Sprach- und Kulturmittlung: Mehr als nur dolmetschen

Hessenweit erste Zertifikatsausbildung gestartet

Transparenz - Allparteilichkeit - Menschenwürde: Mit diesen drei Begriffen erläuterte Varinia Morales am vergangenen Freitag das Berufsethos von Sprach- und KulturmittlerInnen. Seit 2016 nimmt das Evangelische Dekanat Alsfeld die Vermittlung und Begleitung von Sprach- und KulturmittlerInnen im Vogelsbergkreis wahr. Gemeinsam mit der Diakonie Hessen hat das Dekanat nun hessenweit die erste Zertifikatsausbildung für Migranten und Flüchtlinge, die überwiegend ehrenamtlich in diesem Bereich tätig sind, gestartet. Bis von Frankfurt her kamen die 23 Teilnehmenden in das Begegnungszentrum Sonneck in Marburg-Wehrda: Die Ausbildung ist so einzigartig in Hessen, dass auch weitere Anreisen lohnen.
Dabei arbeiten Inka Lippert und Hildegund Niebch (beide: Diakonie Hessen) und Ralf Müller mit dem Unternehmen BIKUP aus Köln zusammen, welches die Sprach- und Kulturmittlerarbeit in Nordrhein-Westfalen federführend gestaltet. Der gerade gestartete Ausbildungsgang nimmt bereits die Qualitätsstandards auf, die erst im Juni 2018 in Hamburg unter Mitwirkung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales festgezurrt wurden.
Bereits in 2017 hatte Traudi Schlitt die Kölner Referentinnen zu zwei Tagesseminaren nach Alsfeld eingeladen. Denn unsere SprachmittlerInnen waren ohne jegliche Vorkenntnisse in ihre Aufgabe geraten. Als das Alsfelder "Trüffelschwein" Ralf Müller entsprechende Fördermittel ausfindig gemacht hatte, lag es nahe, die erfolgreiche Zusammenarbeit mit BIKUP fortzusetzen. In Kooperation entwickelten das Dekanat Alsfeld, die Diakonie Hessen und BIKUP einen etwa 150stündigen Lehrplan, der bis zum Dezember 2018 "abgearbeitet" sein wird. Ihren Lernerfolg werden die Teilnehmenden bis dahin in einer Hausarbeit und einer Abschlussklausur bewiesen haben.
Sprach- und KulturmittlerInnen dolmetschen natürlich zwischen zwei Sprachen. Die Besonderheit gegenüber Dolmetschern und Übersetzern ("Übersetzen ist immer schriftlich, dolmetschen immer mündlich!", führt Morales in die richtigen Fachbegriffe ein) liegt aber darin, dass Sprach- und KulturmittlerInnen nicht nur in zwei Sprachen, sondern auch in zwei Lebenswelten zuhause sind. Dies ermöglicht ihnen, Irritationen auszuräumen, die auf kulturellen Missverständnissen beruhen. So wissen Eltern aus arabisch geprägten Ländern zum Beispiel nicht um das deutsche Konzept der "Erziehungspartnerschaft" an Schulen, das Eltern Mitsprache einräumt. Und Lehrerinnen und Lehrer an deutschen Schulen wiederum wissen nicht, warum arabische Eltern sich offenbar so wenig um Schulangelegenheiten kümmern: ein klassisches interkulturelles Missverständnis, das Sprach- und KulturmittlerInnen ausräumen müssen. Dafür müssen diese aus ihrer Rolle des Dolmetschers "aussteigen" und transparent gegenüber beiden Seiten darum bitten, einen Sachverhalt zu besprechen und zu verdeutlichen.
Transparenz wiederum ist wichtig, damit die Allparteilichkeit gewahrt bleibt: Sprach- und KulturmittlerInnen dürfen sich weder mit den Fachkräften noch mit den Klienten "verschwistern", sondern leisten ihre Dienste beiden Seiten gegenüber zugleich. Deswegen muss beispielsweise der deutschen Fachkraft erläutert werden, was gerade mit der syrischen Klientin besprochen wurde - und umgekehrt: Die Augenhöhe gegenüber beiden Seiten muss immer gewahrt sein.
"Letztlich tragen Sie dazu bei, Menschenwürde zu ermöglichen", verdeutlicht Morales: "Durch Ihre Tätigkeit tragen Sie zur Teilhabe an der Gesellschaft bei und unterstützen Fachleute wie Klienten, ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen."