Institutionen haben keine Meinungen

Ein Kommentar zur Meinungsvielfalt in den evangelischen Kirchen

"Was sagt denn die Kirche dazu?" Ein jeder sollte diese Frage stets ungeprüft mit "nichts" beantworten. Weil "die Kirche" nicht spricht. Es sprechen ihre Mitglieder. Und die sprechen stets vor allem für sich selbst.
Kirchenpräsident Volker Jung hat bei einem Treffen mit Dekantsvorständen und Kirchensynodalen für den Mut zur Positionierung geworben. Aktuell erlebt er selbst wohl deutlich, welche Auswirkungen es hat, wenn "der Kirche" statt einzelnen ihrer - ggf. besonders beauftragten - Mitgliedern die Verantwortung für eine Meinung zugeschustert wird. Das EKD-Familienpapier hat eben nicht "die EKD" geschrieben, es waren 14 akademische Persönlichkeiten, die in der Schrift auch genannt sind, - und Jung ist einer von ihnen.

Es wäre sehr wohltuend, wenn alle auf Versuche verzichten würden, für Institutionen zu sprechen. Es gibt kein "die EKHN meint zu diesem und jenem folgendes". Es gibt nur ein "ich meine", oder "die Kirchensynode hat mehrheitlich beschlossen". "Ich" statt "wir" zu sagen würde in den meisten Fällen für Klarheit sorgen. "Wir als Kirche sind gefordert" - wer soll dieses "Wir" sein, und wer ist das Gegenüber?

Natürlich ist es so schön einfach, juristische Personen handeln zu lassen: "Das Evangelische Dekanat Alsfeld ruft zu Spenden auf." Aber es sind in Wahrheit ja nur einige wenige Personen, die das tun - ganz gleich, von wie vielen sie zu solchen Aussagen mandatiert worden sind.

Evangelische Kirche ist vielfältig, weil die Menschen, die über diese Institution verbunden sind, vielfältig sind. Deshalb hat "die Kirche" sehr unterschiedliche, geradezu diffuse Ansichten - oder besser eben keine. Jeder Debatte tut es gut, wenn sich ihre Diskutanten klar zu erkennen geben und nicht hinter Ämtern und Gremien verschanzen. Und umgekehrt gilt natürlich, einzelne Meinungen auch genau als solche zu sehen - und sie nicht (gar böswillig) Institutionen unterzuschieben. Was ein Dekan sagt, sagt eben nur er - nicht das Dekanat. Was ein kirchlicher Redakteur ins Internet schreibt, schreibt er, nicht "seine Kirche", nicht sein Arbeitgeber, keine irgendwie legitimierende Mehrheit oder höhere Instanz. 

Und wenn das den Aktiven in den Kirchen gelingt, dann könnte das auch Vorbild für die Politik sein. "Deutschland blockiert Abgasnormen der EU" - eine solche Schlagzeile ist schlicht falsch und wird Meinungsvielfalt und Engagement in keiner Weise gerecht. Denn "Deutschland" ist hier in Wahrheit nur ein einziger Politiker im Amt des Bundesumweltministers. Den kann und sollte man namentlich nennen, um über den richtigen Weg zu diskutieren. 

05.11.2013