Passion   -   Ostern 2016


Wieviel müssen wir schaffen ?

An dieser Frage – natürlich im Blick auf die Flüchtlinge – arbeiten sich zur Zeit Medien und Gesellschaft ab.

Betrachtet man dazu den Umfang des Problems:

  •  die von außen befeuerten Kämpfe in Syrien, im Iraq und auch wieder in der Ukraine,
  • die Härte, mit der die türkische wie die russische Regierung, der Iran wie Saudi Arabien in diesem Krieg eigene Großmachtziele verfolgen,
  • die Hilflosigkeit der demokratischen Gesellschaften, die – obwohl sie an ihre Grenzen kommen – Flüchtlingen dennoch Schutz und Hilfe bieten möchten –

dann klingt diese Frage ängstlich und sehr vorsichtig in unsern Debatten.

Es ist keine Frage: die vielen Flüchtlinge haben unsere Gesellschaft bereits jetzt tiefgreifend verändert. Behörden auf allen Ebenen bekommen wichtige neue Aufgaben, die Bilder von ertrunkenen Kindern im Mittelmeer rütteln uns auf. Neue Nachbarn – egal, woher sie kommen – werden bewusster wahrgenommen und begrüßt; das Tempo der täglich neuen Schicksalsschläge hält uns in Atem. Kirchengemeinden und Aktionsgruppen können sich vor neuen Aufgaben kaum retten…

Auch die Frage nach unserm Glauben spielt darin eine wichtige Rolle.
In den Bibelabenden der letzten Wochen haben wir uns mit der Person Abrahams befasst. Er wird in der hebräischen Bibel wie auch im Neuen Testament und genauso im Koran als „Vorbild des Glaubens“ geschildert: als ein Mensch, der - ohne irgendein bestimmtes Gesetz oder Gebot zu kennen – sich ganz und gar auf Gott verlässt.
Wir haben herausgearbeitet, wie verschieden der Islam und die christliche Botschaft die Figur Abrahams für ihre je eigene Botschaft deuten, und dabei doch eine Vielzahl übereinstimmender, gemeinsamer Überlieferungen entdeckt.
Wir müssen vor der Religion der meisten zu uns kommenden Flüchtlinge gewiss keine Angst haben, sondern sollten gerade mit ihnen offen über alle Fragen des Glaubens reden. Auch wir können dabei nur profitieren!

Auch die Reden über den Islam als „mittelalterliche Gewaltreligion“, die nicht in die Gegenwart passt, sollten wir sehr kritisch befragen.
Es sind in diesem Jahr genau 100 Jahre, dass deutsche und französische Militärs samt ihren Verbündeten z.B. bei Verdun keine bessere „Strategie“ wussten, als Hunderttausende junge Soldaten in eine irrsinnige „Abnutzungsschlacht“ zu schicken, an der sie und ihre Angehörigen verzweifelten. So ganz lange sind wir also selbst nicht in einem friedlichen Europa angekommen, und wir können nur dankbar sein, dass uns das inzwischen trotz dieser Geschichte so selbstverständlich ist. Auch in der Ukraine sind es Christen, die sich gegenseitig mit Hass und Misstrauen überziehen.

„Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offb.1,18)

Der Wochenspruch der Osterwoche kann uns zweierlei zeigen:

a) auch Jesus ‚war tot‘ - verurteilt und hingerichtet, von den Menschen der guten Gesellschaft ausgeschlossen und verdammt.
Menschen, denen es heute ähnlich schlecht geht, sind ihm darum eher besonders nah als sehr fern und von ihm verlassen.

b) Auch heute ist die Frage, was „wir schaffen müssen“, nicht von uns zu beantworten!
Gott „hat die Schlüssel des Todes und der Hölle“.

Und wie er Christus ins ewige Leben gerufen und auferweckt hat, so ruft er auch uns und die Menschen von heute ins Leben – zum Frieden – in sein „Reich der Himmel“, bereits jetzt.
Dazu können wir alle etwas mittun und ist kein Beitrag zu klein! Ein Vorgeschmack auf Ostern ist die große Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden, die niemand kannte, allemal – eine Gabe Gottes und eine Aufgabe Gottes, die uns verändert hat und bewegen will.
Wir können darauf vertrauen, dass auch mit verschiedener Religion und neuen Nachbarn ein friedliches Zusammenleben gelingt und uns gut tut.

Walter Bernbeck