Evangelische Öffentlichkeitsarbeit sollte Vielfalt zeigen

"Kirche" ist mehr als katholische Dogmen - Mehr Laien in die Diskussion bringen

"Diese Kirche braucht kein Mensch" - das ist natürlich eine knallige Überschrift, mit der stern.de heute morgen auf Leserfang geht. Es soll die Rezension der Günther Jauch Sendung vom Sonntag sein. Doch es ist vor allem eine Momentaufnahme von den Problemen evangelischer Öffentlichkeitsarbeit - und von schlechtem Journalismus.

Unter dem Titel "In Gottes Namen – wie gnadenlos ist der Konzern Kirche?" wollte Günther Jauch in seinem Sonntagstalk diskutieren: "Stellt die Kirche die Morallehre über die Nächstenliebe? Welche Rolle spielen kirchliche Einrichtungen in unserem Sozialstaat? Sind die Sonderregelungen der Kirche im Arbeitsrecht noch zeitgemäß?"

Der Journalist Mark Stöhr resümiert am Tag nach der Sendung auf stern.de: "Im Grunde könnte einem die Kirche ja egal sein. Sie hat in weiten Teilen der Gesellschaft keinerlei Bedeutung mehr. Nur noch ein Drittel der unter Dreißigjährigen gehört ihr an. Doch die Kirche, diese marode Glaubensfabrik, der die Gegenwart längst abhanden gekommen ist, ist der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland."

Kritik am Arbeitgeber Kirche ist nicht neu - aber derzeit besonders en vogue. Die Journalistin Eva Müller promotet ihr Buch "Gott hat hohe Nebenkosten", vor allem mit dem Fall einer gekündigten Kindergartenleiterin, der von ihrem katholischen Träger "Ehebruch" vorgeworfen wurde. Und Vorfälle wie die Abweisung eines Vergewaltigungsopfers an zwei katholischen Kliniken schaffen es sogar bis in die Youtube-Nachrichten von Jugendlichen.

In der öffentlichen Debatte um "die Kirche" als Arbeitgeberin und Glaubensinstitution läuft vieles schief, wichtige Informationen fehlen, andere sind falsch. Aber zunächst einmal gibt es da nichts zu bejammern, sondern schlicht festzustellen: die evangelische Kirche hat ein erhebliches Imageproblem. Gerade im Journalismus fehlt es ihr an Sympathie. Professionelle Öffentlichkeitsarbeit muss darauf reagieren (und kann die "Schuldfrage" getrost anderen überlassen); der erste Schritt ist dabei wie immer nicht das Dementi, das Verlautbaren, das Gegenhalten - sondern das Schauen, Hören und Fragen.

Der erste Befund danach: In der Öffentlichkeit wird "die Kirche" verhandelt, obwohl es die ja gar nicht gibt. Bei Günther Jauch saßen Vertreter der römisch-katholischen Kirche, besprochen wurden überwiegend Fälle aus der katholischen Kirche. Die katholische Kirche hat auch nicht nur ein Gegenüber  auf evangelischer Seite, sondern dutzende. Da sind neben den 20 selbstständigen evangelischen Landeskirchen z.B. auch noch Freikirchen.

Evangelische Kirchen sind anders aufgebaut als die römisch-katholische. Das darf nicht dadurch nivelliert werden, dass als (einzige) Köpfe ständig Nikolaus Schneider und Margot Käßmann für das öffentliche Gespräch angeboten werden. Pluralismus darf nicht auf den Kirchentag beschränkt sein. Er muss in den tagesaktuellen Debatten deutlich werden.

Dazu würde auch gehören - zweiter Befund - dass evangelische Kirchen nicht alleine durch den Klerus vertreten werden. Zwar kann derzeit jede evangelische Landeskirche nur von einer Pfarrerin oder einem Pfarrer geleitet werden - aber wenn die ehrenamtliche Mitarbeit und Mitentscheidung der hunderttausend Nicht-Theologen keine Farce sein soll, dann muss evangelische Öffentlichkeitsarbeit die Laien stärker nach vorne bringen. Wir haben ehrenamtliche Kirchenvorstandsvorsitzende und ehrenamtliche Dekanatssynodal-Vorsitzende. Öffentlich sind sie jedoch kaum wahrnehmbar - wenn sie ihr kirchliches Amt nicht entscheidend ihrer bereits an anderer Stelle (meist in der Politik) erworbenen Prominenz zu verdanken haben.

