Etwas tun, damit es gelingt!

Integration und Kultur als Schwerpunkt der Woche des bürgerschaftlichen Engagements – Evangelisches Dekanat stellt drei von vielen Freiwilligen vor

31 Millionen Menschen in Deutschland sind ehrenamtlich und freiwillig aktiv! Ihnen widmet das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagements – ein Projekt, das unter anderem vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird - jedes Jahr eine ganze Woche. Durch diese Aktionswoche sollen Wert und Vielfalt von Engagement in Deutschland sichtbar gemacht, Leistung und Wichtigkeit von bürgerschaftlichem Engagement in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht werden.
Bricht man diesen Anteil von mehr als einem Drittel Freiwilliger bundesweit auf den Vogelsberg herunter, so findet man hier – zumindest rein rechnerisch - über 40.000 ehrenamtlich engagierte Menschen. Tätig sind sie in vielen Gebieten: Im sozialen Bereich, im Umweltschutz, im Sport, in der Bildung, in der Kultur oder in der Geflüchtetenhilfe, um nur einige Aspekte zu nennen.
„Integration und Kultur“ ist einer von drei Themenschwerpunkten der diesjährigen Woche des bürgerschaftlichen Engagements. Der Bereich „Freiwilligenmanagement in der Flüchtlingshilfe“ der Ev. Dekanate Alsfeld und Vogelsberg stellt – exemplarisch für viele weitere in diesem Bereich aktive Freiwillige - drei Menschen vor, die in ihrer Freizeit sowohl integrativ als auch kulturell engagiert sind. Was sie alle eint, ist die Feststellung, einer oder eine von vielen zu sein. Als Musterbeispiele aus der Masse der vielen Helferinnen und Helfer hervorgehoben zu werden, ist ihnen eigentlich nicht recht. Denn in erster Linie geht es ihnen um eins: anderen Menschen zu helfen. Und damit sind sie – sowie die anderen Freiwilligen in vielen Bereichen der Hilfeleistung – vielleicht keine Musterbeispiele, zumindest aber Beispiele dafür, was man tun kann, damit Hilfe da ankommt, wo sie gebraucht wird, und auch dafür, wie Integration gelingen kann.

Sisyphusaufgabe mit hohem Frustpotenzial und vielen kleinen Erfolgen
Rainer Linder über Freud und Frust in der Flüchtlingshilfe



Richtig langweilig war es Rainer Lindner wohl noch nie. Beruflich war der heute 63-Jährige als Veranstaltungs- und Konzertmanager viel unterwegs und jede Menge Action gewohnt. Als es damit so langsam etwas ruhiger wurde, ging er in die Kommunalpolitik, doch auch damit sollte vor zwei Jahren eigentlich Schluss sein. Eigentlich. „Doch dann kamen die Flüchtlinge“, so Lindners lapidarer Kommentar zu den Ereignissen, die vor zwei Jahren ganz Deutschland auf den Kopf stellten und überall eine Riesenwelle an Hilfsbereitschaft lostraten. So auch in Gemünden. Dort, in Burg-Gemünden, lebten zwar vorher schon Geflüchtete, die auch ohne große Anstrengungen seitens der Bevölkerung irgendwie zurechtkamen, doch mit der Ankunft so vieler Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan wurde klar, dass Hilfe nötig wurde. Mit einigen Gleichgesinnten, auch Menschen, die sich vorher gar nicht kannten, traf man sich Ende 2015 erstmals zu einem Runden Tisch in Nieder-Gemünden und besprach, wer auf welchem Gebiet am besten für die Geflüchteten Hilfe leisten konnte. Die Flüchtlingsinitiative Gemünden war geboren und ziemlich bald fiel Rainer Lindner das Amt des Koordinators zu. Er berief Sitzungen ein, hielt Kontakt mit Verwaltungen, verwaltete die Finanzen. Die Mitglieder der Initiative planten Kurse und Betreuungsmaßnahmen. Sie organisierten Deutschunterricht nebst Kinderbetreuung und erlebten viel Frust, aber auch viel Freude in diesem Ehrenamt, in dem man sich immer ein wenig fühlt wie Sisyphus oder Don Quixote. So groß sind die Aufgaben, so klein die Schritte, die man tut, und manchmal so vergänglich die Erfolge.

