Was Spermagerät mit Nachhaltigkeit zu tun hat und wie man einfach so Faire Gemeinde ist

Die Gemeinde Billertshausen glänzt mit Repariercafé und Zertifizierung


Die Kirchengemeinde Billertshausen/Zell ist in vielen Belangen Vorreiterin: Im Rahmen einer Dorfwoche vor mehr als 20 Jahren erwarb sie Anteile an einem der ersten Windräder der Region und führte damit nicht nur die erneuerbare Energie in der Region ein, sondern auch die Bürgerbeteiligung. Gemeinsam mit Pfarrer Walter Bernbeck greift man hier gerne aktuelle Themen auf, und diese werden nicht nur diskutiert, sondern es werden auch Lösungen angestrebt. So entwickelte sich aus dem Billertshäuser Klimagipfel im Jahr 2015 ein Repariercafé, das sich sehr zur Freude der Organisationsgruppe prächtig entwickelt hat und das es so nur einmal im Evangelischen Dekanat Vogelsberg und sehr wahrscheinlich auch im Vogelsbergkreis gibt.
Rep Café 1

Über 40 Mal haben sich seit der Gründung des Repariercafés bereits Menschen im Billertshäuser Pfarrhof oder im Jugendraum getroffen – dort wird je nach Wetterlage an jedem letzten Samstag im Monat getüftelt, beraten, ausgebessert und repariert, aber auch beisammengesessen, denn die Billertshäuser nehmen das Wort „Café“ durchaus ernst. „Wir haben ein Team aus Reparateuren und ein Team für das leibliche Wohl“, erzählt Dr. Ursula Bernbeck. Sie hält die organisatorischen Fäden in der Hand und führt handschriftlich ein kleines Büchlein, in dem für jedes Treffen vermerkt ist, wer zum Reparieren gekommen ist, wer welchen Kuchen mitgebracht hat, wie viele Besucher mit und ohne Reparaturen da waren. Neben einer bunten Auswahl der Billertshäuser Backkunst und einer durchaus stattlichen Zahl an durchgeführten Reparaturen sind darin auch allerlei Kuriositäten vermerkt. „Das ungewöhnlichste Gerät, das wir hier bisher zum Reparieren hatten, war ein Sperma-Auftaugerät für Veterinäre“, berichten die Reparateure, die es tatsächlich schafften, das gute Stück wieder in Betrieb zu nehmen. Auch ein Uhrenaufziehgerät fand mit seinem Besitzer den Weg nach Billertshausen, hiermit waren die Tüftler – in der Regel ruheständige Handwerker und Techniker – mehr als zwei Stunden beschäftigt, bis sie herausfanden, dass ein Riemen fehlte, den sie mit einem stinknormalen Haushaltsgummi ersetzen konnten.
In der Regel bringen die Menschen hier die verschiedensten Haushaltsgeräte vom Staubsauger bis zum Thermomix mit, dazu alte Stühle, Bollerwagen und andere Einrichtungsgegenstände. Die Elektriker und Schreiner aus dem Reparierteam haben somit alle Hände voll zu tun und nicht selten können sie hinterher Erfolg verkünden. Auch kleine textile Ausbesserungsarbeiten an Kleidung oder Gardinen werden im Repariercafé angeleitet und wer möchte, kann hier auch das Strümpfestopfen lernen. „Wir sehen, dass die Menschen so langsam die Nase voll haben von der Wegwerfgesellschaft“, so Pfarrer Walter Bernbeck, der sich gemeinsam mit den Tüftlern des Reparier-Teams über die Entwicklung eines kleinen Tools freut, das es ihnen nun ermöglicht, Küchengeräte eines bestimmten Herstellers, die man eigentlich nicht öffnen kann, zu öffnen und zu reparieren. „Wir hoffen, dass wir bald dahin kommen, dass elektrische Geräte und andere Gegenstände wieder einfacher zu reparieren sind“, äußert Ursula Bernbeck eine Hoffnung, mit der sie längst nicht mehr allein dasteht: Im Herbst letzten Jahres nahm die Ärztin an einem Vernetzungstreffen von Reparatur-Initiativen teil und konnte von dort viele Impulse mit in den Vogelsberg bringen. „Es gibt ganz tolle Initiativen, die man natürlich in erster Linie im Netz findet“, so ihre Empfehlung für alle, die ihr „Recht auf Reparatur“ einfordern und wahrnehmen wollen.
Rep. Café

