Warum Live-Blogging von der Kirchensynode?

Wichtig sind nicht nur Beschlüsse, sondern vor allem die Wege dorthin

Warum nehmen Öffentlichkeitsreferenten aus den Dekanaten beobachtend an Tagungen der Kirchensynode teil? (Es sitzen eigentlich immer mehrere von ihnen auf der Zuschauertribüne.) Verschwenden sie damit nicht ihre Arbeitszeit, wie es der Vorsitzende des Finanzausschusses, Carsten Simmer, mit einem leichten Augenzwinkern sieht?
Solche Fragen sind erstaunlich oft zu vernehmen (wenngleich auch keineswegs gleichmäßig auf die Kirchenmitglieder verteilt). Und eine Antwort wird auch stets mitgeliefert: Die Kirchensynode in Frankfurt sei eine gesamtkirchliche Veranstaltung (eine der "Landeskirchenebene"), also sei auch die Berichterstattung darüber Aufgabe der "Gesamtkirche" (gemeint ist die Kirchenverwaltung in Darmstadt).
Diese Schlussfolgerung ist allerdings falsch.

Denn wenn dem so wäre, würde man auch die Synode nicht mühsam und teuer mit Diskutanten aus dem gesamten EKHN-Gebiet bestücken (sogar aus der Provinz Alsfeld dürfen drei Landchristen dabei sein), sondern man würde das Personal kurzerhand in Frankfurt rekrutieren. Genügend schlaue Köpfe wie gläubige Seelen dürfte man dort problemlos finden.

Die Kirchenordnung sieht das aber nicht vor, sondern folgt ausschließlich dem, was wir bei Bundestags- und Landtagswahlen von der Erststimme her kennen: jede Region wählt ihre Vertreter, und diese gemeinsam bilden dann das Kirchenparlament. Wenn, wie aus unserem Dekanat, drei Synodale nach Frankfurt reisen, um die Geschicke der Kirche im Auftrag ihrer Region mitzugestalten, und diese drei Synodalen durch Ausschusstätigkeiten und andere Treffen auch schon in die Vorbereitung einer Synode etliche Arbeitstage gesteckt haben, dann sollte es niemand als Ressourcenverschwendung betrachten, wenn zu den etwa sieben Sitzungstage pro Jahr auch der regionale Kirchenredakteur anreist und für seine Kundschaft Augen und Ohren aufsperrt, das Geschehen in der Synode mit Dingen außerhalb dieser verknüpft und Themen wie Beratungen kritisch befragt. Und wohl niemand käme auf die Idee, die Berichterstattung über Sitzungen des Deutschen Bundestags sei Aufgabe der Bundesregierung oder ihrer Ministerien.

Man muss das aber auch gar nicht theoretisch begründen - schließlich haben wir empirische Ergebnisse vorliegen: Berichterstattung und Kommentierung von der Kirchensynode aus dem Alsfeld Provinzblickwinkel haben mehrere tausend Fans gefunden, haben zu einem deutlich gesteigerten Interesse an den Synodengeschehnissen geführt und Diskussionen ermöglicht, die es sonst nicht gegeben hätte. Wenn Öffentlichkeitsarbeit Öffentlichkeit herstellen und die vorhandene Öffentlichkeit mit kirchlichen Themen versorgen soll, ist ein besseres Ergebnis schlechterdings nicht denkbar (was übrigens kein Eigenlob ist, denn der Erfolg gründet vor allem im Angebotsmangel). 

Der Live-Berichterstattung kommt aber noch eine ganz andere Rolle zu: nur sie macht das Synodengeschehen zugänglich. An der Kommunikation der Ergebnisse besteht kein Mangel, da leisten die Pressearbeit der Kirchenverwaltung und die Reporter des Medienhauses gute Dienste. Für eine partizipative Kirche, welche die EKHN sein möchte (gerade auch in Abgrenzung zu römisch-katholischen Strukturen) ist die Transparenz der Beratungen sogar wichtiger als die Verkündung ihrer Beschlüsse. Es ist wichtig sehen zu können, wie diskutiert wird, wie Themen bearbeitet werden, welche Argumente genannt werden und welche im Kirchenparlament unerwähnt bleiben. Es ist interessant zu wissen, wer spricht und wer schweigt, wer welchen Antrag einbringt und wie sich die eigenen Abgeordneten dazu verhalten.   