Heute leben etwa 80 Geflüchtete in Unterkünften in Burg-Gemünden, Nieder-Gemünden und in Ehringshausen. Nach zwei Jahren aktiver Flüchtlingsarbeit sieht Lindner die Motivation der Helferinnen und Helfer ein wenig schwinden. Das hat viele Gründe. Einer davon mag sein, dass Menschen, die einem ans Herz gewachsen sind und deren Geschichten authentisch und wahr sind, ins scheinbar sichere Afghanistan abgeschoben werden und das ganze Engagement, das auch von der Politik letztendlich immer gefordert wird, umsonst war, beschreibt Lindner. Zum anderen kommen auch die Geflüchteten selbst an ihre Grenzen, weil für diejenigen, die hier sind, ganz offenbar zu wenig in zu langer Zeit passiert. „Nachdem einige der Geflüchteten 18 Monate oder länger auf ihre Anhörung warten müssen und dann wieder auf ihren Bescheid, machen sich auch bei ihnen Perspektivlosigkeit und Frustration breit“, so seine Wahrnehmung. Arbeiten dürfen viele nicht und die, die dürfen, finden nichts. Immer häufiger erleben er und seine Mitstreiter psychische Zusammenbrüche bei Geflüchteten. „Das wird noch zunehmen“, so Lindners Prognose, schließlich warten immer noch viele Menschen auf ihre Anerkennung, viele davon permanent in Gemeinschaftsunterkünften, wo sie monate- und jahrelang keinerlei Privatsphäre haben. Für Helfer wie Rainer Lindner ist es dann schon eine große Herausforderung, nicht nur sich selbst dauerhaft zu motivieren, sondern auch die Geflüchteten irgendwie bei Laune zu halten – was nicht immer gelingt.

Was ist es dann, das ihn selbst trotz aller negativen Erlebnisse immer weiter machen lässt: „Es ist mir wichtig zu helfen – vom ersten Moment an war es das“, so sein Resümee, das viele positive Erlebnisse mit einschließt. Etwa, wenn eine Wohnung bezogen wird oder eine Arbeit gefunden. Oder wenn die Kreisverwaltung die Arbeit der Ehrenamtlichen lobt, die sich auch in der friedlichen Stimmung in den Häusern niederschlägt. Die Zusammenarbeit mit dem Kreis empfindet Lindner weitgehend als positiv und verbindlich. Mit den Unternehmen ist es auf dem Land schon schwieriger. „Wir haben hier viele kleine Unternehmen und Handwerksbetriebe, die eine Intensivbetreuung für Flüchtlinge kaum leisten können“, so seine Erfahrung. Auch glaubt er: „Die Demographieprobleme des Vogelsbergs werden wir mit Geflüchteten wohl kaum lösen können.“ Der Kreis ist flächenmäßig zu groß, die Verwaltung oft zu aufwendig und die Menschen auch nicht immer entsprechend ausgebildet oder bereit zur Ausbildung. Viele der Schützlinge ziehen auch sofort nach der Anerkennung weg aus dem Vogelsberg.

