffentlichkeitsarbeit gibt, erreicht sie in der Summe die meisten Menschen. Natürlich ist die Reichweite deutlich geringer als die aller Gemeindebriefe, doch von denen dürfte  nur ein sehr bescheidener Teil den genannten publizistischen Ansprüchen genügen [12]. (Ein Gemeindebrief, der nur verlautbart, was der Kirchenvorstand oder gar die Gemeindepfarrerin für genehm hält, ist nicht der evangelischen Publizistik zuzuordnen.)

Aufgabe der regionalen evangelischen Publizistik ist es, die Fülle von Informationen aus Gemeinden, Regionen, Landeskirchen, Werken, Verbänden und Politik wahrzunehmen, journalistisch zu prüfen und ggf. zu bearbeiten, für die eigene Kundschaft in einem überschaubaren Gebiet. Dabei müssen dann z.B. allgemeine kirchenpolitische Fragen mit den spezifischen Situationen vor Ort zusammengebracht werden. Die wesentlichste Aufgabe ist dabei die Publikation relevanter Themen, was wie immer im Journalismus bedeutet: vieles zu ignorieren und weniges zu vertiefen. Das hatte noch nie etwas mit Bevormundung zu tun und hat es heute im Zeitalter der Allverfügbarkeit von Informationen noch viel weniger. Wie gut oder schlecht diese Arbeit gelingt, wird wie üblich in der Währung "Aufmerksamkeit" gezählt: evangelische Publizistik kann heute weniger denn je indoktrinieren, sie kann nur mit ihren Publikaten für diese werben. Was nicht gelesen, gesehen, gehört wird ist irrelevant - nur Zurkenntnisgenommenes hat eine Chance auf  kommunikative Wirkung.

Die regionale evangelische Publizistik ist kein Durchlauferhitzer von höheren Stellen, und sie ist keine Pusteblume der Gemeinden, die alles großflächig übers Land verteilt. Sie hat die Aufgabe, in alle Richtungen zu hören, zu sehen, zu forschen, um in ihrem Verbreitungsgebiet (oder angesichts von Internet vielleicht besser: in ihrer Interessentengruppe) evangelische Kommunikation zu fördern. Meist bedeutet dies, überhaupt etwas zum Thema zu machen, was ansonsten gar nicht wahrgenommen würde, wie relevant es für die eigene Gemeinde, das eigene Christsein auch ist.

Der ehemalige Leiter der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit in der EKHN, Joachim Schmidt, hat dies in seinem Abschiedsvortrag vor der Konferenz regionaler Öffentlichkeitsreferenten in folgende Thesen gefasst:

"1. Nutzen Sie [die regionalen Öffentlichkeitsreferenten] jede Chance, der fatalen kommunikativen Selbstgenügsamkeit kirchlicher System wenigstens im Einzelfall etwas entgegen zu setzen. Wo Sie sind, ist vorne.

2. Eine Ihrer wichtigsten Aufgaben im System ist die Anwaltschaft für die Empfängerseite. Bringen Sie die Außenwirkung von Haltungen, Aktionen oder Publikationen ins Gespräch, wann immer es geht. [15]

3. Behalten Sie bei Ihrer Arbeit die permanente Gefahr einer binnenkirchlichen Ghettoisierung im Auge und versuchen Sie, ihr entgegen zu wirken.

4. Stellen Sie beharrlich die Frage nach dem missionarischen Auftrag, also nach der Bringschuld von Kirche in der Gesellschaft.

5. Sie, die regionalen Öffentlichkeitsarbeiter, sind weit mehr als Multiplikatoren. Kommunikation durch Öffentlichkeitsarbeit ist nicht einfach ein Instrument, sondern entspricht in einem tiefen Sinn dem Wesen von Kirche."

Für den publizistischen Arbeitsbereich regionaler Öffentlichkeitsreferenten bedeutet dies u.a.
- Themen im Hinblick auf Relevanz, Chancen, Veränderungen, Widerspruchspotential, Konflikte usw. für die Region zu bearbeiten und die Ergebnisse zu veröffentlichen,
- alle kirchlichen Protagonisten mit Fragen zu begleiten,
- eigenständig Themen zu setzen,
- relevante Ereignisse und Meinungen aus der Region überregional zu kommunizieren,
- kirchliche Themen auch außerhalb der Kirche zu beleuchten und umgekehrt gesellschaftlich-politische Themen in die kirchliche Kommunikation einzubringen,
- Rechercheergebnisse mutig zu kommentieren. [14]

Im Dekanat Alsfeld umfasst die von der Fachstelle Öffentlichkeitsarbeit verantwortete evangelische Publizistik vor allem
a) auf alsfeld-evangelisch.de das Magazin und den Fachbereich Öffentlichkeitsarbeit
b) den Newsletter
c) die den Gemeindebriefen angebotenen Nachrichtenseiten,
d) die "Fanpage" auf Facebook
e) und gelegentlich noch in externen Medien veröffentlichte journalistische Beiträge.
Für diese Publizistik gilt, dass sie wie oben ausführlich begründet vom Stelleninhaber verantwortet wird. Rückfragen, Kritik, Kommentare sind jederzeit willkommen - und sie werden, so gewünscht, selbstverständlich publizistisch aufgegriffen (alle Beiträge auf der Website sind direkt kommentierbar). Beiträge im Rahmen dieser evangelischen Publizistik sind niemals Stellungnahmen "des Dekanats" und sie unterliegen auch niemals vor Veröffentlichung einer irgendwie gearteten Kontrolle (werden aber nach Möglichkeit natürlich vor Veröffentlichung mit Kollegen besprochen und gegengelesen, diskutiert... - wie man das eben in der Publizistik so macht).
Nur so bzw. genau so ist zu begründen, dass es in den vergangenen Jahren - um auf die persönliche Einleitung zurückzukommen - wiederholt Beiträge gab, die für Diskussionen gesorgt haben. Diese Diskussionen dürfen ruhig noch lebhafter und vielfältiger werden, insbesondere bleibt es ein Ziel, kirchliche Institutionen und Gremien für den öffentlichen Teil der Debatten zu gewinnen und Sachkritik gegenüber Formkritik zu fördern; aber sie zeugen schon jetzt von Freiheit evangelischer Publizistik, - einer Freiheit, die einige harte Bewährungsproben überstanden hat.