Die evangelische Vielfalt ist das wichtigste Argument gegen boulevardeske Verallgemeinerungen. Und ehrenamtlich engagierte Kirchenmitglieder wären in vielen Fällen die besten Gesprächspartner. Wie anders sähe die Diskussion aus, wenn ein ehrenamtlicher KV-Vorsitzender anstelle eines beamteten Theologen darüber Auskunft gäbe, wieviel (formalen) Glauben er von Erzieherinnen für eine Beschäftigung im evangelischen Kindergarten erwartet und weshalb?

Diese Öffentlichkeitsarbeit kann natürlich nicht bei Günther Jauch beginnen. Bis seine Redaktion versteht, dass evangelische Kirchen nicht über die EKD-Pressestelle zu erreichen sind, muss viel Basisarbeit geleistet werden. Nix "top down", sondern nach Kräften "bottom up"!

Journalisten wie Mark Stöhr erreicht man nicht mit Presseverlautbarungen. Die Kommunikationsarbeit muss im Kleinen geleistet werden, vor allem in den einzelnen Gemeinden und Dekanaten. Natürlich werden Kindergärten überwiegend vom Staat bezahlt - er will sie ja auch haben, er macht die Vorgaben. So wie er den Behindertenfahrdienst vom Roten Kreuz und den Rettungsdienst der Malteser will. Und die Krankenhäuser privatwirtschaftlicher Gesundheits-AGs.

Wichtig ist das interessierte Gespräch, nicht die Belehrung. Was treibt eigentlich die immer lauter werdenden Atheisten zu ihrer Mission? 

Ärgerlich an dem stern.de-Artikel ist nicht, dass er die Stimmung (und das Missverstehen) vieler Jauch-Zuschauer sicherlich richtig wiedergibt. Ärgerlich ist, dass er auf jeden Anflug von Journalismus verzichtet. Wer keine (klugen) Fragen stellt, bekommt auch keine (klugen) Antworten. Stöhr schreibt zwar: "Was sich keiner [in der Talkrunde] fragte: Wie kann bei diesem Thema die Meinung eines 79-jährigen Mannes wie [Kardinal] Meisner maßgeblich sein?" Aber er stellt die Frage leider selbst nicht, sondern schreib sie nur auf. Er hätte sonst ein bisschen was von katholischer Kirche verstehen können - und vielleicht gemerkt, dass es da noch evangelische Kirchen gibt.

 

 

PS: Was könnte das für evangelische Öffentlichkeitsarbeit heißen?

Ausgehend von der Konzeption für unser Dekanat, in der einige grundsätzliche Überlegungen enthalten sind, einige Stichpunkte und Überlegungen
- Kirchliche Öffentlichkeitsarbeit geschieht nicht top-down, sondern auf jeder Ebene eigenverantwortlich. "Evangelisch aus gutem Grund" verlangt ja gerade, dass jeder selbst gute Gründe benennen kann.
- Für die Vielfalt ist es wichtig, dass sich auch Gemeindebriefe, Dekanats-Magazine u.ä. aktueller Themen annehmen, die in den "großen Medien" verhandelt werden.
- Öffentlichkeitsarbeit sollte Kritik nicht abwehren, sondern auf sie eingehen. Wo sie es nicht kann (weil ihr selbst die Antworten / Reaktionsmöglichkeiten fehlen) sollte sie Kritik und offene Fragen "innerkirchlich" weiter tragen.
- Auf Unterschiede zwischen evangelisch und katholisch hinzuweisen ist kein Angriff auf die Ökumene. Auch Koalitionspartner brauchen ein eigenes, klares Profil.
- Öffentlichkeitsreferenten dürfen und müssen sich in Diskussionen einbringen. Andernfalls entstehen gerade bei den vielen parallelen Online-Debatten weiterhin Zerrbilder (Beispiele zur Jauch-Sendung: Spiegel-Online, FAZ, Süddeutsche). Kirchliche Mandatsträger, Pfarrer_innen und andere Mitarbeiter sollten ermuntert werden, sich in ihren "Communities" zu äußern und so das Bild von Kirche mitzugestalten.
- (Weitere Stichworte sind sehr willkommen.)

04.02.2013