Zu Besuch in „God’s own country“

Eindrücke von einem Partnerschaftsbesuch in Südindien – von Pfarrer Johannes Wildner

Vom 2. bis 19. Januar war eine zehnköpfige Delegation der oberhessischen Dekanate Alsfeld, Büdinger Land und Vogelsberg zu Besuch in Südindien. Von Chennai an der Ostküste, dem Verwaltungssitz der Kirche von Südindien (CSI), ging es über Madurai nach Melukavumattom, dem Sitz des Bischofs der East Kerala Diözese. Mit dieser Diözese besteht die eigentliche Partnerschaft. Von Kochi an der Westküste Keralas ging der Flug zurück nach Frankfurt.
„Einfach verrückt!“ – So ging es mir öfters durch den Kopf auf unserer Reise. Als Deutscher mit einem anerzogenen Sinn für Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit und Effizienz hat man in Indien einiges zu durchleiden – und wer von uns meint, dieses Sinnes gar nicht so sehr teilhaftig zu sein, der entdeckt ihn garantiert in Indien. Man wundert sich immer wieder, wie etwas, was nach unserem Verstand eigentlich völlig absurd ist, dann doch irgendwie wunderbar geht. In diesem Land wird man als Deutscher entweder selber verrückt, oder man „verrückt“ sein bisheriges Weltbild, aber unverändert kommt wohl niemand von uns aus Indien heraus. Dazu ist dieses Land einfach zu intensiv, zu bunt, zu laut, zu scharf.



Ich denke nur daran, wie in unserem Reisebus aus unserer Gruppe immer wieder auf ein plötzliches „Oh Gott“ ein erleichterter Seufzer folgte – nachdem man sich auf seinem Sitz unwillkürlich zur Seite bewegt hatte. Was bei uns als äußerst waghalsiges Überholmanöver entrüstet beschimpft wird, wird dort als alltägliche Banalität gar nicht wirklich wahrgenommen. Wie mich einmal ein Inder aufklärte: eine rote Ampel ist in Deutschland ein Imperativ, in Italien ist sie fakultativ und in Indien dekorativ. Auf zweispurigen Straßen fährt man dreispurig, und überall passt sowieso noch ein Moped vorbei. Und wo man bei uns aus Entrüstung hupen würde, hupt in Indien niemand – dafür hupt man andauernd in Situationen, wo bei uns allein auf diese Idee niemand kommen würde – und das bedeutet: in Indien muss man das Autoradio wirklich laut aufdrehen, um beim Gehupe noch etwas zu hören. Es ist kein Witz: In Indien ist wirklich mit das Wichtigste am Auto die Lautstärke der Hupe.



Andererseits ist der Verkehr in Indien eine enorm kommunikative Angelegenheit. Da man sich letztlich auf keine Regeln verlassen kann, muss man andauernd den Verkehr genau im Auge behalten – hupen (!) – und antizipieren – hupen (!) – und reagieren – hupen (!). Aber ich muss ehrlich sagen: irgendwie macht das auch Spaß – zugegeben: als Bei- oder Mitfahrer. Eine Reise ist in Indien jedenfalls immer ein Erlebnis, ja ein Abenteuer. Ich denke da nur z.B. an einen Ausflug mit der Familie, bei der ich für einige Tage gewohnt habe. Da stand der Jeep mit maximal 10 Sitzplätzen. Und dann füllte er sich, und füllte er sich, und … Am Ende quetschten sich dann irgendwie auf Bank und Schoß: Vater und Mutter, ihre 3 erwachsene Kinder mit ihren drei Ehepartnern, deren drei Kinder, und dann noch zwei Gäste aus Deutschland. Ich habe immer noch einen blauen Fleck an meiner Hüfte von dem unvermeidbaren Kontakt zur herunterklappbaren Armlehne – zumindest konnte ich diese herunterklappen, auf der anderen Seite der Sitzbank hing eine Tochter mit einer halben Pobacke immer in der Luft. Immerhin hatte man beim Autofahren keinen Mangel an Frischluft, da an diesem Jeep eigentlich alles offen war. Und so fuhren wir mehrere Stunden (jedenfalls gefühlt) über Stock und Stein. Warum wir auf dem Hinweg die durchlöchertste Straße, die ich je erlebt habe, nehmen mussten, weiß ich auch nicht, denn auf dem Rückweg fuhren wir nur bequeme Straßen – aber man gewöhnt sich in Indien daran, manche Fragen einfach nicht mehr zu stellen. Warum auch? Es ist halt so. Dinge hinzunehmen, sei die typisch indische Lebenseinstellung. In Büchern wird sie aus dem Hinduismus her begründet. Oder auch andersherum. Jedenfalls gerät man schnell in den Sog dieser indischen Lebensweisheit. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Auf jeden Fall macht der deutsche Hang zur Effizienz die Abläufe nicht unbedingt menschlicher. In Indien ist irgendwie alles menschlich, oder aber unmenschlich, aber nie nichtmenschlich (bürokratisch).