Dazu zwei Beispiele von der Tagung im November 2013.
Während der Beratung des Gesetztes zu den Dekanatsfusionen macht der Alsfelder Synodale Carsten Simmer darauf aufmerksam, dass das vereinigte Dekanat Alsfeld-Vogelsberg nach dem vorliegenden Gesetzentwurf mehr hauptamtliche Leitung haben wird als derzeit die Summe beider Einzeldekanate: Alsfeld hat eine ¾-Stelle für den Dekan, Vogelsberg eine halbe, in der Summe also 1,25 Stellen. Dem vereinigten Dekanat hingen sollen 1,5 Stellen zustehen (eine volle Dekansstelle und eine halbe Stelle für den Stellvertreter). Simmer: "Wenn wir nach der Fusion plötzlich mehr hauptamtliche Leitung brauchen als in der Addition der vorherigen Einzeldekanate, hat das ganze für mich einen Webfehler und das möchte ich nicht." [Quelle Facebook-Blog]. Simmer möchte den entsprechenden Passus daher geändert sehen.
Doch die weiteren Wortmeldungen votieren gegen Simmers Vorschlag. Diese personelle Ausstattung sei in den Verhandlungen so in Aussicht gestellt worden, daran müsse man jetzt festhalten. So äußert sich auch der Vorsitzende des Verwaltungsausschusses.

Simmer versucht es noch einmal und verweist knapp aber deutlich darauf, dass es keine Zusagen im Vorfeld geben konnte, weil hier und jetzt in der Synode erst das Gesetz gemacht werde. [Quelle: Facebook-Blog] Doch Simmers Antrag wird mit großer Mehrheit abgelehnt.
Welche Gedanken sich die Leser der Live-Berichterstattung an dieser Stelle gemacht haben bleibt natürlich im Verborgenen (von einigen öffentlichen Kommentierungen abgesehene). Aber es wurde Transparenz hergestellt über einen wichtigen synodalen Vorgang, der dem im Amtsblatt veröffentlichten Gesetzt nicht mehr anzumerken ist.

Das zweite Beispiel, wörtlich aus der Live-Berichterstattung:

"Präses Oelschläger: Ein Schottener Mitglied des Posaunenchors erbittet heute Rederecht zum Punkt Kirchenmusik.
Dazu der Kirchenpräsident: Es geht vermutlich um die Stellen der Landesposaunenwarte. Das Gesetz tangiere diese jedoch gar nicht. Die KL habe im Zuge der Sparmaßnahmen auch die Stellen der 3 Landesposaunenwarte betrachtet. Deren Stellen seien  jedoch sicher, bis sie aus dem Dienst ausscheiden. Allerdings kommen KW-Vermerke an drei Stellen. Perspektivisch werde geplant, mit einer Stelle auszukommen. Für das Konzept dazu sei noch viel Zeit.
Die Posaunenchöre hätten in diesem Punkt in den letzten Wochen Fehlinformationen verbreitet, u.a. Einstellung der Jungbläserarbeit - das sei nicht richtig.
'Deshalb denke ich können Sie nachher die Posaunen genießen' (gemeint ist der angekündigte Protest um 16 Uhr).
Der Antrag auf Rederecht wurde mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. (§ 16.1 Geschäftsordnung)." [Quelle: Facebook-Blog]
 
