Hauptamt dankt Ehrenamt

Blog-Reihe "Kirchen-Kommunikation", Teil 8

Loben und häufiger Danke sagen, das gehört zu guter Führung, wie in jedem Ratgeberbuch nachzulesen ist. Das soll in Zeiten durchgestylten Managements natürlich auch für Kirchens gelten. Nur: passt das überhaupt? Und wer sollte wem wofür danken?
Der erste kirchliche Dank kam stets nach dem Weihnachtsgottesdienst: ein Büchlein aus der GTB-Reihe, frisch jugendlich aufgemacht, mit Gebeten, kritischen Texten, Fotos und Grafiken. Innen: der handschriftliche "Dank für deine Mitarbeit" des Gemeindepfarrers.
In späteren Gemeinden und auf den höheren Verwaltungsebenen der Kirche gab es diesen rituellen Dank dann nicht mehr, höchstens als ganz allgemeine Grußadresse auf Postkarten und Plakate gedruckt. Warum sollte ein (hauptberuflicher) Landesjugendpfarrer auch den jungen (ehrenamtlichen) Mitgliedern einer Landesjugendvertretung dafür danken, dass sie ihn und sein Establishment öffentlich kritisierten, frischere Musik und überhaupt erstmal Jugendgottesdienste forderten, derweil sie allerhand tatkräftig selbst machten, was von keinem evangelischen Behördengremium den Zulassungsstempel erbeten hat. Warum sollt ein beruflicher Mitarbeiter der Kirche den unbezahlten danken?

Das Vorwort im Jahresbericht 2014/2015 der EKHN gibt da zu denken. Gemeinsam danken darin Kirchenpräsident Volker Jung (Pfarrer, hauptamtlich) und Präses Ulrich Oelschläger (pensionierter Lehrer, ehrenamtlich) "allen, die sich ehrenamtlich in unserer Kirche engagieren". Und sie schreiben einige irritierenden Sätze, etwa: "Ehrenamtliches Engagement ist kein Ersatz für hauptamtliches Wirken." Als sei das Ehrenamt die Notlösung oder der Hilfsdienst für das Hauptamt. Dabei sollte es in einer Mitgliederorganisation doch wohl anders sein:
Man tut sich zusammen, weil man gemeinsam etwas erreichen möchte (hier: Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat). Wenn dann die Mitglieder (= "Ehrenamtlichen") der Ansicht sind, nicht mehr alles in ihrer Freizeit tun zu wollen oder auch zu können, beschäftigen sie bezahlte Mitarbeiter - jeder kleine Verein beginnt da mit einer "Geschäftsstelle" für die Organisation oder der steuerbegünstigten "Trainerpauschale" für die besonders Aktiven. Mit der Zeit können es mehr bezahlte Mitarbeiter werden, die Organisation wächst, es werden immer mehr berufliche Spezifikationen benötigt - doch die "Hauptamtlichen" bleiben Dienstleister der "Ehrenamtlichen", nämlich der Mitglieder oder etwas staatstragender: des Souveräns.
Für was können diese Hauptamtlichen, den Autor jener Zeilen hier eingeschlossen, den Ehrenamtlichen danken? "Danke für meine Arbeitsstelle", wie es - wenn auch an andere Adresse, in dem bekannten Lied heißt. "Danke, ihr 'Freiwilligen', dass ihr meine Dienste annehmt und mir und meiner Familie ein Auskommen sichert."  

Doch die beiden Köpfe der EKHN schreiben auch: "In den Gemeinden und Dekanaten gilt das Prinzip der gemeinsamen Leitung von Hauptamt und Ehrenamt." Was so nicht stimmt! Nicht nur, dass man über den Begriff "gemeinsam" streiten könnte - der Gegenpart zum "Ehrenamt" ist in der EKHN nicht das "Hauptamt", sondern das Pfarramt. In die Leitung auf allen Ebenen sind Pfarrerinnen und Pfarrer eingebunden (und zwar inzwischen so, dass die Kirchenleitung über sie auf Gemeinde- und Dekanatsebene bei Bedarf beamtenrechtlich zugreifen kann). Es geht nicht um die gemeinsame Leitung durch Haupt- und Ehrenamtliche, sondern durch Kirchenmitglieder und ordinierte Pfarrer - oder klassisch katholisch und schön schrecklich: durch "Geistliche" und "Laien". Das ist aus vielerlei Gründen ein eklatanter Unterschied, der vor allem auch einer ganz eigenen Begründung bedarf.

Wer dankt also wem wofür? Die Pfarrerschaft den aktiven Gemeindegliedern für die Chorarbeit und den Kindergottesdienst - oder eher für den Gottesdienstbesuch? Der ehrenamtliche Kirchenvorstand seiner Pfarrerin für die viele Verwaltungsarbeit?

Sollte der Postbote seinen Kunden für die ehrenamtliche Unterstützung mittels Trägerdiensten zum Briefkasten danken? Und das Krankenhaus Angehörigen der Patienten für die ehrenamtlichen Besuche?

Für die Orientierung hilfreich ist in jedem Fall die Ich-Form beim Dank: nicht "die Kirche dankt Ihnen" oder irgendein Gremium dieser, sondern "ich" als Person, bezahlt oder unbezahlt in dieser Kirche tätig, danke einzelnen, namentlich anzusprechenden Menschen.
Auf wie vielen Weihnachts- und Neujahrsgrüße wird vom "Dank für die gute Zusammenarbeit" geschwurbelt. In vielen Fällen funktioniert die Floskel nicht mehr, wenn Dankender und Bedankter einzelne Personen werden.

Im Vorwort zum Jahresbericht heißt es: "Unser Dank gilt allen Aktiven! Ihr Wirken ist so vielfältig, wie es die Menschen selbst sind. Unsere Kirche bietet ihnen einen weiten Raum, in dem sie sich ihren Möglichkeiten und Interessen entsprechend engagieren können."

04.10.2015