So wurde bei diesem Ausflug extra ein Umweg genommen, um unterwegs noch die Schwester des Vaters zu begrüßen. Überhaupt bekommt man in Indien das Gefühl, dass irgendwie alles eine große Familie ist. Ich lernte in den wenigen Tagen bei dieser Familie zig Verwandte und Bekannte kennen – wo wir auch hinkamen, wir trafen auf Familie. Familie hat überhaupt in Indien einen völlig anderen Stellenwert als bei uns. Bezeichnend war für mich die Antwort von Studenten in einem College auf meine Frage, was sie denn nach dem Unterricht zu Hause machen: „Mit den Eltern zusammen sein oder Fernsehen“ – Sie haben richtig gelesen: „Eltern“! Nein, Sie haben sich wirklich nicht verlesen: ELTERN! Zeigen Sie mir in Deutschland den Studenten, der das von sich sagen würde!!! Wo wir uns in Deutschland über Arbeit und Freundeskreis definieren, ist in Indien die Familie ein und alles. Sie ist Fluch und Segen, Enge und Geborgenheit. Aber das, worunter in unserer individualisierten Gesellschaft viele – gerade ältere Menschen – leiden, gibt es dort gar nicht, oder zumindest selten: Einsamkeit.



Das zeigt sich z.B. allein daran, dass der Inder zum Körperkontakt eine ganz andere Beziehung hat als der Deutsche. Sonst könnte man ja auch gar nicht zu fünft auf einem Motorrad sitzen oder zu zehnt aus einer Motorrikscha aussteigen. Nicht unüblich ist es auch, dass Männer dort Hand in Hand gehen – an unserem letzten Tag passierte mir dies auch. Und auch wenn es für mich ungewohnt war, es war auch schön. Denn wie soll in einer körperlich distanzierten Welt wie der unsrigen die Seele ihre Berührung erfahren? Kein Wunder, dass es bei uns so viele Psychotherapeuten gibt. Körper und Seele gehören in Indien eng zusammen, wie auch Mensch und Religion.



Ich werde nie vergessen, wie auf meiner letzten Reise in Griechenland unsere Reiseleiterin sagte: „Was uns Griechen hilft in der Krise, das ist allein die Familie und der Glaube.“ Ich musste daran denken, wie bei uns in Deutschland genau diese beiden Fundamente immer mehr wegbrechen – ob wir noch in wirklichen Krisen bestehen könnten? Für die Inder sind das jedenfalls die beiden unverrückbaren Bezugspunkte im Leben: Familie und Religion. Und wie man überall Familie trifft, so auch Religion. Kaum ein Geschäft, in dem nicht ein Jesusbild oder ein hinduistisches Bild hängt. Kaum ein Taxi (Motorrikscha) oder ein Bus, an dem nicht ein religiöser Spruch zu lesen ist. Und ich denke nur an unseren letzten Abend in Kochi, wo ein Fischer auf dem Steg stand und auf seine Netze schaute und ein Gebet für den Fang sprach.