Sehr erfreulich ist für ihn, dass er und auch seine Mitstreiter in der Flüchtlingshilfe noch nie öffentlich für ihr Engagement kritisiert wurden. Privat dagegen vermeidet er das Thema tunlichst. „Damit kann man ja jede Geburtstagsparty sprengen“, weiß er. Um seine Haltung zu zeigen, bevorzugt Lindner ohnehin die öffentliche Bühne – als ehemaliger Konzertmanager liegt ihm das wohl. Viele guten Ideen haben er und die andere Helfer schon umsetzt, beispielsweise das Begegnungscafé, einen Männerkochkurs oder die interkulturelle Fragestunde „Fragen sie Frau Yeshma“ zu allem, was Deutsche über die Eigenheiten der Geflüchteten wissen müssen. Darüber hinaus ist die Initiative Veranstalter einer sehr erfolgreichen und über die Grenzen Gemündens hinaus wahrgenommenen Reihe, die hochkarätige Unterhaltung sowie gut platzierte Information zum Thema Flucht und Migration verbindet. Neben Konzerten gab es in der abgelaufenen Saison beispielsweise eine Lesung mit der Autorin Astrid Ruppert, einen Vortrag über Syrien, den der Geflüchtete Abdo Al-Taha ausgearbeitet hatte oder einen Bericht über Afghanistan, den die Ärztin Dr. Ahmad vorgestellt hat. „Wir hatten bei fast allen Veranstaltungen volles Haus“, freut sich Lindner, „aber leider oftmals mehr Auswärtige als Einheimische“. Die Reihe sei vielfach hoch gelobt, aber leider von der heimischen Kommunalpolitik praktisch kaum wahrgenommen worden. Zu diesem Programm gehörte auch ein Vortrag der SeaWatch-Aktivisitin Sandra Hammamy, die über die dramatischen Rettungsaktionen im Mittelmeer berichtete. Da liegt die Antwort auf seine Einschätzung nach der aktuellen deutschen und europäischen Flüchtlingspolitik auf der Hand: „Ich schäme mich dafür, dass wir die Leute lieber wieder im Mittelmeer oder auf immer wilderen Fluchtrouten verrecken lassen, als eine vernünftige europäische Flüchtlingspolitik auf die Beine zu stellen. Das ist unfassbar.“


„Die Geflüchteten brauchen mehr Geduld – und die Deutschen vielleicht auch“
Integrationslotse Shivan Mustafa weiß, wie es in Deutschland läuft.



Seit fast zehn Jahren lebt Shivan Mustafa in Deutschland. Er kam als Flüchtling aus dem Irak – wie alle anderen ohne jede Deutschkenntnisse und ohne einen großen Plan. Sicherheit und Schutz waren der Grund, warum er kam, doch bald wurde ihm klar: Wenn es hier für ihn irgendwie weitergehen soll, dann nur, wenn er Deutsch kann. Die ersten Kurse hat er damals noch selbst zahlen müssen – die Infrastruktur für Geflüchtete war vor zehn Jahren noch nicht sonderlich gut ausgebaut. Später besuchte er die Max-Eyth-Schule, doch für eine Ausbildung, hieß es damals, sei er mit 26 Jahren schon zu alt. Heute arbeitet er als Lagerist bei einer Firma im Alsfelder Industriegebiet und hat einen Nebenjob in einem Fast-Food-Restaurant. Das Leben ist teuer in Deutschland, noch dazu mit einer kleinen Familie: Seit acht Monaten ist er Vater.

Doch das alles ist kein Grund für Shivan Mustafa, sein Engagement, das er seit drei Jahren intensiv ausübt, schleifen zu lassen. Wann immer er kann, dolmetscht er für Geflüchtete und Migranten, die der deutschen Sprache noch nicht mächtig sind. Als Integrationslotse bei der Caritas, für die er seit 2014 aktiv ist, als freiwilliger Sprachmittler bei den Ev. Dekanaten in Alsfeld und Lauterbach und als Shivan Mustafa für jeden, der ihn braucht. Dann kommt er mit zu Beratungen, zur Polizei, zu Ärzten, in Krankenhäuser, in Schulen auf Ämter – und dort dolmetscht er nicht nur, sondern erklärt den Geflüchteten, warum Dinge in Deutschland so sind, wie sie sind.

