Von Menschen und Respektspersonen

Aus der Blog-Reihe "Kirchen-Kommunikation" (Teil 9)

Die Rundmail aus der Verwaltung an die Kirchenvorstände war wie üblich adressiert: "Sehr geehrte/r Frau/Herr Pfarrer, sehr geehrte Damen und Herren," lautete die Anrede. Doch dieses Mal, mitten in den Vorbereitungen für all die Jubelfeiern zu 500 Jahren Reformation,  traf sie mit feinster Nadel ins protestantische Herz. Denn auch in der evangelischen Kirche ist es noch - warum auch immer - Sitte, in hierarchisch absteigender Reihe zu grüßen (anstatt mit dem "Geringsten meiner Brüder" zu beginnen): "Verehrter Herr Präses, hohe Synode"; "Sehr geehrter Herr Kirchenpräsident, sehr geehrter Herr Propst, verehrte Frau Dekanin, liebes Lieschen Müller".
Stehen also Herr und Frau Pfarrer über dem Rest der Menschheit, den "Damen und Herren" gleich welchen akademischen Grades und welch weltlicher oder kirchlicher Weihen? Kirchenvorstände sollten ehrenamtliche, also nicht-ordinierte Vorsitzende haben - in diesem Fall übernimmt die "Pfarrperson" qua Amt die Stellvertretung. Nur wenn sich niemand für dieses unbezahlte Amt findet, haben Pfarrer oder Pfarrerin "den Vorsitz im Kirchenvorstand zu führen" (KGO § 27).

"Sehr geehrte Frau Vorsitzende, sehr geehrter Herr Vorsitzender" wäre also eine zwar ebenso unpersönliche, aber der Hierarchie genügende Anrede, die nebenbei ganz ohne beamtenrechtliche Dienstbezeichnung auskommt. Doch wenn "Pfarrer" eigens erwähnt werden sollen (obwohl kein Lehrer mehr als (Ober-)Studienrat und nur seltenst ein Polizist als Wachtmeister angesprochen wird), dann wäre der angemessenere Platz in der zweiten Reihe: zuerst kommen die Damen und Herren, danach Frau und Herr Pfarrer - erst die Vorsitzenden, dann die Stellvertreter.

Ein kleiner, freundlicher Hinweis auf diese Wahrnehmung an den Verfasser des Verwaltungsrundschreibens führte jedoch zu der überraschenden Erkenntnis, dass die Vorrangstellung der Theologen kein Fauxpas, keine Unachtsamkeit war: Die explizite Anrede mit "Frau/ Herr Pfarrer" sei notwendig, entgegnete der Verfasser, weil Pfarrer wie Ärzte, Minister oder Kirchenpräsidenten "zu einer besonderen Berufsgruppe [gehören], die ich als 'Respektpersonen' ansehe".

Uff. Das war dann kein Nadelstich mehr, sondern ein Holzpflock. "Herr Pfarrer, Frau Pfarrerin" als Anrede besonderer Respektspersonen, "sehr geehrte Damen und Herren" für die Schafherde. Da bleibt im Jahr 500 nach Luthers Thesenanschlag noch einiges an innerkirchlicher Aufklärung zu leisten. Schließlich wird die Überwindung eines Klerus, einer Klasse herrschender Geistlichkeit, als wesentliches Verdienst der Reformation gesehen und stets als zentrale Abgrenzung zu den römischen Katholiken hochgehalten.

Für die nächsten 500 Jahre könnten wir uns dann vornehmen, die Gleichheit aller Menschen sprachlich einzuüben, oder in Anlehnung an die vierte Barmer These gesprochen: die Herrschaftsfreiheit eines Glieds des Leibes über andere. Dann genügt irgendwann auch beim festlichsten aller Festgottesdienst die Ansprache "Liebe Gemeinde" - ohne irgendwelche Honoratioren explizit zu erwähnen und damit ja stets nicht nur ihnen zu schmeicheln, sondern auch sich selbst zu feiern, dass man diesen oder jenen "Promi" als Zuhörer hat. (Tg)
03.11.2016