Oder ich denke an die Hochzeit, an der wir teilnehmen durften. Vor der Abfahrt in die Kirche wurde der Bräutigam in seinem Hause von allen Älteren der Familie gesegnet. So arm aus unserer Sicht auch vieles in Indien erscheinen mag – der Segen spielt dort eine viel größere Rolle als bei uns. Vor allem in „God’s own country“ – so jedenfalls wird seit den 80er Jahren Kerala touristisch vermarktet. Und es ist ein gesegnetes Land, allein z.B., was die Gaben der Natur betrifft: Kokosnuss, Mango, Ananas, Papaya, Cashewnüsse, Pfeffer, Kakao, Kaffee, Tee. Bis auf reines Wasser gibt es dort eigentlich alles im Überfluss.



In betörender Fülle wird einem dort auch noch etwas anderes vor Augen geführt: die Schönheit des Menschen. Ich kann gar nicht sagen, woran es genau liegt – sei es der Reiz von dunkler Haut für Bleichgesichter oder die üppige Haarpracht oder die individuellen Saris und Churidars in allen erdenklichen Farben oder das Geschmeide um Hals und Arme und Füße –, was auch immer: Indien ist ein an Schönheit reiches Land. Selbst die einfachste Putzfrau sah ich mit langen Haaren, im Zopf gebunden, und Ringen, Armreifen und Fußkettchen und einem Sari. Zudem ist indischen Frauen ein würdevoller Gang zu eigen, was wohl an dem Sari liegt, den anzuziehen Zeit und Übung braucht. Aber bei der Kleidung gilt – im Kontrast zu Deutschland – wie bei der Essenszubereitung: es geht nicht um Schnelligkeit, denn der Weg hat seine Berechtigung, nicht nur das Ziel. Das habe ich auch bei der langen Autofahrt mit der Familie erfahren. Das Eigentliche war hierbei nicht der Pinienwald, den wir uns anschauten, sondern die Fahrt dahin. Wir Deutschen sind immer so gewohnt, etwas auf ein Ziel hin zu tun, und verlieren dabei oft die Schönheit und Würde des Weges aus den Augen.


Aber nicht nur in dieser Hinsicht kam ich mir als Europäer arm vor. In Indien trifft man auf das, was hierzulande nirgendwo als Ziel gilt, wenn auch die Bibel es als höchstes Gut anpreist: Weisheit. Ein alter Mensch ist in Indien nicht nur ein verwelkter Jugendlicher wie bei uns, sondern ein Mensch, der durch Erfahrung gereift ist, und dessen Rat man beachtet. Altersweisheit, Lebensweisheit. Besonders ergreifend war dabei für uns ein Besuch in einem Altenheim. Bei all der Armut und Einfachheit in diesem Gebäude – das war keine Durchfütterstation für Abgelebte, sondern wir trafen auf Schicksale in Würde, die in ihrer kindlichen Freude uns reich beschenkten.



Soviel gäbe es noch zu erzählen von diesen unvergesslichen Tagen. Doch auf eines möchte ich zum Schluss als Theologe noch eingehen. Auch in dieser Hinsicht gab es für uns Anregungen und Neuentdeckungen. Das dominierende theologische Konzept in der CSI ist zurzeit: Borderless Church. Die grenzenlose Kirche als Ort, wo Menschen ihre Mauern und Zäune in Köpfen und Herzen in der Nachfolge Jesu hinter sich lassen. Wie Abraham, der seine Heimat verließ, stehen wir vor der Herausforderung, das Vertraute zu überwinden und zu den Menschen zu gehen. Und dort können wir dann im Hungrigen, im Durstigen, im Fremden, im Nackten, im Kranken und im Gefangenen Jesus entdecken. Er ruft uns aus den Grenzen unserer Bequemlichkeit und Sicherheit ins wahre Leben. – Was für eine Herausforderung, gerade in unserem heutigen Deutschland!

Reich beschenkt – an Gewürzen und Tüchern, aber vor allem an Erfahrungen, Gedanken, Freundschaften – machten wir uns wieder auf den Heimweg. Und ich merke, wie wichtig für uns gerade diese Partnerschaft mit East Kerala ist. Es ist eine echte Partnerschaft, die auf Geben und Nehmen beruht. Wir Deutschen sind zwar Geldgeber, aber wir können dafür dort etwas lernen und empfangen, was kein Geld dieser Welt kaufen kann. Diese Partnerschaft macht uns wirklich reicher.

Eingestellt von Traudi Schlitt, Text und Bilder von Johannes Wildner
05.02.2018