1001 Bedeutungen von "Familie"

Dekanat und Diakonie starten erste Sprachmittler-Zertifikatsausbildung in Hessen

Familie? - Ganz einfach: Mutter-Vater-Kind(er). So einfach ist das! - So einfach ist das nicht! Familie: Das sind die Eltern, drei bis fünf Geschwister, aber ganz sicher auch die Tante zweiten Grades! Dies könnte die Antwort einer Geflüchteten Person aus dem Nahen Osten sein. Umgekehrt ist unseren "Neubürger*innen" (und ebenso auch noch vielen Einheimischen) unvertraut, dass auch Mutter und Kind eine Familie bilden können, genauso inzwischen auch Vater-Vater-Kind.
Sprachen lassen sich nicht übersetzen, indem Wort für Wort von der einen in die andere Sprache übertragen wird. Denn das einzelne Wort kann in unterschiedlichen Sprachen eine ganz unterschiedliche Bedeutungsvielfalt aufweisen.
Seit über zwei Jahren nun betreibt das Evangelische Dekanat Alsfeld im Rahmen seines "Freiwilligenmanagements Flüchtlingsarbeit" den "Sprachmittler*innen-Pool" für den Vogelsbergkreis. Die Laien-Dolmetscher*inn*en wurden erst durch Traudi Schlitt, jetzt durch Tuya Köhler begleitet und geschult.
In Kooperation mit der Diakonie Hessen geht das Dekanat nun einen Schritt weiter: Im Rahmen eines durch das Hessische Kultusministerium geförderten Modellprojekts wird eine Ausbildung im Umfang von 150 Unterrichtsstunden starten. Es wird die erste Ausbildung für "Laien-Dolmetscher" in Hessen sein, die mit einem Zertifikat endet.
Gemeinsam mit Hildegund Niebch und Inka Lippert von der Diakonie Hessen arbeitet der Alsfelder Bildungsreferent Ralf Müller seit dem Herbst 2018 an dem groß angelegten Projekt. Hatte Traudi Schlitt bereits seit 2016 mehrfach BIKUP-Trainerinnen aus Köln für unsere Freiwilligen zu Schulungen in Alsfeld zu Gast, entstand gemeinsam mit ihr der Gedanke, über diese Einzelmaßnahmen hinaus eine curriculare Ausbildung zu schaffen. Während in Mainz bereits eine IHK-Prüfung zur "Sprachmittler*in" abgelegt werden kann, in NRW sogar 2.000(!)-stündige Maßnahmen angeboten werden, sind Ausbildungsgänge in Hessen bislang noch nicht vorzufinden.
Von der Grundidee konnte die "Evangelische Landesorganisation für Erwachsenenbildung in Hessen" (ELO) überzeugt werden. Somit konnte das Projekt im Rahmen von "Hessencampus" zur Sonderförderung eingereicht werden. Dass das Hessische Kultusministerium für die Pilotmaßnahme 65.000 Euro zur Verfügung stellt, zeigt die Bedeutung einer solchen Zertifikatsausbildung aus der Sicht der Landespolitik.
Etwa 20 Personen werden ab Juni 2018 in 13 Studientagen in Migrationssoziologie und Migrationsprozessen fortbilden, sie werden die Tücken der interkulturellen Kommunikation einüben, die Grundlangen und Anforderungen einer fachkundigen Sprachmittlung erlernen und ihr Berufsethos und Rollenverständnis entwickeln.
Zugleich werden die mehrsprachigen, überwiegend geflüchteten Menschen mit der Ausbildung an Formen des Ehrenamtes und der bürgerschaftlichen Engagements in der bundesdeutschen Zivilgesellschaft herangeführt. Doch die Zertifikatsausbildung zielt noch weiter: "Wir hoffen dazu beitragen zu können, dass unsere Kursabsolventinnen und -absolventen mittelfristig auf diesem Wege in den ersten Arbeitsmarkt finden, zumindest in Form einer Teilzeitbeschäftigung", so der Ko-Organisator Ralf Müller. Der bewilligte Projektzeitraum sei zu kurz, um bereits die IHK-Prüfung ablegen zu können. Mit einer recht kurzen Aufbaufortbildung in 2019 dann werde dann aber genau dieses Ziel angestrebt.
Die Kursteilnehmenden müssen einiges mitbringen, um an der Fortbildung teilnehmen zu können: Deutschkenntnisse werden auf etwa auf dem Level B2 nach dem Europäischen Referenzsystem erwartet, die Beherrschung der Muttersprache in Wort und Schrift vorausgesetzt. Um ein Zertifikat zu erhalten, müssen die Teilnehmenden aber auch eine Hausarbeit anfertigen und eine schriftliche Abschlussprüfung vorlegen. "Dabei kommt es nicht auf Grammatik und Rechtschreibung an, vielmehr muss das Wesen von Sprach- und Kulturvermittlung verstanden sein", schmunzelt Müller.
Vielleicht wächst da nach der "Grundqualifizierung Flüchtlingsbegleiter/in im Ehrenamt" und dem "BiBER"-Projekt zur Ausbildung ehrenamtlicher Dorfprojektentwickler*innen das nächste Alsfelder Projekt heran, das landes- und bundesweit Kreise zieht...
Anmeldeschluss ist der 29.05. Den Fortbildungsflyer finden Sie hier, den Anmeldebogen hier. Die Anmeldung erfolgt bitte direkt an die Projektkraft Inka Lippert, Kontaktdaten finden sich im Flyer und Anmeldebogen.