Dieser Vorgang war aus Sicht des Reporters weit mehr als ein 5-Minuten-Intermezzo. Denn während das Anliegen des Ehrenamtlichen aus Schotten, der gerne zur Synode sprechen wollte, noch nicht einmal inhaltlich umfassend dargestellt wurde, verteidigte der Kirchenpräsident ausführlich die Personalpolitik der Kirchenleitung (der er vorsteht), - die im übrigen sonst in der Synode gar nicht zur Sprache gekommen wäre. Direkt danach erfolgte die Abstimmung ohne weitere Wortbeiträge, der Wunsch nach einmaligem Rederecht wurde abgelehnt.
Es ging hier um den Wunsch eines Ehrenamtlichen, für ein sehr großes Arbeitsfeld in der Kirche zu sprechen, und es ging um die Erwartung der Ehrenamtlichen an hauptamtliche Unterstützung, die um zwei Drittel gekürzt werden soll (weil zwei von drei Stellen wegfallen). Hauptamtliche haben in der Kirchensynode seit 11 Jahren grundsätzlich kein Rederecht mehr - abgesehen von den Pfarrern natürlich, die immer eine Sonderrolle spielen (und die, auch das ein öffentliches Randthema der Synode, nie vernünftig begründet wird, sondern der Bundeslade gleich mitgeschleppt wird). Deshalb hat der Reporter in der nächsten Sitzungspause einen Kommentar dazu verfasst: "Wir wollen doch nur reden".  

Die Kurzmitteilung auf Facebook und der Kommentar im Magazin von Alsfeld-evangelisch.de blieben nicht ohne Wirkung. Innerhalb der Bläserschaft wurden die Beiträge schnell verbreitet, bei Veranstaltungen aufgegriffen und diskutiert; mehrere kirchliche Newsletter griffen das Thema auf. Mehr kann Berichterstattung - zumal über innerkirchliche Angelegenheiten - nicht erreichen: ein Vorgang wird transparent und damit diskutierbar gemacht, eine ansonsten ungehörte Gruppe bekommt ein wenig Aufmerksamkeit, die Arbeit des höchsten Beschlussgremiums unserer Kirche wird ernst genommen. All dies wäre nicht möglich gewesen, wenn es keine Live-Berichterstattung gegeben hätte. Und allein mit diesem einen Punkt hat sich der gesamte Vier-Tages-Einsatz gelohnt (für weit geringere und bedeutungsärmere Kommunikationsleistungen wird mehr Aufwand getrieben, gerade von den regionalen Redakteuren). Dabei gab es noch viele weitere durch die Live-Berichterstattung und -Kommentierung transportierte Themen, die wichtige Debatten angestoßen oder genährt haben, etwa die zum öffentlichen Abstimmungsverhalten.

Die Argumente, die gegen die publizistische Begleitung der Kirchensynode durch regionale Fachleute vorgebracht werden, sind die gleichen, die zu jeder Form kritischer Berichterstattung zu hören sind: man sei  nicht zuständig, Kommentierungen stünden einem nicht zu, Kritik widerspreche der Loyalitätspflicht.
Der erste Punkte sollte hier widerlegt werden, wer nicht überzeugt werden konnte, möge dies über unser Kommentarmodul kund tun und Meinungen wie Fakten einbringen. Der zweite Punkt ist in einem langen Fachaufsatz widerlegt, der bereits deutlich vor der letzten Synodaltagung erschienen ist, der bundesweit von Fachdiensten aufgegriffen wurde und dem bisher niemand widersprochen hat (im Gegenteil: es gibt eine ganze Reihe interessanter Hintergrundgespräche dazu, sowohl mit Praktikern aus Redaktionen als auch mit Wissenschaftlern von Universitäten). Mit dem dritten Punkt, der Loyalitätspflicht, wird sich in einigen Wochen ein Beitrag beschäftigen. Erste Recherchen und Gespräche - die selbstverständlich "ergebnisoffen" verlaufen - versprechen: es wird spannend.