„Dass man beispielsweise im Krankenhaus eine Nummer zieht und dann dran kommt, verstehen die meisten Flüchtlinge nicht“, erläutert er. Im Irak werde man mit mehreren Menschen gemeinsam ins Sprechzimmer gebeten und sei dann auch wieder ruckzuck fertig. Dabei seien die Ärzte in Deutschand viel gründlicher, findet Mustafa, das Warten lohne sich auf jeden Fall. Immer wieder müsse er auch beteuern, dass alles, was für die Geflüchteten gilt, für die Deutschen auch gelte. „Dass man als Harz-IV-Empfänger beispielsweise sein Einkommen offenlegen muss, betrifft ja jeden.“ Jeder bekäme in Deutschland sein Recht, manchmal dauere es eben ein wenig länger. „Alle müssen lernen, geduldiger zu sein“, so seine Erfahrung. Viele Beispiele aus dem Alltag hat er parat, wo das Verständnis der Flüchtlinge für die Deutschen und das der Deutschen für die Flüchtlinge ausblieb. Und viel Krisenpotenzial gibt es außerdem: So berichtet er von einem Einsatz in einer Flüchtlingsunterkunft, wo Menschen aufeinander losgingen, weil sie sich vorher beschimpft hatten. „Wie im Kindergarten“, findet er, auch wenn er vielleicht weiß, dass mehr dahintersteckt. „Gerade die Lage mit syrischen Flüchtlingen ist nicht einfach. Manchmal treffen hier Kriegsgegner aufeinander, die beide Asyl beantragt haben. Sie können sich dann natürlich nicht freuen, einen Landsmann zu treffen, im Gegenteil: Der Konflikt geht hier weiter.“ In einem anderen Fall wird eine abgelaufene Überweisung im Krankenhaus zur Zerreißprobe, weil der eine sie als Schikane empfindet, während auf der anderen Seite jeder Patient eine gültige Überweisung zur Krankenhausbehandlung vorlegen muss. „Da haben wir dann den ganzen Weg vom Krankenhaus bis zum Hausarzt in der Stadt drüber diskutiert – und vielleicht war es dem Geflüchteten am Ende immer noch nicht klar“, lacht Shivan Mustafa, der die deutsche Bürokratie inzwischen aus dem Effeff kennt und auch sonst einen recht deutschen Eindruck macht: „Man muss die Regeln kennen und akzeptieren“, so seine Erfahrung, und auf die Frage, ob er außer seiner Tätigkeit als Sprach- und Kulturmittler noch ein Ehrenamt ausübt, verneint er: Die Zeit, die Familie, das Knie – alles zu viel, um noch aktiver zu sein.

Anfangs wusste er nicht, ob er es sich zutrauen könne zu dolmetschen, erinnert er sich, aber mit der Zeit wurde es immer besser. Nun ist er ein gefragter Mann – von deutschen Betreuern genauso wie von Hauptamtlichen und den Geflüchteten selbst. „Wenn ich helfen kann, mache ich das gerne. Gerade weil ich mir früher gewünscht hätte, dass es für uns auch mehr Hilfe gegeben hätte.“ Doch Shivan Mustafa hadert nicht – im Gegenteil. Als er nach Deutschland kam, suchte er Schutz und Sicherheit. Das hat ihm Deutschland gegeben. „Den Rest muss man selbst machen“, findet er. Wenn man etwas erreichen wolle, müsse man sich anstrengen und nicht warten, bis man irgendwas bekommt. „Die Deutschen arbeiten auch“, so seine lapidare Feststellung. Aber er kann auch verstehen, dass viele Flüchtlinge inzwischen unzufrieden sind. „Wenn sie erstmal hier sind, denken sie alles geht auf einmal, aber das geht nicht. Und dann sind viele enttäuscht.“ Manche, kritisiert er, täten auch nichts für ihr Fortkommen, andere wiederum seien motiviert und fleißig. „Die Sprache ist für alles das Wichtigste – zum Arbeiten, zum Leben. Ohne sie kommt man nicht zurecht.“

Doch auch Shivan hat seine Enttäuschungen hinter sich. Die Hoffnung, dass er in Deutschland bald wieder in seinem Beruf als Karosseriebauer arbeiten könnte, zerschlug sich. Nach dem ersten Frust schaute er sich nach anderen Möglichkeiten um. Inzwischen ist er hier angekommen, hat eine Familie, ein Auto, ein regelmäßiges Einkommen. Die Probleme der Flüchtlinge sind ihm dennoch immer noch nah. „Die Politik könnte mehr für die Menschen tun“, findet er, „kleine Dinge, wie das Bereitstellen passenden Wohnraums. Da würde es schon reichen, wenn die Ämter bei der Bemessungsgröße etwas kulanter wären. Die Menschen wären zufriedener, wenn sie in eigenen Wohnungen wären, grade die Familien.“ Überhaupt erlebt er die Ämter als wenig mitfühlend. „Sie halten sich sehr strikt an die Vorschriften und Formulare, aber manchmal wird das den Menschen, mit denen man es zu tun hat, nicht gerecht.“

