Mensch bleiben mit persönlichen Grenzen

Blaulichtgottesdienst der Notfallseelsorge des Vogelsberges beleuchtete Grenzen der Helfenden

„Mit Grenzen leben“ – unter dieses Motto hatte Notfallseelsorger Thomas Schill den diesjährigen Blaulichtgottesdienst gestellt, der am Mittwochabend in der Ev. Kirche in Lauterbach stattfand.
Knapp hundert Haupt- und Ehrenamtliche aus allen Bereichen der Hilfeleistung für Menschen in Not waren gekommen, um gemeinsam dieses Thema zu beleuchten und sich für ihr Wirken unter den Segen Gottes zu stellen.

Kirchenmusikerin Claudia Regel eröffnete den Gottesdienst, der daneben auch von der Gruppe „Sax Affair“ der Lauterbacher Musikschule begleitet wurde. Die Begrüßung der Gäste übernahmen Jutta Heß, Vorsitzende des Kirchenvorstandes, sowie Pfarrer Thomas Schill, der besonders die Vertreter der einzelnen Einsatzbereiche ansprach, darunter Kriminaldirektor Andreas Böhm, Leiter der Polizeidirektion Vogelsberg, und Dr. Sven Holland, Kreisbrandinspektor im Vogelsberg. Neben Polizisten und Feuerwehrleuten wohnten Ärzte und Sanitäter verschiedener Organisationen sowie die Notfallseelsorger des Vogelsbergs und die derzeitigen Hospitanten in der Notfallseelsorge der Veranstaltung bei.



„Wir wissen oft nicht, was wir tun können.“ – „Wir sind oft hilflos“ – „Wir müssen uns Anfeindungen gefallen.“ – „Wir müssen erleben, wie Kameraden verletzt werden oder gar umkommen.“ – „Wir möchten Menschen in Grenzsituationen Kraft schenken.“ Mit Zitaten von Helferinnen und Helfern beleuchtete zunächst der Notfallseelsorger Thomas Schill das Thema, das im Verlauf des Gottesdienstes von Einsatzkräften selbst noch vertieft wurde. So griff Polizeihauptkommissar Hasso Hofmann den Begriff der Grenzerfahrung sehr vielschichtig auf und beschrieb eindringlich, wo Polizisten im Einsatz Grenzerfahrungen sammeln, an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen: Sei es die Erfahrung von Todesangst bei aus dem Ruder laufenden Einsätzen wie dem vergangenen G20-Gipfel in Hamburg, sei es der Umgang mit dem Tod, den man nicht ein einziges Mal aus den Kleidern schütteln können. „Jeder von uns erinnert sich an die Toten, auf die er im Einsatz traf“, so die ehrliche und bewegende Aussage eines Mannes, für den Grenzerfahrungen Berufsalltag sind und unter denen er und seine Kollegen dennoch konzentriert handeln müssen. Hofmann sprach auch die psychischen Belastungen an, die solche Erfahrungen mit sich bringen. Abgrenzung zum Selbstschutz sei hier nötig – sofern sie gelinge.



Der Polizeihauptkommissar thematisierte das aktuelle Problem der Respektlosigkeit gegenüber Einsatz- und Hilfskräften und sprach auch Probleme an, die der Zuzug von Geflüchteten – die Grenzöffnung - für Polizisten mit sich gebracht hat. „Situationen eskalieren schnell, dann heißt es unter Kollegen ‚Das war grenzwertig‘“, variierte er den Begriff der Grenze erneut. Mit Normen, Gesetzen und Vorschriften bewege man sich innerhalb von Grenzen, eine Lösung für den Umgang mit den vielen verschiedenen Grenzerfahrungen böten sie jedoch nicht. Die könne jeder nur subjektiv finden, doch „Mensch bleiben mit seinen persönlichen Möglichkeiten und Grenzen ist oft schon schwer genug.“ Mit diesen Ausführungen hatte Hofmann nicht nur einen ehrlichen Blick auf eine oft unbekannte Seite des Polizeialltags gelenkt, sondern auch vielen anderen Einsatzkräften aus der Seele gesprochen, die alle mit ähnlichen Erfahrungen zu tun haben, wie seitens der Feuerwehr der Ehrenamtler Peter Müller in seiner Betrachtung bestätigte.



Eingebettet war der Gottesdienst nicht nur in sehr gut ausgewählte Musik und Lieder, sondern auch in biblische Texte, Fürbitten und Gebete, die sich mit dem Thema „Grenzerfahrung“ beschäftigten, wie beispielsweise das bewegende Glaubensbekenntnis Dietrich Bonhoeffers. Pfarrer Sven Kießling, Fachberater für die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV), fasste das Motiv des Gottesdienstes mit einem Zitat von Leonard Cohen zusammen: „Überall muss es Risse geben, nur so kann das Licht hinein leuchten.“ Auf einer Karte in Visitenkartengröße konnten sich die Besucher des Gottesdienstes dieses Zitat mitnehmen.
Kurz vor Abschluss der Veranstaltung übernahm KBI Dr. Sven Holland noch eine erfreuliche Aufgabe:



Er überreichte dem in den Ruhestand ausgeschiedenen Notfallseelsorger Pfarrer Harald Wysk die Feuerwehr-Ehrenmedaille, eine Ehrung des Deutschen Feuerwehrverbandes. Wysk, so führte Dr. Holland aus, habe als erster Notfallseelsorger im Kreis die Einrichtung der Notfallseelsorge mitgeprägt und gestaltet. Der Vogelsberg sei auf diesem Gebiet seiner Zeit weit vorausgewesen, lobte der KBI. Wysk habe den ersten Blaulichtgottesdienst durchgeführt und sich auf dem Gebiet der Psychosozialen Notfallversorgung um die Gesunderhaltung der Einsatzkräfte verdient gemacht. Besonderen Fokus habe der Pfarrer auf die Betreuung von betroffenen Kindern gelegt. „Für mich ist Harald Wysk das Synonym für die Notfallseelsorge“, würdige Dr. Holland dessen Verdienst.




Text und Bilder: Traudi Schlitt