„Das geht unter https://weact.campact.de/petitions/recht-auf-reparatur, außerdem kann man auf Websites wie ‚IFIXIT‘ kostenlose Reparaturhandbücher für so gut wie alles runterladen oder Ersatzteile und Werkzeuge erstehen.“ Weitere Informationen gab es dort zu vielen Themen, beispielsweise zu „Kritischen Rohstoffen“, u.a. die Seltenen Erden. „Es ist an der Zeit, dass wir uns mit den Ressourcen, die wir haben, beschäftigen und sie nicht mehr gedankenlos verschwenden“, werben die Mitstreiter im Repariercafé für mehr Bewusstsein: „Jedes Jahr das neueste Handy zu kaufen, ist doch nicht nötig.“ Und das gilt für viele Dinge, die vom Hersteller oft schon auf eine verkürzte Lebensdauer hin entwickelt wurden, die sogenannte „geplante Obsoleszenz“. Ihr und auch den natürlichen Ausfallerscheinungen von Geräten und Gegenständen aller Art wird man auch in Zukunft in Billertshausen zu Leibe rücken. Dafür wünschen sich die Verantwortlichen gerne noch ein paar junge Leute, die frisches Wissen mitbringen. „Toll wäre es, wenn wir jemanden hätten, der Handy-Bildschirme reparieren könnte“, macht Ursula Bernbeck auch ein wenig Werbung für ihre Einrichtung, die sich aber keinesfalls als Konkurrenz für kleine Handwerksbetriebe sieht. Eine neue Rubrik hat sich seit Bestehen des Cafés schon von selbst entwickelt: Eine kleine Gruppe Frauen widmet sich dem Upcycling und macht aus alten Dosen schöne Blumenübertöpfe, filigrane Dekoration aus alten Büchern und aus Sektkorken Elfenstühle. Richtig gelesen: Elfenstühle – falls man mal welche braucht. Gern gesehen sind im Repariercafé auch Menschen, die ein wenig Gesellschaft suchen. „Man muss nicht unbedingt etwas kaputtmachen, damit man sich zu uns gesellen kann“, lacht Ursula Bernbeck. Die Möglichkeit im Ort eine Begegnung zu schaffen, ist ein gewollter und schöner Nebeneffekt des Repariercafés.

Rep. Café 3

Neben der Windkraftanlage, die die Gemeinde anteilig betreibt, und dem Repariercafé ist auch der kleine Weltladen, den es schon seit über drei Jahrzehnten im Billertshäuser Pfarrhaus gibt, ein weiteres Zeugnis des fairen und nachhaltigen Handelns. Und weil das alles so einen guten Eindruck macht und darüber hinaus auch noch im Alltag mit jeder Menge Leben gefüllt ist, wurde die Kirchengemeinde Billertshausen/Zell Ende letzten Jahres bereits mit dem Zertifikat „Faire Gemeinde“ bedacht – und das ganz ohne langen Zertifizierungsprozess, ganz einfach, weil die Menschen hier schon lange fair und nachhaltig arbeiten.
Weltladen Bill.

Verliehen wird das Zertifikat vom Zentrum Oekumene in Kooperation mit den Evangelischen Landeskirchen von Kurhessen-Waldeck und Hessen und Nassau – zunächst für zwei Jahre, dann wird wieder nachgefragt, ob die rührige Gemeinde ihre Selbstverpflichtungserklärung noch einhält. Und das soll natürlich so bleiben, auch wenn sich Walter Bernbeck im Sommer in den Ruhestand verabschiedet. Es sind viele Grundsteine dafür gelegt.
Text und Bilder von Traudi Schlitt