Wie dem auch sei: Shivan Mustafa ist Deutschlandfan. Und das nicht erst, seit er vor kurzem eine Auszeichnung der Hessischen Landesregierung erhielt. Ob er, der sich hier als Wanderer zwischen den Welten so gut eingelebt hat, jemals wieder zurück in sein Heimatland will, weiß er heute nicht. Wenn Frieden wäre, vielleicht, aber ob der jemals einkehren wird, daran zweifelt Shivan Mustafa.

„Man muss etwas tun, damit es gelingt!“
Aktiv in Flüchtlingsberatung und in anderen Ehrenämtern: Bärbel Haltenhof



Jeden Montag drängen sich derzeit viele Menschen aus unterschiedlichsten Ländern in den Räumen des Ev. Dekanats in Alsfeld. Die Beratung von Caritas, Pro Asyl und der Diakonie ist gefragt und eine wichtige Adresse für Geflüchtete, die mit vielen Anliegen den Rat der ehren- und hauptamtlichen Fachkräfte suchen. Seit 2015 mit im Team: Bärbel Haltenhof, Rechtsanwältin im angehenden Ruhestand. Sie berät die Menschen zu den verschiedensten Fragen: Überteuerte oder unüberlegt abgeschlossene Handy-Verträge, Umzugswünsche, Sprachkurse, natürlich auch Verwaltungsbescheide, derzeit meist Abschiebungen, oder andere Fragen rund um das Asylrecht. Was kann man tun? Wer kann helfen? Und wo müssen die Geflüchteten auch lernen, Dinge zu akzeptieren, auch wenn sie sie nicht verstehen?
Bevor sie sich in das Team um Pfarrer Walter Bernbeck und den damals noch in der Flüchtlingsberatung aktiven Konrad Rüssel begab, absolvierte sie die Ausbildung zur „Ehrenamtlichen Begleiterin in der Flüchtlingshilfe“, ein Angebot von vielen Trägern, u. a. auch der Caritas und der evangelischen und katholischen Dekanate. Die Beratung der Geflüchteten erfordert viel Fachwissen und Erfahrung, besonders im Verwaltungs- und Asylrecht und im Umgang mit den Behörden. Selbst für Bärbel Haltenhof als Anwältin ist da immer wieder vieles neu: „Mit Asylrecht hatte ich in meinem Berufsleben überhaupt nichts zu tun, aber wir beraten hier so gut es geht. Wenn es allerdings zu einem gerichtlichen Verfahren kommt, dann verweisen wir an niedergelassene Fachanwälte.“
Zu ihrem Engagement kam Bärbel Haltenhof zum einen auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung im (Vor-) Ruhestand, zum anderen aber beeindruckte sie auch die große Zahl an Menschen, die auf der Suche nach Schutz in den letzten Jahren nach Deutschland und damit auch in den Vogelsberg kamen. Dabei sieht sie das Vorgehen der Regierung eher kritisch. „Die Grenzöffnung im Sommer 2015 ohne Abstimmung mit den europäischen Partnern hielt und halte ich für falsch“, sagt sie klipp und klar, findet aber dennoch: „Die Menschen haben unabhängig davon unseren Schutz verdient. Und jetzt, wo sie hier sind, müssen wir ihnen auch helfen.“ Unermüdlich und mit einer Riesengeduld absolviert sie die Beratungen vor Ort und bereitet häufig noch mehrere Stunden in der Woche die einzelnen Fälle nach: Da sind Formulare auszufüllen, Schriftstücke zu entwerfen, Verträge zu kündigen, Telefonate zu führen. Fast keiner ihrer Klienten kommt nur ein einziges Mal. Die Unsicherheit, irgendetwas zu verpassen oder zu übersehen ist groß. Besonders dann, wenn das Bleiberecht in Deutschland daran hängt. „Gerade in den letzten Monaten haben wir viel mit Abschiebungen zu tun“, so die Anwältin. Dann gilt es Fristen einzuhalten, Fachanwälte zu finden, Termine zu organisieren. Bis jeder und jede ihr Recht bekommt, ist es oft ein langer, aufwendiger Weg. „Natürlich haben wir hier kleine Erfolgserlebnisse, aber die große Freude bleibt an dieser Stelle aus. Wenn die Menschen zu uns kommen, dann immer mit einem Problem.“