Anmerkungen

[1] Die Konzeption der Öffentlichkeitsarbeit ist online zu finden unter
upload/FB_ffentlichkeitsarbeit/PR-Konzept-Kirchliche-Oeffentlichkeitsarbeit-2011.pdf
bzw. anders gesagt: Auf unserer Website, Fachbereiche / Öffentlichkeitsarbeit /

[2] Die verbreitete Bezeichnung „Öffentlichkeitsbeauftragte“ empfinde ich als disqualifizierend; Ärzte sind auch keine Medizinbeauftragten und Pfarrer keine Beauftragten für Gottesdienst. Die Bezeichnung stammt aus den Anfängen kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit, als Pfarrer auf Dekanatsebene schlicht mit diesem Ehrenamt beauftragt wurden. Später wurden daraus zwar bezahlte Stellen, besetzt wurden sie jedoch weiterhin mit fachfremdem, eben nur beauftragtem Pfarrpersonal. (Vgl. Robert Geisendörfer 1978: Für die Freiheit der Publizistik, Stuttgart/Berlin: Kreuz Verlag, S. 35f)

[3] Die Beiträge stehen derzeit online unter http://www.epv.de/elkbnachrichten
Darin: Hans Ulrich Anke: „Auf die Botschaft kommt es an! - Glaube und Verantwortung in der evangelischen Publizistik“, in: nachrichten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Nr. 4, April 2013, 68. Jg, S. 97-101
Kurzlink: http://bit.ly/1fTvujp

[4] Mandat und Markt - Perspektiven evangelischer Publizistik - Publizistisches Gesamtkonzept 1997: http://www.ekd.de/EKD-Texte/publizistik_1997_vorwort.html

[5] So ganz aktuell etwa OKR Eberhard Martin Pausch von der EKD in „Demokratie innerhalb der Kirche? Zehn Thesen“, in: Deutsches Pfarrerblatt 9/2013 (113. Jg.), S. 497-502 (499)

[6] Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik (gep), dessen Gesellschafter die EKD und die Diakonie sind.

[7] Diese Einschätzung erlaube ich mir, wohl wissend, dass Anke dem Aufsichtsrat des Gemeinschaftswerks evangelischer Publizistik angehört - was seinen Beitrag ja so problematisch macht.

[8] Auch Schneiders Beitrag ist in dem unter [3] genannten Heft veröffentlicht: Norbert Schneider: Evangelische Publizistik und Kirche - Ein Begriff erinnert (an) sich, S. 101-103 Direktlink (pdf): http://bit.ly/1dQHiAX

[9] "Was glauben die Hessen? Ergebnisse einer Untersuchung im Auftrag des Hessischen Rundfunks", Januar 2012; von Prof. Dr. Dr. Michael N. Ebertz unter Mitarbeit von
Prof. Dr. Burkhard Werner, Lucia A. Segler und Samuel Scherer. pdf: http://bit.ly/19o3nBP

[10] Eberhard Pausch (Oberkirchenrat bei der EKD) bringt in seinem Artikel "Demokratie innerhalb der Kirche? - Zehn Thesen" im Deutschen Pfarrerblatt 9/2013 mit Verweis auf den Theologieprofessor Wilfried Härle den Begriff "Laokratie" für die innerkirchliche Mitbestimmung ein. Siehe online: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt//index.php?a=show&id=3448

[11] Kurzlink (pdf): http://bit.ly/1a3sHPC

[12] Mir wäre ein Begriff wie "evangelischer Journalismus" daher lieber, weil "evangelische Publizistik" nur einen Teil dessen erfassen soll, was Publizistik allgemein meint; aber anknüpfend an die laufenden Diskussionen bin auch ich hier bei der Begrifflichkeit geblieben, die unter evangelischer Publizistik evangelischen Journalismus versteht. (In anderen, den nicht-theologischen Wissenschaften näher stehenden Bereichen haben sich solche Blickrichtungs-Differenzierungen bereits etabliert, z.B. "Friedensjournalismus".)

[13] genauer: von  Kirchenleitung, Kirchenverwaltung, Kirchensynode, von Dekanatsleitungen (auch weit entfernten, mit nichts tangierten!) und einzelnen Pfarrern.

[14] Die von manchem Kritiker dabei immer noch geforderte strikte Trennung von Nachricht und Meinung ist längst obsolet - es gibt keine meinungsfreien (sprich: objektiven) Fakten, und publizierte Meinungen entfalten ihre Wirkung aus Nachvollziehbarkeit. (Nur anhand einer nachvollziehbaren Literaturkritik kann ich über einen Buchkauf entscheiden - eine Empfehlung oder ein Verriss alleine helfen nicht und sind bedeutungslos.)

[15] So auch Robert Geisendörfer (aaO, S. 40): "Evangelische Publizistik könnte eine Stätte sein für Informationen und Meinungen, in der sich einfindet, was anderswo keine Chance hat. Ich nenne dies praktizierte Stellvertretung."

13.10.2013