Medienkritik geht nur öffentlich

Weniger Skandal als Alltag: kirchliche Einflussnahme auf Publizistik

Die Präses der EKD-Synode, Ex-Bundesministerin Irmgard Schwaetzer, soll dafür gesorgt haben, dass ein EKD- und Islam-kritischer Kommentar aus dem Angebot der evangelikalen Nachrichtenagentur "Idea" genommen wird. Das wäre ein ungeheuerlicher Vorgang - entspräche aber leider einer in den Kirchen weit verbreiten Arbeitstechnik. Gegen die Unterdrückung von Meinungsfreiheit hilft nur Öffentlichkeit. Jeder Versuch der Einflussnahme auf journalistische Berichterstattung oder Kommentierung muss öffentlich gemacht werden.
In dem konkreten Fall behauptet der Autor des indizierten Beitrags, Schwaetzer habe "eine Verleumdung der Synode vorgeworfen und mit dem Presserat gedroht". Der Pressesprecher der EKD hält die Darstellung für "keinesfalls zutreffen", verweigert aber eine Auskunft, ob es überhaupt ein Gespräch zwischen EKD und Idea in der Sache gegeben habe. Das lässt nur einen Schluss zu: natürlich gab es eine Intervention aus der Kirchenbehörde.

Eine solche ist leider üblich. Aus der eigenen Arbeit ist zu bilanzieren, dass sich kein einziger Kritiker aus der Kirchenverwaltung oder Kirchenleitung je öffentlich geäußert, sich an einem Austausch beteiligt, die Öffentlichkeit für voll genommen hätte. Nie wurde argumentiert! Es gab ausschließlich Versuche, über Repression, mehr oder weniger versteckte Drohungen, formale Beschwerden an den DSV, die Prüfung juristischer Sanktionsmöglichkeiten und ein gehöriges Maß an Stimmungsmache, ungeliebte Themen und Ansichten aus dem Verkehr zu ziehen. Den Höhepunkt erreichten die Eingriffsversuche im Sommer 2015, als sich die Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit unverhohlen bemühte, die von der Dekanatssynode Alsfeld beschlossene Konzeption für die Öffentlichkeitsarbeit außer Kraft zu setzen.

Die Forderung, missliebige Artikel aus dem Internet zu nehmen, gab es auch in anderen Dekanaten, der inzwischen selbst von der Kirchenverwaltung benutzte Terminus technicus heißt "Intervention aus Darmstadt", das Prinzip ist aber natürlich landeskirchenübergreifend: schon in der Jugendvertretung sahen wir uns regelmäßig einem Landesjugendpfarrer gegenüber, der zu jeder Veröffentlichung nur zwei Fragen kannte: "Dürfen die das? Und wenn sie es dürfen, wie lässt es sich trotzdem verbieten?"

Dabei geht es gar nicht so sehr um den Einzelfall - es geht tatsächlich ums Prinzip: jede Publikation ist nur etwas wert, wenn sie für wahrhaftig gehalten wird! Wenn Leser, Hörer, Zuschauer davon ausgehen dürfen, dass die Autoren nach bestem Wissen und Gewissen schreiben. Die erste Voraussetzung dafür ist natürlich das Wollen und Können des Autors - die journalistische Qualifikation. Die zweite Voraussetzung ist aber schon die Unabhängigkeit: es darf eben keinen Einfluss von Dritten geben, von Lobbygruppen, Anzeigenkunden, Parteien, auch nicht von Kunden oder Auftraggebern. Sobald man davon ausgehen muss, ein journalistischer Beitrag sei nach nicht transparenten Vorgaben geschrieben, Veröffentlichung oder "Depublikation" sei keine Alleinentscheidung der Redaktion, sobald es irgendeinen Zweifel eben daran gibt, dass hier noch Journalismus betrieben wird - ist der Beitrag wertlos.

Wer journalistische Produkte kritisieren will, muss dies öffentlich tun bzw. zumindest mit der Bereitschaft zur Öffentlichkeit, Stichwort Leserbrief: jeder gute Chefredakteur wird Beschwerden über Artikel, die nur an ihn persönlich gerichtet sind, ungelesen zerreißen. Weil schon der Verdacht, es könne Einflussnahmen von außen geben, seine Glaubwürdigkeit zerstört. Und weil der Streit um journalistische Beiträge öffentlich geführt werden muss.

Deshalb schrillen bei allen kundigen Beobachtern die Alarmglocken, wenn sie kritische Beiträge wie im Fall "Idea" sehen, sich von den Kritisierten aber niemand dazu öffentlich äußert, an der (Online-)Debatte teilnimmt. Wenn die Kritik nicht ganz belanglos war, bedeutet dies nämlich immer: es wird im Hintergrund gearbeitet, die Strippenzieher sind aktiv.

Aber das ist das letzte, was evangelische Kirche in dieser säkularen Welt braucht: Heimlichtuerei, versteckte Einflussnahme, Angriffe auf die Pressefreiheit. Egal ob Rundfunk (zu dessen offiziellen Kontrolleuren Kirchenvertreter gehören!), Zeitung, Nachrichtenagentur, Gemeindebrief oder kleines Webangebot wie hier: jede kirchliche Einflussnahme auf die redaktionelle Freiheit zerstört Glaubwürdigkeit und Stärkt den politischen Atheismus. Deshalb müssen Redaktionen und Publizisten solche Versuche in jedem Fall öffentlich machen - damit sie nicht zur "Lügenpresse" werden - und damit diejenigen, die vom freien Wort nichts halten, mit ihren Intrigen nicht die gesamte Kirche in Mitleidenschaft ziehen.
(Tg)
20.11.2015