 

Update Juli 2014 zum Stichwort Arbeitszeit:

Bei der Juni-Tagung der Dekanatssynode Alsfeld hat mich zum TOP 9 Propst Matthias Schmidt öffentlich gefragt, wie viel Zeit mich denn die Synodenberichterstattung koste. "Genau so viel wie die Synodalen selbst", habe ich wahrheitsgemäß geantwortet. Daraufhin rechnete Schmidt der Synode vor, dass viele Sitzungen bis in den Abend hinein gingen, also 12 Stunden pro Tag, und mit An- und Abreise seien das auf meine halbe Stelle gerechnet 4,5 Wochen der Dekanatsarbeitszeit (siehe Protokoll pdf)
Dazu ist zunächst die Arbeitszeitberechnung zu korrigieren. Denn nach kirchlichem Arbeitsrecht bin ich bei externen Einsätzen mit Übernachtung nie mehr als 10 Stunden pro Tag im Dienst - auch wenn es real deutlich mehr ist. Mein Stundenzettel weist daher für die viertägige Sitzung im November 2013 mit An- und Abreise genau 38 Stunden  aus! Tatsächlich waren es 55 Stunden - was sich auch jeder, der das Synodengeschehen kennt und sich dazu meinen "Output" anschaut, denken kann. Doch anstatt endlich einmal Danke zu sagen für dieses Engagement, das sogar in Teilen von vornherein unbezahlt ist und erheblichen Einsatz fordert (ich habe bis zu 10 Stunden am Tag mitgeschrieben!), sollte der Synode vorgerechnet werden, wie aufwendig und teuer mein Einsatz doch sei.
Abrechnen durfte ich also 38 Stunden, was nicht einmal zwei Halbtags-Arbeitswochen entspricht! Tatsächlich kann man sie auch komplett als Gratisleistung sehen, denn am Jahresende standen bei mir 132,5 Stunden unbezahlte Mehrarbeit (in den Vorjahren war es sogar erheblich mehr).
Angesichts dessen ist es schon eine arge Verzerrung, wenn der Eindruck entsteht, der Alsfelder Referent für Öffentlichkeitsarbeit verplempere seine teuer bezahlte Arbeitszeit, auch wenn Frühjahrs- und Herbsttagung zusammen sieben Arbeitstage beanspruchen.

Und noch aus einem anderen Grund war die Vorrechnung der angeblich unverantwortlichen Arbeitszeitinvestion fragwürdig. Denn ebenfalls bei dieser Tagung im Juni wurde im Präsesbericht bekanntgegeben, dass mein sehr geschätzter Kollege von der Fachstelle Bildung künftig Mitglied der epd Filmjury ist und dafür 12 Tage pro Jahr in Frankfurt weilen wird. Das sind bei ebenfalls einer halben Stelle dann knapp fünf Wochen. Dass diese Zeit sinnvoll investiert ist, steht für mich außer Frage: da hat sich jemand durch seine regionale Kirchenkino-Arbeit ein sehr gutes Renommee auf diesem Gebiet erarbeitet, das man gerne in einem überörtlichen Gremium nutzen möchte. Ob das die Filmarbeit im Dekanat Alsfeld voranbringt, spielt dabei keine Rolle, ja es würde als kleinlich empfunden. Warum nur sollte dann die ebenfalls überörtlich relevante Berichterstattung von der Kirchensynode durch einen Dekanatsmitarbeiter nicht ebenso wünschenswert sein, wo es doch sonst niemanden gibt, der diese Aufgabe übernimmt - und die zudem von der Dekanatssynode ausdrücklich gewünscht wird?

Als nicht-beamtet Beschäftigter weist man als letztes noch darauf hin, dass die Arbeitszeit für "das eigentlich Arbeitsfeld" bei bestimmten Kollegen keine Rolle mehr spielt und sie sich in jedes beliebige Gremium wählen oder delegieren lassen dürfen, was auch immer das für den eigentlichen Arbeitsplatz bringen mag. Die Kirchensynode ist da ja nur ein Ämter-Umschlagplatz unter vielen.

 

Siehe hierzu auch: Berichterstattung von der nächsten Kirchensynode
Zu den Aufgaben evangelischer Öffentlichkeitsarbeit in der Region


27.01.2014