Trotzdem gefällt Bärbel Haltenhof und ihren Mitstreitern in der Asylberatung die Arbeit. Weil sie sinnvoll und weil sie wichtig ist. „Viele der Geflüchteten hängen beispielsweise in einem sogenannten Dublin-Verfahren und sollen von hier in ein anderes EU-Land abgeschoben werden“, berichtet Haltenhof. Dort droht den Menschen häufig eine Abschiebung in Herkunftsländer, die auch nach deutscher Einschätzung unsicher sind. „Und in Länder wie Bulgarien oder Ungarn, in denen keinerlei europäische Standards bezüglich des Umgangs mit Geflüchteten gelten, will naturgemäß auch niemand zurück, auch wenn man dort seine Fingerabdrücke zuerst hinterlassen hat“, so die Erfahrung der Beraterin, die gerade in solchen Fällen schaut, wie man helfen kann.
Neben diesen Themen geht es in den Beratungen jetzt auch häufig um Integration. Die Menschen suchen Wohnungen und weitere Sprach- bzw. Integrationskurse. Sie suchen Arbeit und müssen klären, zu welchen Bedingungen sie das dürfen. Auch hier sieht Bärbel Haltenhof die Lage eher nicht rosig: Für diejenigen, die etwas wollen, geht vieles viel zu langsam. Und dann kennt sie natürlich auch einige Menschen, die aus den verschiedenen Gründen an den Integrationsangeboten nicht interessiert sind. Sie kann das verstehen: „Asyl ist ja auch definiert als Schutz auf Zeit – wir können nicht davon ausgehen, dass alle Menschen dauerhaft hierbleiben wollen. Integration ist nicht die einzige Lösung“, glaubt sie und hält ein Umdenken in der Politik für wichtig. Ein Konzept, das auch Menschen, die sich nicht dauerhaft in Deutschland einrichten wollen, gerecht wird. Ein Umdenken in der Politik wäre ihrer Meinung nach auch hinsichtlich der aktuellen Flüchtlingspolitik nötig: „Die Flüchtlingsströme reißen ja nicht ab, nur weil wir die Menschen mit fragwürdigen Deals daran hindern, bis nach Deutschland zu kommen“, sagt Haltenhof mit Blick auf die vielen Lager, beispielsweise in Libyen. Bei so viel Kritik und gleichzeitig so viel Engagement stellt sich die Frage, wie sie den Merkel-Spruch vom gemeinsamen Schaffen bewertet. Als analytische Juristin fragt sie natürlich als erstes, was das heißt „Wir schaffen das“: „Wie ist das definiert? Was genau wollen wir schaffen?“. Mit Blick auf das große undefinierte Ganze allerdings wagt sie keine Prognose: „Fifty-fifty“, hält sie sich bedeckt und fügt ganz lapidar hinzu: „Man muss etwas dazu tun, dass es gelingt, auch wenn es am Ende trotz allem nur ein halber Erfolg sein sollte.“
Bärbel Haltenhofs Engagement beschränkt sich im Übrigen nicht allein auf die Flüchtlingsarbeit: Sie ist außerdem aktiv in dem Verein Alsfelder Kulturtage e.V. und in der Alsfelder Stadtbücherei. Auch darüber gäbe es in der Woche des bürgerschaftlichen Engagements sicher einiges zu berichten.